Deshalb fahren Bremer zum G20-Gipfel nach Hamburg

Was bringt einen dazu, Stunden im Regen gegen die mächtigsten Männer und Frauen der Welt zu demonstrieren? Wir haben Bremer beim G20-Protest in Hamburg gefragt.

 Teilnehmer einer Demonstration laufen mit Fahnen eine Straße entlang.
25.000 Menschen demonstrierten bei einem Großaufgebot der Polizei in Hamburg gegen den G20-Gipfel.

Das Grau am Himmel über Hamburg ist konturlos und trüb. Der Fisselregen trägt seinen Teil dazu bei, dass zunächst nur wenige Menschen am Sonntagmorgen den Rathausmarkt an der Alster ansteuern, um gegen das Gipfeltreffen der 20 mächtigsten Staats- und Regierungschefs in vier Tagen in der Messe Hamburg zu protestieren. Ein breites Bündnis aus Verbänden, Gewerkschaften und Parteien hat zur ersten Großdemonstration gegen die G20 aufgerufen – die sogenannte Protestwelle.

Eine Frau mit Brille hält einen Schirm. Im Hintergrund zahlreiche Menschen in gelbgrünen Regenjacken.
Keine Schönwetter-Demonstrantin: Der G20-Protest ist der Bremerin Sabine Faust wichtig.

Der Bremerin Sabine Faust ist das Wetter egal. "Ich will eine gerechte Steuerpolitik", sagt sie. Deshalb ist sie um 8:30 Uhr mit einem eigens organisierten Bus zur "Protestwelle" nach Hamburg gefahren. 

Die Steuerhinterziehung ist bei uns und weltweit ein großes Problem.

Sabine Faust, G20-Demonstrantin aus Bremen

Die ehemalige Lehrerin fordert von der G20, dieses Problem in den Griff zu bekommen und das so gewonnene Geld in Schule, Bildungspolitik und Infrastruktur zu investieren. "Das ist mein ganz persönliches Anliegen."

Wenig junge Menschen

Die meisten Plakate und Transparente greifen aber andere Themen auf: den Hunger in der Welt, Protest gegen das Handelsabkommen TTIP und CETA, den Ausstieg aus der Kohleenergie und den Einsatz für einen wirksamen Klimaschutz. Die Forderungen sind ebenso breit gefächert wie die Zusammensetzung der Demonstrationsteilnehmer. Wobei auffällig ist, wie wenig junge Menschen dabei sind: Es sind vielmehr Eltern mit Kindern und viele andere im mittleren Alter dabei.

An der Spitze eines Protestzuges halten Menschen ein Transparent in den Händen mit der Aufschrift "Demokratie stärken" "Klima retten"
Friedlich verläuft der Protest an diesem Sonntag in Hamburg.

Kurz bevor der Protestzug planmäßig um die Binnen-Alster und weiter durch die Hamburger Innenstadt ziehen soll, wird das Grau heller und konturenreicher. Minuten später luken erste Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Die Regenschirme verschwinden, und ein buntes Meer aus Transparenten, Plakaten und Fahnen setzt sich in Bewegung – begleitet von lauter Musik, die viele zum Tanzen und Mitsingen motiviert. Es ist ein lauter, bunter und vor allem friedlicher Protest – und es werden immer mehr Menschen, die sich dem Zug anschließen.

"Die haben wirklich die Wahrheit gesagt"

Am Ende zählen die Veranstalter 25.000 Teilnehmer – ein Erfolg, sagt Christoph Bautz, Vorstand von Campact. Der Verein aus Verden hat die "Protestwelle" mitorganisiert. "Die Breite der Bevölkerung ist heute auf die Straße gegangen. Die Menschen haben gesagt, sie sind unzufrieden mit der Politik der G20. Heute war der Auftakt. Es wird in den nächsten Tagen noch weitere und vielfältige Aktionen und Protest geben. Für uns ist es wichtig, dass es friedlich und bunt bleibt."

Ein Mann und eine Frau stehen nebeneinander mit kleinen Plakaten um den Hals hängend.
Für Brigitte Tönnjes (re.) war es die zweite Demonstration. Zufrieden fährt sie mit Reinhard Fahlenkamp zurück nach Bremen.

Zufrieden ist auch Brigitte Tönnjes, die mit demselben Bus aus Bremen kam wie Sabine Faust. Tönnjes war vor allem von den Reden der Auftakt- und Abschlusskundgebung beeindruckt: "Die haben wirklich die Wahrheit gesagt. Es war sehr informativ." Es ist erst ihre zweite Demonstration gewesen. Aber, ergänzt die 58-Jährige, sie habe schon viele Petitionen im Internet unterzeichnet.

Ich habe auch das Gefühl, dass der Weg nicht umsonst war. Ich nehme zusätzliche Informationen mit.

Reinhard Fahlenkamp, G20-Demonstrant aus Sulingen

Der 63-Jährige will sich künftig aktiver engagieren. Wie werde sich noch zeigen. "Vielleicht eine Gruppe gründen, um dann massiver auftreten zu können."

Zwei Männer schauen zufrieden und stehen vor einem Bus mit einem Schild im Fenster. Aufschrift: Bremen.
Für Thomas Risse (li.) und Udo Elfers aus Bremen-Nord ist eine Großstadt der falsche Konferenzort.

Meinung vertreten und dass möglichst viele Menschen auch auf die Straße gehen, findet Udo Elfers aus Bremen-Nord richtig. Für ihn hat der Tag einen bitteren Beigeschmack als er die Zahl der Teilnehmer hört, kurz bevor er wieder in den Bus nach Hause steigt:

25.000? Das enttäuscht mich! Ich hätte mehr erwartet.

Udo Elfers, G20-Demonstrant aus Bremen-Nord

Sein Freund Thomas Risse hakt ein: Die Demo sei wichtig gewesen und der Weg nach Hamburg gerechtfertigt: "Leute wie Putin und Erdogan werden mit so einem Treffen aufgewertet." Für den Bremer wäre ein Treffen auf einem Flugzeugträger, aber keinesfalls in einer Großstadt der geeignete Konferenzort gewesen. "Hier kriegen sie eine Bühne, die ihnen nicht gebührt." Dagegen müsse demonstriert werden – aber friedlich, schiebt Elfers nach, bevor er in den Bus zurück nach Bremen steigt.

  • Alexander Drechsel

Dieses Thema im Programm: Hörfunknachrichten, 2. Juli 2017, 18 Uhr