Die Corona-Scouts bleiben – und was hat Bremen noch dazu gelernt?

Eine vierte Corona-Welle gilt als unwahrscheinlich. Aktuell freuen sich die Menschen auf den Sommer. Der nächste Herbst kommt aber gewiss. Das Land Bremen ist vorbereitet.

Junger Mann mit Headset an Computer mit zwei Bildschirmen in Großraumbüro
Um auf eine mögliche vierte Welle vorbereitet zu sein, möchte Bremen an seinen bereits eingearbeiteten Scouts vorerst festhalten. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

So etwas wie vorigen Herbst möchte man in Bremens Gesundheitsämtern nicht noch einmal erleben. Wegen niedriger Corona-Infektionszahlen im Sommer 2020 wähnten sich Politik und Verwaltung in falscher Sicherheit. Statt sich frühzeitig auf eine zweite Welle vorzubereiten, ließ Bremen die meisten der im Frühjahr rekrutierten Scouts zur Kontaktverfolgung in den Sommermonaten wieder ziehen.

Die Quittung dafür erhielt der Zwei-Städte-Staat im Herbst: Als die Infektionszahlen wieder in die Höhe schnellten, fehlte es den Gesundheitsämtern an Personal. Es gelang Bremen zeitweise nur eingeschränkt und mit erheblichen Verzögerungen, die Kontakte Corona-Infizierter nachzuvollziehen. Auch deshalb traf Bremen die zweite Welle hart.

Scouts sollen mindestens bis Herbst bleiben

"Dazu wollen wir es nicht noch einmal kommen lassen", sagt Projektmanager Michael Bester-Voss aus dem Bremer Gesundheitsamt. Scouts zu rekrutieren, fünf Tage auszubilden und mehrere Wochen einzuarbeiten, sei aufwendig. Nichts, was man inmitten einer pandemischen Welle machen wolle. Daher werde die Stadt Bremen in diesem Sommer trotz sinkender Infektionszahlen vorsichtshalber an den meisten seiner rund 150 Containment-Scouts festhalten, wenigstens bis Ende September, notfalls auch darüber hinaus.

Bremerhaven hält es ähnlich: Dort sollen bis Ende September sämtliche der derzeit 72 Scouts bleiben, 53 von ihnen sogar bis Ende März kommenden Jahres, teilt Magistratssprecher Stefan Zimdars mit. Viele Scouts in Bremen wie in Bremerhaven sind Studierende.

"Sormas" zur digitalen Datenanalyse

Mann mittleren Alters erklärt Figuren eines "Krankheits-Netzwerkdiagramms" vor einer Leinwand
Timo Bollhorst aus dem Bremer Gesundheitsamt erklärt die Software "Sormas". Damit können die Gesundheitsämter die Kontakte Infizierter schnell und differenziert nachvollziehen. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Doch nicht nur personell wollen Bremens Gesundheitsämter auf eine mögliche weitere Corona-Welle im Herbst eingestellt sein, sondern auch technisch. Haben die Beschäftigten der Ämter voriges Jahr zum Teil noch Faxe mit Testergebnissen und handgeschriebene Zettel auf ihren Fußböden ausbreiten müssen, um Kontaktpersonen zu klassifizieren, so ist die Digitalisierung inzwischen fortgeschritten.

Seit Januar dieses Jahres arbeiten Bremens Gesundheitsämter mit "Sormas", einer vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung entwickelten Software zum Management von Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung. Positive Testergebnisse aus Testzentren laufen in Echtzeit in das System ein. "Jetzt können wir in aller Regel alle Kontaktpersonen eines Neuinfizierten am ersten Tag direkt informieren", sagt Timo Bollhorst, Stabstellenleiter im Bremer Gesundheitsamt.

Anhand der von Scouts eingegebenen Daten sei es in Sormas möglich, nach diversen Kategorien binnen Sekunden Verknüpfungen zwischen Infizierten und ihren Kontaktpersonen aufzuzeigen und so mögliche Infektionsherde, oft auch Infektionsketten ausfindig zu machen. "Wir können ganz schnell rekonstruieren, ob eine Übertragung etwa in einem bestimmten Flugzeug stattgefunden haben könnte oder auch, ob eine Schule oder eine Pflegeeinrichtung betroffen ist", so Bollhorst. Dadurch gewännen die Gesundheitsämter viel wertvolle Zeit, um die Betroffenen zu warnen und so einer weiteren Verbreitung des Virus entgegen zu wirken.

Frei wählbare Kategorien

Frau mit Brille und FFP-2-Maske erklärt etwas vor zwei Bildschirmen
Findet, dass sich Daten für die Kontaktverfolgung Infizierter in "Sormas" gut bündeln lassen: Kristina Borch, die die Mitarbeitenden des Bremer Gesundheitsamts in Sormas schult. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg

Auch Kristina Borch, die die Mitarbeitenden im Bremer Gesundheitsamt im Umgang mit Sormas schult, zeigt sich von der Software überzeugt. Das ursprünglich zur Bekämpfung der Infektionskrankheit Ebola entwickelte Programm lasse sich inzwischen auch gut auf die Verbreitung von Corona anwenden. Aus politischer Sicht besonders wertvoll sei die Option, eigene Kategorien für die Kontaktverknüpfung eingeben zu können.

"Wir können den Scouts einfach sagen, was sie abfragen sollen. Und schon können wir mit ihren so erhobenen Daten neue Gruppen von Infizierten und ihren Kontakten in Sormas aufzeigen", erklärt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Zu den klassischen Fragen der Scouts im Gespräch mit Infizierten zähle etwa die nach dem Impfstatus, jene nach der Arbeitsstätte und auch die nach dem möglichen Infektionsort.

Mit den so erhobenen und in Sormas eingepflegten Daten lasse sich im Zuge einer weitergehenden statistischen Auswertung beispielsweise klären, in welchem Maße sich das Virus gerade etwa in Familien, bei der Arbeit, in Schulen oder bei Freizeitaktivität ausbreite. "Dieses Wissen erleichtert es uns, passende Schutzmaßnahen zu treffen und die richtigen Schlüsse aus Lockerungen der letzten Wochen zu ziehen", sagt Fuhrmann. Er sei überzeugt davon, dass Bremen die Strukturen, die man in den letzten Monaten im Gesundheitswesen aufgebaut habe, langfristig brauchen werde, wenn auch vielleicht nicht im gleichen Umfang wie dieser Tage: "Wir wollen nicht noch einmal bei Null anfangen."

Krankenhäuser zeigen sich gelassen

Während sich die Gesundheitämter Bremens auf mögliche Worst-Case-Szenarien vorbereiten, zeigen sich Sprecher Bremischer Krankenhäuser eher gelassen. "Wir kehren langsam wieder in den Normalmodus zurück", sagt etwa Heiko Ackermann von der Krankenhausgesellschaft der freien Hansestadt Bremen. Davon unberührt arbeiteten die Kliniken weiterhin unter den gleichen Hygienebedingungen wie zu den Spitzenzeiten der Pandemie. Auch tauschten sich die Krankenhäuser regelmäßig mit dem Corona-Krisenstab Bremens aus, wenn auch derzeit nur noch 14-tägig und nicht mehr wöchentlich.

Rolf Schlüter, Sprecher des kommunalen Klinkverbunds Gesundheit Nord (Geno), verweist zudem darauf, dass die Kliniken aufgrund der Erfahrungen aus der Anfangszeit der Pandemie nun größere Materialbestände einlagern wollten. Die Geno habe zudem jene Stationen, in denen Atemwegserkrankungen behandelt würden, technisch aufgerüstet. So seien moderne Beatmungsgeräte angeschafft worden.

Dass am Ende tatsächlich eine vierte Corona-Welle über Bremen hereinbrechen könnte, mag sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen derzeit allerdings wohl kaum jemand ausmalen. Ganz ausschließen aber lässt es sich nicht: "Die Briten haben bis vor Kurzem auch gedacht, sie wären damit durch", gibt Michael Bester-Voss aus dem Gesundheitsamt zu bedenken. Jetzt aber kämpfe Großbritannien mit der indischen Variante des Virus.

Bremens Gesundheitssenatorin: "Gesundheitswesen ist reformbedürftig!"

Video vom 12. Juni 2021
Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) im Gespräch mit buten-un-binnen-Moderator Felix Krömer.
Bild: Radio Bremen
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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 17. Juni 2021, 19.30 Uhr