25 Jahre Behindertenparlament – die 5 größten Bremer Alltags-Barrieren

Arbeit, Wohnen, Mobilität: Um Gleichberechtigung in diesen Bereichen streiten die Abgeordneten im Behindertenparlament. Barrierefrei ist Bremen aber noch längst nicht.

Ein Mann im Rollstuhl vor einer Treppe. (Archivbild)
Ein Rollstuhlfahrer steht vor einer Treppe ohne Rampe: Bilder wie dieses möchte das Bremer Behindertenparlament möglichst nicht mehr sehen. Bild: Imago | Blickwinkel

Der Arbeitsrichter Joachim Steinbrück ist seit fast 15 Jahren Bremens Landesbehindertenbeauftragter. Kommendes Frühjahr wird er sich in den Ruhestand verabschieden.

Ein blinder Mann mit Sonnenbrille und kurzen grauen Haaren schaut in die Kamera.
Möchte, dass Bremen weitere Barrieren abbaut: Joachim Steinbrück.

Zwar freue er sich, sagt Steinbrück, dass die Belange Schwerbehinderter an Bedeutung in der Öffentlichkeit gewonnen hätten. Auch findet er, dass Bremen in den letzten Jahren Fortschritte in puncto Barrierefreiheit gemacht hat. Diese "Stolpersteine" aber müsse Bremen unbedingt aus dem Weg räumen.

1 Keine Bahnsteige in Obernstraße und Hutfilterstraße

Kinderwagen und Passant beim hohen Einstieg in eine Straßenbahn
Wer in der Obernstraße in eine Straßenbahn einsteigen will, muss gute 30 Zentimeter Höhenunterschied überwinden. Für viele Menschen ein Problem.

"Das Thema beschäftigt mich, seit ich Landesbehindertenbeauftragter bin", sagt Joachim Steinbrück mit Hinblick auf die fehlenden Bahnsteige in der Obernstraße und der Hutfilterstraße. Aus optischen Gründen habe Bremen zu Beginn des Jahrtausends auf diese Bahnsteige verzichtet. Damals gestaltete man die Innenstadt neu.

Das Problem: Um in die Bahn einzusteigen, müsse man eine Einstiegshöhe von etwa 30 Zentimetern bewältigen. Das sei fast doppelt so viel wie bei normalen Treppenstufen, sagt Steinbrück, und damit viel zu viel für gehbehinderte und ältere Menschen, gerade für diejenigen, die einen Rollator bräuchten. Auch die Seniorenvertretung habe schon oft auf diesen Missstand hingewiesen, aber leider vergeblich, sagt der Landesbehindertenbeauftragte. Er fordert, dass Bremen die Einstiegssituation in der Obernstraße und der Hutfilterstraße spätestens beim nächsten Ausbau der Innenstadt verbessert.

2 Kopfsteinpflaster im Schnoor

Eingang der Straße "Schoor" mit Blick aufs Kopfsteinpflaster
Eine Zumutung für gehbehinderte Menschen: das Kopfsteinpflaster im Schnoor.

Im Sinne der historischen Anmutung habe Bremen das historische Schnoor-Viertel in den 70er Jahren mit Kopfsteinpflaster ausgestattet, so Steinbrück weiter. Dieses Pflaster aber sei für gehbehinderte Menschen und für Rollstuhlfahrer eine Zumutung. "Das ist eine viel größere Gruppe, als man denkt."

Steinbrück fordert, dass Bremen Planungsmittel bereitstellt, damit eine Lösung für das Problem ausgearbeitet werden kann. Auch, so der Landesbehindertenbeauftragte, solle sich die Wirtschaftsförderung des Pflasters im Schnoor annehmen: "Bremen muss den barrierefreien Tourismus unterstützten."

Als mögliches Vorbild nennt er die Stadt Konstanz am Bodensee. Auf dem dortigen Münsterplatz hat die Stadt Gehwegläufe ins Großpflaster eingeschliffen und ungebundene Steine nachträglich verfugt sowie geglättet.

3 Querungen der Wilhelm-Kaisen-Brücke

Straßenbahn vor Fußgängerquerung auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke
Gut zu sehen, nicht zu hören: Das Signal an der Querung der Straßenbahntrasse auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke.

Zwar führen signalgesteuerte Ampeln über die Autofahrbahnen der Wilhelm-Kaisen-Brücke. Allerdings fehlen die akustischen Signale dort, wo Fußgänger und Radfahrer die Gleis- und Bustrasse überqueren müssen. Für sehbehinderte Menschen sei es daher gefährlich, die Wilhelm-Kaisen-Brücke zu überqueren, sagt Steinbrück: "Wenn dort viele Autos fahren, können Sie die Busse und Bahnen kaum hören", bemängelt er. Wer nicht sehen könne, so wie er, müsse buchstäblich "blind darauf vertrauen", dass die Bus- und Bahnfahrer achtsam seien.

Der Landesbehindertenbeauftragte fordert daher, dass die Stadt Signalampeln für die Bus- und Bahntrasse auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke sowie an vergleichbaren Querungen einrichtet.

4 Versperrte Toiletten

Zwar müssen viele Gaststätten behindertengerechte Toiletten vorhalten. Tatsächlich aber komme es in einigen Kneipen und Restaurants immer wieder vor, dass diese Toiletten als Abstellräume genutzt, vollgestellt oder versperrt würden. Dann können man sie nicht mehr benutzen könne, hat Joachim Steinbrück festgestellt. Das gehe schon seit vielen Jahren so. "Ich habe das Gefühl, dass sich die Behörde schwer damit tut, auch mal ein Bußgeld zu verhängen", sagt der Landesbehindertenbeauftragte dazu.

Er fordert schärfe Kontrollen durch die Gewerbeaufsicht sowie ein paar Bußgeldbescheide zur Abschreckung. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das schnell unter den Gastwirten rumspräche", sagt er dazu.

5 Zugestellte Gehwege

Stühle und Tische eines Straßencafes auf dem Bürgersteig vor einem Gebäude.
Kein Durchkommen auf dem Gehweg: Das darf nicht sein, findet Bremens Landesbehindertenbeauftragter Joachim Steinbrück. Bild: Imago | Photocase

Ebenfalls ein "Dauerbrenner" in Bremen sind laut Steinbrück mit Werbetafeln und Tischen zugestellte Gehwege, insbesondere im Steintor- und im Ostertorviertel, doch auch in den Flaniermeilen der Neustadt. Mitunter kämen auch noch Fahrräder hinzu, demnächst womöglich auch noch immer mehr E-Scooter. Alles zusammen ergäbe oftmals kaum passierbare Hindernisse, die sowohl sehbehinderten als auch gehbehinderten Menschen zu schaffen machten sowie Rollstuhlfahrern und Eltern mit Kinderwagen.

"Der Ordnungsdienst müsste die Passierbarkeit von Gehwegen sicherstellen", sagt Steinbrück dazu. Eventuell sollte zudem das eine oder andere Bußgeld gegen hartnäckig zuwider handelnde Gastwirte verhängt werden. Werbeschilder auf Gehwegen könnte Bremen schlicht verbieten, schlägt der Landesbehindertenbeauftragte vor. München habe es vorgemacht: "Wenn keiner ein solches Schild aufstellen darf, wird auch niemand benachteiligt", findet Steinbrück.

So barrierefrei ist es in Bremen wirklich

Zu sehen ist das allgemeingültige Rollstuhl-Logo für Menschen mit Behinderungen als Aufkleber in der Straßenbahn.

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Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. November 2019, 19:30 Uhr