Kommentar

Viele Bremer betteln förmlich um die Ausgangssperre

"Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst." Diesen Appell der Kanzlerin haben 25 Millionen Menschen verfolgt. In Bremen scheinen viele nicht zugehört zu haben, so der Eindruck unseres Redakteurs Thorsten Reinhold.

Menschen gehen über Zebrastreifen
Der Ernst der Lage ist bei vielen Bremern noch nicht angekommen. Bild: Imago | imagebroker
  • "Wer unnötige Begegnungen vermeidet, hilft allen, die sich in den Krankenhäusern um täglich mehr Fälle kümmern müssen. So retten wir Leben."
  • "Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt."
  • "Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern das ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen."

Diese drei Sätze der Bundeskanzlerin sind so eindeutig und klar, dass sie NIEMAND missverstehen kann. Doch ich habe große Zweifel, dass Angela Merkels Botschaft bei allen angekommen ist. Was ich heute in Bremen gesehen habe, lässt mich ratlos, traurig und wütend zurück. Der Parkplatz vor einem Baumarkt ist so voll wie er nicht einmal am Wochenende in Vor-Corona-Zeiten war. Das Nötigste gibt es also dort?

Mitarbeiterinnen kleben Abstandsmarkierungen auf den Boden

Ich bin vorbeigefahren, weil mein Ziel ein Supermarkt war, um Seife, Milch und Brot zu holen. Auch unsere Katzen brauchen Futter. In dem Laden für Tierfutter ist es recht leer, aber die Mitarbeiterinnen kleben Abstandsmarkierungen auf den Boden. Der Grund dürfte klar sein. Auf meine Nachfrage kommt die bedrückende Bestätigung.

Ich packe den Einkauf ein und will den ersten Teil des Einkaufs im Auto lassen. Ich bin alleine unterwegs. Vor der Drehtür warte ich so lange, bis nur ich in einem Segment bin – Abstand halten. Das sagt nicht nur die Kanzlerin, sondern das sagen schon seit etlichen Tagen Virologen und Mediziner. Ich vertraue ihnen.

Abstand halten habe ich übrigens schon in einem Kommentar vor einer Woche gefordert. Da hatten wir 42 Corona-Fälle im Land Bremen. Inzwischen hat sich die Zahl fast verdreifacht. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht", höre ich dann eine ältere Dame im Supermarkt sagen. Während ich den Rest meines Einkaufs erledige, frage ich mich, ob ich etwas falsch verstanden habe.

Nein, vergewissere ich mich. Und während ich das denke, bleibt ein Paar direkt neben mir am Regal für Hygieneartikel stehen – Abstand 50 Zentimeter. Ich mache einen großen Schritt zurück und bringe zwei Meter zwischen uns. Eigentlich will ich was sagen, halte dann aber doch die Klappe. Ich habe den Eindruck, ich gehöre zu einer Minderheit, der das wichtig ist.

Merkels Appell an die Vernunft ist noch nicht angekommen

An der Kasse kommt die Bestätigung. Ich stelle mich an und lasse, wie auf den Hinweisschildern gefordert, ABSTAND. Eine Frau schiebt sich direkt zwischen mich und meine Vorderfrau. "Wie wäre es mit Abstand?", frage ich sie. "Ach, Sie stehen in der Schlange." Ja, in Corona-Zeiten sehen Schlangen an Kassen anders aus. Die Kassiererin ist freundlich, ohne Mundschutz dafür mit Handschuhen, und bestätigt meinen Verdacht: Abstand halten, Merkels Appell an die Vernunft der Menschen, ist noch nicht angekommen.

Beim Rausgehen gehe ich an einer Frau vorbei. Sie sitzt auf einer Bank, starrt auf ihr Handy und hustet. Das kann passieren. Es ist schließlich Erkältungszeit – aber auch der Moment der Corona-Epidemie. Sie hustet nicht in den Ellenbogen, sondern einfach mal so in den Raum. Ich drehe angewidert und irritiert um und nehme den anderen Ausgang.

Es reicht offenbar nicht, zu wissen, was in Italien passiert. Es reicht offenbar nicht, wenn die Kanzlerin sich mit einer historischen Ansprache an das Volk richtet. Meine Frau, die in Italien inzwischen seit Tagen in häuslicher Isolation sitzt, schüttelt den Kopf über das, was ich ihr aus Bremen erzähle. Andere italienische Freunde fragen mich, ob wir Deutschen glaubten, dass wir immun gegen dieses Virus seien. Ich frage mich inzwischen: Haben hier einige den Schuss nicht gehört? Offenbar müssen wir erst selbst diese dramatische Erfahrung machen, um zu begreifen.

Offenbar helfen jetzt nur noch Verbote

Die Deutschen sind diszipliniert. Das ist ein typisches Bild, das Italiener von uns haben. Sie haben geglaubt, dass wir begriffen haben und uns an die Einschränkungen halten. Falsch gedacht. "Ich appelliere an Sie. Halten sie sich an die Regeln", hat die Kanzlerin eindringlich gefordert.  Passiert das nicht, kann nur noch eines kommen – nämlich die Ausgangssperre. So wie sich viele Bremer und Bremerinnen verhalten, schreien sie förmlich danach.

Brauchen wir jetzt eine Ausgangssperre in Bremen?

Video vom 17. März 2020
Martin Götz sitzt im Bremer Gesundheitsressort

Autor

  • Thorsten Reinhold

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. März 2020, 19:30 Uhr