Kommentar

Bremer SPD: "Selbstmord aus Angst vorm Tod"

In Bremen kämpft die SPD um die Macht. Doch wie soll es weitergehen? Augen zu und durch oder Neuanfang? Eine persönliche Hilfestellung von unserem Kollegen Jochen Grabler.

Symbolfoto: Wählerverluste SPD, symbolisiert durch ein zerbröckelndes SPD-Logo auf dem Asphalt
Wie geht es weiter mit der Bremer SPD? Bild: Imago | Christian Ohde

Liebe Tante SPD,

war ein Scheiß-Sonntag, aber vielleicht wird doch noch alles gut, denkst Du. Oder?

Jahrelang hast Du total verpennt, dass Dein Bürgermeister, Deine Senatoren, die ganze Partei so langsam und allmählich die Sympathien der Bremer verdaddelt, jetzt hast Du dafür ordentlich was aufs Nachthäubchen gekriegt – aber bitte, läuft alles auf Rot-Rot-Grün zu. Hauptsache, Du bleibst im Rathaus! Das ist es doch, was Du denkst. Oder?

Das ist Quatsch! Denn mal ehrlich, Du begehst gerade Selbstmord aus Angst vorm Tod.

Sag mal, wer hat Dir bloß eingeflüstert, Dich kurz vorm Wahltag selbst in eine Ecke zu quatschen, aus der Du nicht mehr rauskommst? Du schließt Gespräche mit der CDU aus. Das hab ich noch nie gehört, dass sich jemand selbst entmündigt. Denn das ist es doch. Du legst Dein Schicksal in die Hände der Grünen und Linken. Rot-Grün-Rot oder nix. Lebensgefährlich! Denn, Tantchen, am Ende könnte eben dieses Nix dabei rauskommen. Also nix mehr SPD.

Was passiert wohl, wenn Du jetzt mit den Grünen und Linken verhandelst? So klapprig, geschwächt und geistig verwirrt, wie Du gerade bist. Du weißt doch gar nicht mehr, wer Du bist und was Du eigentlich willst. Ganz im Gegensatz zu Schaefer und Vogt. Für die bist Du doch leichte Beute. Die mahlen Dich von rechts und links dermaßen klein, dass Du am Ende als rosa Pülverchen in einer Blechdose auf dem Waller Friedhof landest. Mal ganz davon abgesehen, dass so ein Dreierbündnis mit einem politisch geschwächten Bürgermeister nicht gut funktioniert. Gar nicht! Überhaupt nicht! Denk mal an die Ampelkoalition. Und erinnere Dich, dass Wedemeier damals im Vergleich zu Sieling jetzt ein Schwerathlet war. Wenn Rot-Grün-Rot schief geht, weil Du von einem Schwächeanfall in den anderen taumelst, wenn ein Senat vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, ist das schlecht für Bremen.

"Das war multiples Organversagen"

Apropos Sieling. Ach Tantchen, ich versteh Dich ja. Man kann das Desaster vom Sonntag nicht alleine bei ihm abladen. Und er ist ja auch eine ehrliche Haut und sympathisch und kompetent und alles. Dein Zusammenbruch kam bestimmt nicht nur vom Kopf Sieling, das war multiples Organversagen. Aber hey, wie willst Du eigentlich den Wählern zeigen, dass Du noch lebst, Dich erneuern, einen soundsovielten neuen Frühling erleben willst, wenn Du gar kein Zeichen setzt? So unter uns: Als tausende Wähler vor Dir weggelaufen sind, wäre es mehr als anständig gewesen. Dein Carsten oder Deine Landesvorsitzende oder Dein Vorstand (oder alle gemeinsam) hätten gesagt, dass jetzt ein Neuanfang her muss. Mit neuen Köpfen an der Spitze. Stattdessen wurschtelst Du einfach weiter. Unter Lebensgefahr. Kommt nämlich gar nicht gut an.

Freitag kommt das Kaffeekränzchen mit den Grünen, und dann… Mensch, Du weißt doch, was passiert, wenn alte Leute zu lange liegen. Die stehen irgendwann nicht mehr auf. Drum: Ist zwar sauspät, aber nicht zu spät! Drück Dir die Hörgeräte und die dritten Zähne rein und denk an Deinen Stolz. Trau Dich was! Sag den Leuten, dass Du verstanden hast und ein paar Tage Zeit brauchst. Kassier diese Quatschbeschlüsse, dass Du nur in einer Richtung verhandelst! Gönn Dir zwei Wochen Selbstfindung! Hol neues Spitzenpersonal an Deck! Frag Deine Mitglieder! Und dann kannst Du mit breiter Brust reden. Mit allen! Und vielleicht kannst Du dann auch im Rathaus bleiben.

Ich meine es doch nur gut! Mit Dir. Vor allem aber mit Bremen.

Dein Jochen

  • Jochen Grabler

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Mai 2019, 19:30 Uhr