Infografik

Darum hat die SPD in Bremen so massiv verloren

Die SPD galt in Bremen als unbesiegbar – bis zur Bürgerschaftswahl am Sonntag. Dass die Pleite nicht nur am Bundestrend liegt, zeigt eine Umfrage von Infratest dimap.

Carsten Sieling nach der Prognose um 18 Uhr
Das "Image eines Beamten": Carsten Sieling ist bei weitem nicht so beliebt wie seine Vorgänger.

Mehr als 70 Jahre galt in Bremen ein ungeschriebenes Gesetz: Wahlen gewinnt im kleinsten Bundesland nur die SPD. Seit Sonntag gilt dieses Gesetz nicht mehr, denn laut Hochrechnung ist zum ersten Mal die CDU aus einer Bürgerschaftswahl als stärkste Kraft hervorgegangen. "Eine Katastrophe", sagte SPD-Innensenator Ulrich Mäurer. "Ein historisch schlechtes Ergebnis", konstatierte Fraktionschef Björn Tschöpe. "Ein bitteres Ergebnis", beklagte Bürgermeister Carsten Sieling. Doch woran liegt der Absturz der Sozialdemokraten?

Tschöpe schob das schlechte Ergebnis noch am Wahlabend einerseits auf den miesen Bundestrend der SPD. "Davon kann man sich nicht freimachen", sagte er buten un binnen. Andererseits habe die Partei unter dem Konsolidierungskurs gelitten, den der Senat im vergangenen Jahrzehnt hätte fahren müssen.

Ein Bürgermeister, der diese Konsolidierungsphase gestalten musste, der bekommt natürlich auch die Kritik ab.

Bürgermeister Carsten Sieling (SPD)

Es fehlt ein charismatischer Kandidat

Doch das ist nur die halbe Wahrheit, wie eine Umfrage von Infratest dimap im Auftrag der ARD zeigt. Denn obwohl die Bundespolitik demnach eine Rolle spielt, fehlte es der SPD vor allem auch an einem charismatischen Kandidaten. Zwar war Bürgermeister Carsten Sieling bis zuletzt in den Umfragen beliebter als sein CDU-Kontrahent Carsten Meyer-Heder. Ihm hafte allerdings das "Image eines Beamten" an, sagt Oliver Sartorius von Infratest dimap.

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Zum Vergleich: Mit Amtsvorgänger Jens Böhrnsen waren vor der Wahl 2015 insgesamt 63 Prozent der Bremer zufrieden, Sieling kommt auf lediglich 41 Prozent. Mit Henning Scherf waren in der Nachbetrachtung sogar 72 Prozent der Bremer zufrieden. Im Vergleich mit den Ministerpräsidenten anderer Bundesländer, die in den vergangenen Jahren zu Wahlen antreten mussten, liegt der Befragung zufolge Sieling abgeschlagen auf dem letzten Platz. "Seine Arbeit wird respektiert", sagt Sartorius. "Er wird aber nicht geliebt."

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Deutlich wird in der Umfrage aber auch: Die Bremer sind extrem unzufrieden mit der Arbeit des Senats. Nur jeder dritte Befragte ist zufrieden mit der Arbeit der rot-grünen Regierung – zumindest mit dem roten Teil. Denn während die SPD in fast allen abgefragten Politikfeldern verliert, legen die Grünen deutlich zu.

Es ist sehr ungewöhnlich, dass der kleine Koalitionspartner besser abschneidet, als die Partei, die den Bürgermeister stellt.

Oliver Sartorius von Infratest dimap

Der repräsentativen Umfrage des Instituts zufolge konnten die Bremer Grünen vor allem in den Bereichen bei den Wählern punkten, in denen sie auch Ressorts bekleidet haben, also bei Finanzen, Soziales sowie Umwelt und Verkehr. Der von der SPD gescholtene Konsolidierungskurs trifft die Grünen also wesentlich weniger hart.  

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Nur noch 21 Prozent der Wahlberechtigten trauten der SPD vor dem Urnengang zu, die wichtigsten Aufgaben im Land lösen zu können. 2015 waren es noch 38 Prozent. Ansonsten brach die SPD bei ihren Kernthemen ein: bezahlbarer Wohnraum (von 46 Prozent auf 29), Arbeitsplätze (von 36 auf 26 Prozent), soziale Gerechtigkeit (von 41 auf 30 Prozent). 51 Prozent der Befragten stimmten dementsprechend der Aussage zu, die SPD habe ihre sozialdemokratischen Prinzipien aufgegeben. 60 Prozent sagten, man wisse nicht, wofür die SPD eigentlich stehe.

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Die einzigen positiven Aussichten für die SPD liefern die anderen Parteien. "Die CDU kann zwar auf breiter Front zulegen", sagt Sartorius. "Aber sie kann die Verluste der SPD nicht kompensieren." Hinzu kommen das starke Abschneiden der Grünen und das gute Ergebnis der Linkspartei, die in Westdeutschland bislang nur im Saarland ein zweistelliges Ergebnis einfahren konnte.

Eine linke Spitzenkandidatin mit Seltenheitswert

Kristina Vogt lacht
Die Linken-Kandidatin Kristina Vogt ist beliebt in Bremen. Bild: DPA | Carmen Jaspersen

Das liegt Infratest dimap zufolge daran, dass die Linkspartei in Bremen zur etablierten Kraft gereift ist und der SPD in sozialpolitischen Fragen den Rang abgelaufen hat. Hinzu kommt mit Kristina Vogt eine äußerst beliebte Spitzenkandidatin. Bei der Popularitätsfrage landete sie hinter Sieling auf Platz zwei. "Das ist für eine Linken-Spitzenkandidatin in Westdeutschland bemerkenswert", sagte Sartorius.  

Mehr als vier von zehn Bremern sagten kurz vor der Wahl, dass sie es gut finden würden, wenn die Linke Regierungsverantwortung übernehmen würde. Und da kommt wieder die SPD ins Spiel. Denn Sieling hatte bereits vor mehr als einer Woche eine Große Koalition ausgeschlossen, die Grünen scheinen näher an Linken und SPD zu liegen als an FDP und CDU. "Ich halte Rot-Rot-Grün für am wahrscheinlichsten", sagte Politikwissenschaftler Andreas Klee in der buten un binnen-Sendung "Bremen hat gewählt". Und die Wähler scheinen das ähnlich zu sehen. Denn der Infratest-Umfrage zufolge denken nur 32 Prozent der Befragten, dass ein CDU-geführter Senat die Probleme des Bundeslandes besser lösen könnte.

  • Robert Otto-Moog

Dieses Thema im Programm: buten un binnen – Bremen hat gewählt, 26. Mai 2019, 18 Uhr