Party trotz Corona: Bremens Jugend wartet auf angemessene Angebote

Jugendliche während der Pandemie. Eine Gruppe von Jugendlichen sitzt zusammen auf einer Mauer
Bild: DPA | Sven Simon
Bild: DPA | Sven Simon

Endlich wieder unbeschwert sein: Gerade junge Menschen sehnen sich in Bremen nach Kontakten und Abwechslung. Sonderaktionen der Politik laufen oft an ihnen vorbei.

Mattis Wolf ist enttäuscht, wenn er an die vergangenen Wochen und Monate der Corona-Pandemie zurückdenkt. Der 16-Jährige lebt in Bremen-Nord und besucht dort die 10. Klasse der Oberschule an der Lerchenstraße. "Ich bin extrem genervt. Für uns gab es, als wir am meisten Ausgleich gebraucht hätten, keine Möglichkeiten", sagt er. In Zeiten, als nichts erlaubt war, habe es für ihn nur Schule mit Distanz- und Wechselunterricht gegeben. Keine gemeinsamen Pausen mit Freunden, kein Abschalten, keine Abwechslung – auch nicht nach Unterrichtsende. Mögliche Folgen dieser Erfahrungen machen Mattis nachdenklich.

Ich mache mir extrem Sorgen, dass das Vertrauen in die Politik in unserer Generation in Zukunft noch stärker geschädigt sein könnte, also sowieso schon.

Ein Jugendlicher im T-Shirt steht lächelnd auf dem Bremer Markplatz
Mattis Wolf, 16 Jahre

Viele flüchten ins Freie

Jetzt, wo die Infektionszahlen in Bremen und Bremerhaven so niedrig wie lange nicht mehr sind und der Sommer auch an der Weser Einzug gehalten hat, zieht es zahlreiche Menschen ins Freie – darunter auch Jugendliche, wie zum Beispiel Leon Horn und seine Freunde. Der 17-Jährige genoss zunächst den Trubel am Osterdeich. "Da war einfach Stimmung, schönes Wetter, man hat endlich wieder Leute gesehen", sagt er. Mittlerweile verzichte er aber freiwillig auf die Treffen am Deich. Der Grund: die ständige Polizeipräsenz. "Es gibt wirklich nichts für uns und wenn wir dann mal mit fünf bis zehn Leuten da sitzen, kommt direkt die Polizei", sagt Leon.

Erst vergangenes Wochenende hat sich der Eindruck des jungen Bremers wieder bestätigt. Nach Angaben der Bremer Polizei saßen bis zu 1.600 Menschen bis tief in die Nacht am Osterdeich, geltende Corona-Regeln wurden nicht immer eingehalten. Die anfangs friedliche Atmosphäre wurde laut Polizei zunehmend aggressiv. Am Ende der Nacht verbuchte die Polizei zahlreiche Beleidigungen, Schlägereien und Bußgelder. Leon und seine Freunde bleiben deswegen seit einigen Wochen lieber zu Hause, auch wenn sie das wieder in den alten Trott der letzten Monate zurückbringt. Er macht derzeit ein Praktikum und steigt in ein paar Monaten in der Firma seines Vaters in das Arbeitsleben ein.

Die Jugend ist die schönste Zeit. Uns wird sie gerade genommen.

Leon Horn, 17 Jahre

Keine Angebote für Junge – ein berechtigter Vorwurf?

Um nach dem langen Corona-Lockdown wieder Leben in die Bremer Innenstadt zu bringen, hat die Bremer Politik diverse Projekte ins Leben gerufen und durch Gelder aus dem Bremen-Fonds unterstützt. Darunter: die Gerüstkonstruktion "Open Space" auf dem Domshof oder auch Theatervorstellungen auf dem Goetheplatz. Für Jugendliche scheint nicht wirklich etwas dabei zu sein. Das Bremer Kulturressort widerspricht.

"Selbstverständlich wissen wir um die schwierige Lage der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Pandemie", sagt Werner Wick. Der Behördensprecher verweist auf die Projektförderung "Junge Szene" und diverse Angebote wie etwa die Breminale, das "Irgendwo" in der Airportstadt mit Open Air-Konzerten und Freiluftkino, der Verein Zucker mit seinen unkommerziellen Partys, Konzerten und Festivals, sowie der Bremer Kultursommer "Sommer Summarum" oder das Portfolio des Kukoon. Laut Wick wurde und wird viel gemacht, "auch für die junge Klientel".

Bescheidene Wünsche

Der erst vor wenigen Tagen gestartete experimentelle Veranstaltungsort "Open Space" auf dem Domshof biete auch ein Musikprogramm für junge Leute, so Wick. Leon Horn ist dieses von der Stadt geförderte Projekt fremd. "Ich wohne direkt am Wall, aber davon habe ich nichts mitbekommen", sagt Leon.

Mattis Wolf hat von "Open Space" zumindest gehört, aber "interessant klang es nicht", so der 16-Jährige. Gut fände Mattis dagegen einen Ort, wo man bei gutem Wetter unter Leute komme, eine Art Beachclub mit Musik.

In der jetzigen Zeit wäre es einfach schön, für die letzten Monate belohnt zu werden und nicht angekreidet zu werden, dass wir an der frischen Luft bei niedrigem Infektionsrisiko einfach mal abschalten wollen.

Ein Jugendlicher im T-Shirt steht lächelnd auf dem Bremer Markplatz
Mattis Wolf, 16 Jahre

Leon erkrankte selber an Corona, genauso wie seine gesamte Familie. "Zum Glück sind wir alle gut davongekommen", sagt er. Vor der Pandemie ist der 17-Jährige gerne in Discos gegangen. Warum diese in Bremen weiterhin geschlossen bleiben, versteht er nicht, schließlich gebe es doch Schnelltests. Leon wünscht sich keine großen Sonder-Aktionen mehr von der Politik. Er hofft stattdessen, dass alles schnell wieder so wird, wie es einmal war. Auch Mattis könnte wohl im Zweifel auf einen Beachclub verzichten. "Ein Highlight wäre für uns alle wahrscheinlich einfach Normalität", glaubt er.

Dieses Gerüst soll wieder Leben in Bremens Innenstadt bringen

Video vom 25. Juni 2021
Ein Gerüst steht auf dem Bremer Domshof.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 29. Juni 2021, 8:46 Uhr