Interview

Bremens Kultur: "Dauer der Pandemie kann zur Schicksalsfrage werden"

Bremens Kulturlandschaft ist vielfältig – noch. Denn seit Corona bleiben Bühnen leer und Instrumente stumm. Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz zeigt sich kämpferisch.

Carmen Emigholz
Carmen Emigholz ist seit 2007 Bremer Staatsrätin für Kultur, der Erhalt der Vielfalt der Bremer Kulturszene ist ihr besonders wichtig. Bild: Der Senator für Kultur
Wie bewerten Sie die aktuelle Situation der Bremer und Bremerhavener Kultureinrichtungen – von Theater, Tanz und Musik hin zu Museen oder der Bildenden Kunst?
Für viele Kulturschaffende definiert der Pablo Picasso zugeschriebene Ausspruch „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“ ihr Berufsethos. Daher ist es selbstverständlich für alle Akteure belastend, dass Ausstellungen, Aufführungen, Konzerte und andere Projekte entweder nicht oder nur eingeschränkt stattfinden können. Besonders Künstlerinnen und Künstler leben vom Kontakt mit dem Publikum. Insgesamt erlebe ich eine Situation, die von hoher Solidarität und der Bereitschaft, das Beste aus der schwierigen Lage zu machen, geprägt ist – und zwar quer über alle Sparten, ganz gleich ob es sich um Theater, Musik, Museen, Literatur, Stadtkultur und vieles mehr handelt.
Wie dramatisch ist die Lage einzelner Menschen/Betriebe des kulturellen Bereichs und wie erleben Sie diese Situation?
Die Lage ist nicht einheitlich zu bewerten, weil die Ausübung der verschiedenen Berufsfelder in der Kultur unterschiedlich hohe Risiken in sich bergen. Wesentlich ist dabei, ob es bereits staatliche Förderungen gibt, ob es sich um privatwirtschaftlich tätige Einrichtungen oder Solo-Selbstständige handelt. Wir stehen zum Grundsatz der verlässlichen Kulturförderung und haben in enger Zusammenarbeit mit dem Senator für Finanzen dort, wo es nötig ist, eine flexible Steuerung des gegenwärtigen Haushalts vereinbaren können. Zudem konnten wir ein auf die Kulturszene abgestimmtes Soforthilfeprogramm in Höhe von 500.000 Euro für Solo-Selbstständige auflegen. Diese Maßnahmen helfen, ebenso wie die Beantragung von Kurzarbeitergeld – zunächst einmal – die Existenzgrundlagen zu sichern. Die gesamten Einnahmeausfälle und deren Folgen werden wir aber erst gegen Ende des Jahres bewerten können.
Um welche kulturelle Einrichtung machen Sie sich derzeit ganz besonders große Sorgen?
Uns machen besonders die Einrichtungen Sorgen, die selbst relativ hohe Eigeneinnahmen haben. Darüber hinaus müssen wir die Lage der Solo-Selbstständigen im Auge behalten, für die unsere existenziellen Hilfen zwar Grundlagen sichern, aber nicht annähernd die früheren Einnahmen ausgleichen können.
Wem geht es verhältnismäßig gut und wer wird Schwierigkeiten haben, die aktuelle Krise zu überleben?
Unser Ziel ist es, die Kulturlandschaft in Bremen in ihrer Vielfalt zu erhalten. Wir hoffen, dass es uns gelingt, existenzbedrohende Situationen für Kulturschaffende möglichst zu vermeiden, aber wir müssen realistisch festhalten, dass dabei die Dauer der Pandemie zur Schicksalsfrage werden kann. Bedroht sind insbesondere Menschen, die während ihrer beruflichen Laufbahn wenig finanzielle Rücklagen aufbauen konnten. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Kultur.
Wie hat sich Ihr persönlicher Arbeitsalltag seit der Coronakrise verändert?
Mein regulärer Arbeitsalltag findet aus Gründen des Gesundheitsschutzes, wie bei vielen Menschen auch, unter besonderen Bedingungen statt. Anstelle persönlicher Gespräche nutze ich die Möglichkeit von Videokonferenzen, auch am Wochenende. Und bin auch öfters im Home-Office. Viele Akteure in der Kultur haben Sorgen und Nöte, insofern ist es für mich selbstverständlich, dass mein Arbeitstag deutlich länger geworden ist. Ich bemühe mich, auf alle Anfragen zeitnah zu reagieren, weil ich immer wieder die große Unsicherheit spüre, die Menschen in dieser Situation empfinden. Selbstkritisch muss ich feststellen: Der Konsum von Kaffee und Schokolade hat deutlich zugenommen. Ganz wichtig ist mir, darauf hinzuweisen, dass ich im Hause ein großartiges Team habe, dass mich bei meiner Arbeit unterstützt.
Stapeln sich auf Ihrem Schreibtisch noch immer die Anträge der vielen Kulturschaffenden Bremens oder läuft das alles digital ab?
Jetzt seltener, denn wir haben beim Ausbruch der Pandemie eine eigene Task-Force eingerichtet. Innerhalb dieser Task-Force gibt es ein Team von Kolleginnen und Kollegen, die die Anträge in Rücksprache mit uns und den Referatsleitungen bearbeiten, und das überwiegend digital. Bei dieser Konstruktion war uns wichtig, dass die regulären Haushaltsbelange und die Soforthilfemaßnahmen getrennt behandelt werden, damit es nicht zu einer Verquickung von Interessen kommt.
Erste Museen konnten in Bremen und Bremerhaven schon wieder öffnen. Welchen anstehenden Öffnungen fiebern Sie ganz besonders entgegen und warum?
Wenn man so lange für die Kulturförderung verantwortlich ist wie ich, stellt sich nicht die Frage nach einzelnen Veranstaltungen, sondern nach der Breite des Angebots. Ich hoffe aber, dass es im Herbst unter den Bedingungen des Gesundheitsschutzes wieder kleinere Theater- und Konzertformate geben kann und dass viele Kulturakteure insgesamt ihre Arbeit den Menschen in unserer Stadt möglichst rasch wieder zur Verfügung stellen können. Wenn ich drei Projekte herausgreifen müsste, dann vielleicht die folgenden: Das Parkfestival von Stadtkultur, das man mit Fahrrad und Picknickkorb besuchen kann, die neue Dauerausstellung in der Kunsthalle und den John-Lennon-Liederabend "Imagine" im Theater Bremen.
Was glauben Sie: Wie wird die Bremer Kulturszene aus dieser Krise heraustreten? Bieten sich auch kreative Ansätze für einen positiven Umgang mit ihr?
Wir merken jetzt schon an der vielfach geäußerten Ungeduld, dass die Menschen die Kultur vermissen. Selten habe ich so viel Positives über unsere Einrichtungen, Initiativen und Projekte gehört wie in den letzten Wochen. Mich freut dies sehr, weil sich dahinter auch eine tiefe Wertschätzung für die Akteure verbirgt. Ich hoffe sehr, dass der Klang der schönen Worte auch Nachhall findet. Es zeigt sich jetzt schon, dass in der Kultur neue Strategien und Formate entwickelt werden. Auch die kulturelle Wirklichkeit wird sich nach Corona verändern. Ich habe bestimmt keine Sorge, dass es an Ideen fehlt.
Welche politischen Termine oder Entscheidungen stehen in der nächsten Zeit an, die für die Zukunft Bremer Kulturlandschaft wichtig sein werden?
Ab der kommenden Woche werden wir im Senat über den Bremen-Fonds verhandeln und schrittweise die Förderinhalte und Strategien festlegen. Vor der Sommerpause soll in der Bürgerschaft über den diesjährigen Haushalt entschieden werden, der deutliche Verbesserungen für die Kultur mit sich bringt. Zusammen mit dem Land Berlin haben wir für den kommenden Bundesrat Anfang Juni einen Antrag eingebracht, der ein gemeinsames Förderprogramm von Bund und Ländern für die Kulturschaffenden und besonders für Solo-Selbstständige einfordert. Diese Prozesse wollen wir in engem Dialog mit den Kulturakteuren gestalten.
Gibt es einen Moment oder eine Situation, der oder die Sie in der Coronakrise besonders beeindruckt hat?
Ja, das ungeheure Engagement der Menschen, die etwa im Gesundheitswesen, der öffentlichen Sicherheit, im Dienstleistungsbereich oder im Ehrenamt arbeiten. Auch viele Kulturakteure haben sich sehr engagiert und sind präsent geblieben, ob mit Balkonkonzerten oder Präsentationen auf YouTube, aber auch in der direkten Arbeit für den Gesundheitsschutz, wie das Theater Bremen mit der Produktion von Masken und Plexiglaswänden. Wenn ich meine Eindrücke zusammenfüge, würde ich mir wünschen, dass es uns gelingt, die Menschen, die in dieser Krise Verantwortung übernehmen, nach den Sommerferien in die Kultureinrichtungen einzuladen, um ihnen zu zeigen: Wir schätzen dieses Engagement!

Was machen Theaterschaffende während der Corona-Krise?

Video vom 14. April 2020
Eine Balletttänzerin übt bei ihr zuhause.

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 21. Mai 2020, 15:10 Uhr