Interview

Kurator der verschollenen Bremer Sammlung: "Es ist Gefahr im Verzug"

Wenzel Jacob war der Kurator der Ausstellungen in China. Er ist ehemaliger Direktor des Bonner Kunsthauses – und erzählt, wie er das Verschwinden der Kunstwerke erlebt hat.

Wenzel Jacob war der Direktor des Bonner Kunsthauses.
Wenzel Jacob arbeitete als Kurator in China an der Ausstellung der Kunstsammlung von Maria Chen-Tu, die seit mehr als einem Jahr als verschwunden gilt. Bild: Radio Bremen
Wie kamen Sie zu der Ausstellung der Werke in China? Wie war Ihr Kontakt zu Maria Chen-Tu?
Ich hatte viel China-Erfahrung und Frau Chen-Tu kannte ich schon über eine längere Zeit. Sie war häufig in Bonn bei den wichtigen Ausstellungseröffnungen. Sie hatte mir von ihrer Sammlung erzählt, von Kiefer und Lüpertz. Und von ihrer Sorge, was sie mit dieser Sammlung machen sollte. Die war ja damals in Salzburg in dem Museum für moderne Kunst gelagert. Sie nach China zu geben lag nahe und die Bell Art mit Ma Yue als Geschäftsführer bot sich an. Wir haben uns in Bremen getroffen, um diese Möglichkeiten zu besprechen. Dann ging es recht schnell und Herr Ma fand prominente Orte in China. […] Das schuf Vertrauen. […] An den zweiten und dritten Stationen der Ausstellung begann es langsam zu kippen, da merkte man, dass sich etwas verändert hatte – und dann waren die Werke weg und ich habe aus der Ferne nur noch gehört, welche Forderungen er stellte und, dass man sich nicht mit ihm hat einigen können. Das verwundert mich.
Wodurch haben Sie gemerkt, dass etwas gekippt ist?
Unter anderem daran, dass bei der Lüpertz-Ausstellung der Mitarbeiter einer namenhaften Spedition nicht mehr angefordert und in Eigenregie gepackt wurde. Es war mir klar, dass irgendeine Billig-Spedition der Aufgabe nicht gerecht werden kann. Die Versicherungspapiere waren nicht mehr vorhanden. Das war eigentlich das Alarmzeichen, welches Rückzug für mich bedeutete, weil es unübersichtlich wurde.
Ist es ungewöhnlich, wie Maria Chen-Tu sich da verhalten hat und dass es keinen Vertrag über die Ausleihe der Kunstsammlung gab?
In der Kunstszene gilt das gesprochene Wort. Natürlich ist ein Vertrag immer besser. Aber wenn jemand einen Vertrag brechen will, dann gelingt es. Sicher, mit einem Vertrag wäre gegeben, dass sie die Eigentümerin ist.
Wenn Sie denn die Eigentümerin ist.
Sie sagen es. Aber so wie ich es von ihr gehört habe, ist die Sammlung in eine Privatstiftung in Wien eingebracht worden, die Holster-Privatstiftung.
Markus Lüpertz und Anselm Kiefer in dieser sogenannten MAP-Sammlung zusammen, welche Bedeutung hat sie für die deutsche zeitgenössische Kunst?
Mit diesen beiden Künstlern haben sie zwei Protagonisten in der Sammlung, die für die deutsche Entwicklung extrem wichtig sind. Es gibt ja nicht nur Richter, es gibt auch noch Kiefer, es gibt Lüpertz, es gibt Immendorff, aber sie gehören alle unter die Top 10, die wir hier in Deutschland haben.
Kann die Sammlung noch gerettet werden?
Das ist ein Kraftakt, würde ich sagen. Dafür müsste man wissen, wo die Werke sind. Die Eigentümer der Sammlung müssen auf die Herausgabe drängen. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht ganz einfach ist. Aber Gefahr ist im Verzug, das ist offensichtlich. Ich glaube, es ist jetzt primär die Aufgabe der Stiftung, die Sammlung zu retten.

Mehr zum Thema:

Autor

  • Rainer Kahrs Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Januar 2021, 19:30 Uhr