Heimatschutz-Soldaten: Erster Jahrgang lernt in Delmenhorster Kaserne

26 Rekruten haben vor Bremens Toren die neue Ausbildung der Bundeswehr aufgenommen. Sie ist als Prestige-Objekt der Verteidigungsministerin zunächst ein Versuchsballon.

Video vom 14. April 2021
Soldaten sitzen auf Wiese und schreiben etwas mit
Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg
Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Ob zum Schutz der Infrastruktur vor terroristischen Anschlägen oder bei Hilfeleistungen nach Flutkatastrophen: Wer den neuen freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz ableistet, wird anschließend heimatnah eingesetzt, nicht bundesweit und schon gar nicht im Ausland. Darin liege der vielleicht größte Unterschied der neu geschaffenen militärischen Ausbildung gegenüber dem bekannten freiwilligen Wehrdienst, sagt Kommandeur Oberstleutnant Torsten Ickert.

325 Rekruten sind diesen Monat nach Angaben des Bundesverteidigungsministeriums erstmals zum "Wehrdienst im Heimatschutz" angetreten, 26 davon in der Feldwebel-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst. Sie ist einer von bundesweit dreizehn Ausbildungsorten.

Bund will Reserve stärken

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Auch Schießübungen gehören zur Ausbildung beim freiwilligen Wehrdienst für den Heimatschutz. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Das "Jahr für Deutschland", wie Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer den Wehrdienst im Heimatschutz auch nennt, sieht eine dreimonatige militärische Grundausbildung sowie eine anschließende viermonatige Spezialausbildung vor.

In den darauf folgenden sechs Jahren sollen die Soldatinnen und Soldaten in mindestens fünf Monaten Reservedienst bei der Bundeswehr leisten. Denn der Reserve, so die Idee, komme eine immer größere Bedeutung für die Bundeswehr zu, gerade weil die Wehrpflicht vor zehn Jahren weitgehend abgeschafft worden ist.

Thomas Krey, Sprecher der Bundeswehr im Land Bremen, betont, dass der Wehrdienst im Heimatschutz gerade für Frauen und Männer interessant sei, die beruflich oder familiär fest in einer Region verwurzelt seien. Sie könnten sich dank des neuen Angebots nun in der Bundeswehr engagieren, ohne fürchten zu müssen, dass sie fernab der Heimat stationiert würden.

Rund 9.000 Bewerberinnen und Bewerber habe es bundesweit bislang gegeben. Etwa 1.000 sollen zunächst insgesamt im Rahmen des Pilotprojekts eingestellt werden.

Mit 54 Jahren doch noch zum Bund

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Lernt am Geländesandkasten: Schützin Petra Isokeit. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Petra Isokeit gehört zum ersten Delmenhorster Heimatschutz-Jahrgang. Die 54-jährige Köchin aus Düsseldorf ist aufgrund des Lockdowns von ihrer Arbeit freigestellt worden. Im freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz hat sie für sich die große Chance erkannt, "doch noch zum Bund" zu kommen.

Ich wäre schon gern gleich nach der Schule zur Bundeswehr gegangen. Aber zu der Zeit konnten Frauen da nur beim Sanitätsdienst was werden.

Petra Isokeit, Rekrutin im Heimatschutzdienst

Dennoch habe sie vor ihrer Bewerbung eine Weile mit sich gerungen: "Bist Du in Deinem Alter noch fit genug für so etwas – das habe ich mich schon gefragt", blickt sie zurück. Letztlich habe sie ihr Sohn, der seinerseits gerade beim Bund sei, Mut gemacht.

"Du packst das", habe er gesagt. Daher habe sie sich schließlich für die Ausbildung entschlossen. Im Übrigen reize sie die Mischung aus praktischer Arbeit und theoretischem Unterricht beim Bund sowie die Aussicht auf den Reservedienst von Düsseldorf aus.

Wehrdienst statt Online-Studium

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Zieht den Wehrdienst der Online-Lehre in der Pandemie vor: Schütze Moritz Böcker. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Aus Düsseldorf stammt auch der 18-jährige Rekrut Moritz Böcker. Gäbe es Corona nicht, so hätte Böcker wahrscheinlich bereits vorigen Herbst ein Jurastudium aufgenommen. Denn er möchte Rechtsanwalt werden. "Ich habe aber keine Lust, nur online zu studieren", sagt er. Deshalb will er das Studium erst antreten, wenn wieder "mehr Normalität in Deutschland eingekehrt ist".

Bis dahin wolle er sich noch mehr Ordnung und Disziplin aneignen. Zudem freue er sich auf seine Zeit als Reservist in Düsseldorf und auf die Ausbildung an Schusswaffen wie dem Maschinengewehr und der Pistole.

Wehrdienst als Chance für einen Neustart

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Kann sich vorstellen, länger beim Bund zu bleiben: Schütze Jan Streubier. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Ganz so konkrete Erwartungen an die Zeit in der Kaserne formuliert der 27-jährige Rekrut Jan Streubier aus Berlin zwar nicht. Doch auch er zeigt sich von der Idee des freiwilligen Wehrdienstes im Heimatschutz überzeugt.

Er sieht hierin die große Chance, sich neu zu orientieren. In drei Ausbildungen sei er sehr unglücklich gewesen, habe in der Folge ungelernte Berufe ausgeübt und sei schließlich infolge der Pandemie arbeitslos geworden.

"Jetzt freue ich mich, dass ich nicht nur arbeiten, sondern auch etwas richtig Sinnvolles tun kann", sagt Streubier. Er könne sich sogar vorstellen, langfristig bei der Bundeswehr zu bleiben.

Pilotprojekt mit ungewisser Zukunft

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Kommandeur in Delmenhorst: Oberstleutnant Torsten Ickert. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Inwiefern sich der freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz etablieren wird, bleibt allerdings abzuwarten. Bis zum Juni 2022 laufe das Pilotprojekt, sagt Oberstleutnant Torsten Ickert. Wie es danach weitergeht, sei ungewiss.

Geht es nach Annegret Kramp-Karrenbauer, so könnte sich die neue Form des Wehrdienstes als Ergänzung zur bekannten langfristig in Deutschland etablieren. Der freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz trage immerhin dazu bei, "den Begriff Heimat wieder in die demokratische Mitte zu holen", findet die Verteidigungsministerin.

Als Soldat in Afghanistan: Ein Bremer berichtet

Video vom 25. März 2021
Ein Bremer Soldat, zugeschaltet über Videoanruf.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. April, 19.30 Uhr