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Diese Corona-Regeln gelten nach den Herbstferien an Bremer Schulen

Maskenpflicht im Unterricht, kleinere Kohorten: Zum Start nach den Ferien gibt es an Bremens Schulen verschärfte Maßnahmen. Was sagen Lehrer, Schüler und Eltern dazu?

Schülerinnen einer Obestufe tragen Schutzmasken im Unterricht. (Symbolbild)
Maske auch im Unterricht: Das gilt in Bremen ab Montag für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Bild: Imago | Reichwein

Zwei Wochen Herbstferien. Zwei Wochen, in denen mit Blick auf die Corona-Lage viel passiert ist: Der Inzidenzwert in der Stadt Bremen liegt aktuell über 100, in Bremerhaven über 22. In Bremen gelten mittlerweile wieder verschärfte Kontaktbeschränkungen, Bars und Restaurants müssen um 23 Uhr schließen, einige Straßen und Plätzen dürfen nur noch mit Mund-Nase-Schutz betreten werden. Die steigenden Corona-Zahlen sorgen für Unsicherheit und Anspannung – und die nächste Herausforderung steht bereits am Montag an: Denn dann geht in Bremen und Bremerhaven die Schule wieder los.

Für die Bremer Bildungsbehörde ist das Ziel auch in diesen Zeiten klar: "Die Gewährleistung des verfassungsmäßigen Rechts auf Bildung durch eine weitestgehend umfängliche Beschulung". So steht es in der Senatsvorlage der Bildungsbehörde aus der vergangenen Woche. Erreicht werden kann das laut Behörde aber nur durch "eine Verstärkung der Infektionsprävention in Schulen". Ab kommenden Montag gelten daher neue Regeln, um das Infektionsgeschehen in den Schulen besser zu kontrollieren und Ausbrüche möglichst zu verhindern.

Die neuen Maßnahmen treten allerdings nur in Kraft, wenn der Inzidenzwert über 50 liegt, was in der Stadt Bremen aktuell der Fall ist. Sollte der Grenzwert von 50 auch in Bremerhaven überschritten werden, kommen die Regeln auch dort zum Einsatz. Laut Behörde gelten die neuen Maßnahmen so lange, bis der 7-Tages-Inzidenzwert wieder unter 50 liegt. Das heißt, es weniger als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner an sieben Tagen in Folge gibt.

Grafik: Corona-Regeln in Bremer Schulen nach den Herbstferien. Corona-Regeln* nach den Herbstferien in Bremer Schulen Quellen: 18. Coronaverordnung (13. Oktober 2020) pro Kohorte in der Sekundarstufe I. Maximal 60 Schüler muss für mindestens 5 Minuten gelüftet werden. Alle 20 Minuten der Sporthallen sind gesperrt. Umkleidekabinen für alle Schüler der Oberstufe und an berufsbildenden Schulen. Maskenpflicht im Unterricht *gelten ab einem Inzidenzwert von über 50
Bild: Radio Bremen Quelle: 18. Coronaverordnung (13. Oktober 2020)

Eine der neuen Regeln: Die Maskenpflicht wird verschärft. Ab Montag müssen in der Stadt Bremen alle Schülerinnen und Schüler der Oberstufe auch im Unterricht einen Mund-Nase-Schutz tragen. Das gilt sowohl für die Gymnasien und Oberschulen, als auch für die Berufsschulen. Für die Schüler der Klassen 5 bis 9 beziehungsweise 10, also der Sekunderstufe I, ändert sich vorläufig nichts. Für sie gilt wie bisher, dass Masken nur auf den Gängen getragen werden sollen, sowie in Situationen, in denen kein Abstand gehalten werden kann. Kinder an Grundschulen sind von der Maskenpflicht weiterhin befreit.

Experten empfehlen Maskenpflicht für alle Schüler

Für Angelika Hanauer vom Personalrat Schulen in Bremen ist die Maskenpflicht im Unterricht eine längst überfällige Entscheidung gewesen: "Das ist richtig, das muss man machen. Allerdings war schon vor drei Monaten klar, dass das sinnvoll ist." Schon damals habe kein einziger Experten gesagt, dass Oberstufenschüler und auch Schüler über 10 Jahren weniger ansteckend seien als Erwachsene. "Sie haben eben nur viel seltener Symptome", sagt Hanauer.

Die Biologie-Lehrerin fordert deshalb, dass die Maskenpflicht im Unterricht nicht nur für die Oberstufe, sondern für alle Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse gelten soll. "Solange die Zahlen so hoch sind, müsste man das mindestens für 14 Tage machen und beobachten, was passiert. Und wenn die Zahlen dann sinken, kann man die Maskenpflicht ja wieder lockern", sagt Hanauer.

In einem offenen Brief hat sich der Personalrat Schule am Donnerstag an Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und den Senat gewandt. Darin kritisiert der Personalrat, dass Bremen mit seinen Maßnahmen zum Schulstart nach den Herbstferien weiter hinter den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) zurückbleibe. So sprechen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des RKI ab einer Inzidenz von über 50 unter anderem für eine Maskenpflicht in allen Schulstufen, also auch in Grundschulen, aus.

Laut Bremer Bildungsressort habe sich jedoch herausgestellt, dass die einzelnen Alterskohorten in den Schulen unterschiedlich häufig von Infektionen betroffen seien. "So besteht bei Kindern im Grundschulalter eine vergleichsweise geringe Ansteckungsgefahr, wohingegen sich Jugendliche und Heranwachsende mit zunehmendem Alter deutlich öfter mit dem Covid-19-Erreger infizieren", so eine Sprecherin der Behörde.

Das RKI empfiehlt darüber hinaus auch, dass Klassen und Kurse soweit verkleinert werden, dass der Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann. Der Bremer Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert in diesem Zusammenhang, dass Bremer Schülerinnen und Schüler von nun an nur in Halbgruppen unterrichtet werden sollten.

Lehrerverbände fordern Unterricht in Halbgruppen

Einen Unterricht in Halbgruppen sehen die neuen Regelungen der Bildungsbehörde bislang nicht vor. Die Maßnahme wird allerdings im Reaktionsstufenplan genannt, den die Behörde am Ende der Sommerferien veröffentlicht hat. In diesem Plan ist aufgelistet, welche konkreten Maßnahmen für welche der verschiedenen Reaktionsstufen greifen. Als die drei Reaktionsstufen werden der eingeschränkte Regelbetrieb, der Halbgruppenunterricht sowie der Distanzunterricht benannt. Ab wann genau beziehungsweise abhängig von welchem Infektionsgeschehen die einzelnen Reaktionsstufen gelten, wird aus dem Plan allerdings nicht ersichtlich. Ein weiterer Kritikpunkt, den der Personalrat Schule in seinem offenen Brief formuliert.

Laut Bildungsressort hängt es von der konkreten Situation vor Ort, also in der Schule selbst und um die Schule herum ab, wann die verschiedenen Stufen in Kraft treten. "Sollte es zum Beispiel einen klar lokalisierbaren Ausbruch in einem benachbarten Unternehmen geben, mit dem die Schule keinen Kontakt und keine Bezüge hat, ergibt es keinen Sinn, in der Schule eine andere Reaktionsstufe anzuordnen", so eine Sprecherin der Behörde.

Schüler fordern strengere Maßnahmen für Bremerhaven

Auch Luca Lennox Püchel vom Stadtschülerring Bremerhaven gehen die neuen Regelung nicht weit genug. Er kann nicht nachvollziehen, warum nur im Unterricht in der Oberstufe ein Mund-Nase-Schutz getragen werden soll – und das auch nur im Falle erhöhter Inzidenzwerte. "Denn wenn die Schülerinnen und Schüler im Klassenraum ohne Maske eng an eng nebeneinander sitzen, kann der individuelle Schutz nicht gewährleistet werden", sagt Püchel, der selbst Oberstufenschüler an einem Bremerhavener Gymnasium ist. Darüber hinaus fordert er auch kleinere Lerngruppen innerhalb der einzelnen Klassen: "Dann wäre es auch möglich, mehr Abstand einzuhalten."

Oberstufenschüler Luca Lennox Püchel aus Bremerhaven
Sorgt sich um die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler: Luca Lennox Püchel vom Stadtschülerring Bremerhaven. Bild: Luca Lennox Püchel | privat

Auf Elternseite sei die Maskenpflicht im Unterricht dagegen extrem umstritten, so Martin Stoevesandt vom Bremer Zentralelternbeirat (ZEB). "Aber die Mehrheit der Eltern wird Ihnen sagen: Wir sind angewiesen auf Betreuung, wir sind angewiesen auf Schule." Daher seien die meisten Eltern seiner Einschätzung nach bereit, viele Kompromisse einzugehen. "Und dazu gehört auch das Thema Maskenpflicht."

Kritik an der Kohortengröße

Problematischer sieht Stoevesandt die neue Regelung zur Kohortengröße: Laut Behörde sollen die Kohorten in der Sekundarstufe I auf maximal 60 Schülerinnen und Schüler begrenzt werden. Für die Oberstufe gilt diese Begrenzung aufgrund des Kurssystems nicht. Mit "Kohorten" sind feste Lerngruppe gemeint, zwischen denen es möglichst wenig Austausch geben soll. Vor den Herbstferien galt in der Regel eine gesamte Jahrgangsstufe, und damit deutlich mehr als 60 Schülerinnen und Schüler, als Kohorte. Laut Stoevesandt ist die neue Kohorten-Größe von maximal 60 aber immer noch zu groß: "Im Zweifel bedeutet das, dass bei einem Corona-Fall in der Kohorte alle 60 Kinder pauschal der Kategorie I zugeordnet werden und damit 14 Tage in Quarantäne kommen, obwohl sie es gar nicht müssten", sagt Stoevesandt.

Vor den Herbstferien habe es diese Situation immer wieder gegeben, weil das Gesundheitsamt mit der Nachverfolgung nicht hinterher gekommen sei.

Wir hatten Fälle, da wurde Kindern dann nach 14 Tagen Quarantäne vom Gesundheitsamt gesagt: Ihr seid Kategorie 2.

Martin Stoevesandt, Zentralelternbeirat Bremen

Dass tausende Kinder in Quarantäne sind, obwohl sie gar nicht in Quarantäne gehören, das sei momentan die größte Sorge der Eltern, so der ZEB-Sprecher. Laut Bildungsressort sollen die neuen Maßnahmen aber gerade auch dazu beitragen, das Gesundheitsamt zu entlasten.

Auch Angelika Hanauer vom Personalrat Schule ist überzeugt, dass die Begrenzung der Kohorten auf 60 Schülerinnen und Schüler immer noch zu groß ist. Zudem bleibe das Problem bestehen, dass Lehrkräfte in mehreren Kohorten unterrichten. "Unsere Aufgabe als Personalrat ist es ja, darauf zu achten, ob das Personal einigermaßen sicher ist. Auch das ist ja ein Garant dafür, dass die Schulen offen bleiben können." Laut Thorsten Maaß, Vorsitzender der Schulleitungsvereinigung Bremen, könnte die Situation noch schwieriger werden.

Jetzt, wo die Zahlen wieder steigen, wird die Luft so langsam ein bisschen dünner, auch bei den Kollegen und Kolleginnen, die zur Risikogruppe gehören und die sich bisher getraut haben, in der Schule zu unterrichten.

Thorsten Maaß, Vorsitzender Schulleitungs-Verband Bremen e.V.
Thorsten Maaß, Schulleitungsvereinigung Bremen

In der neuen Kohorten-Regelung sieht Maaß vor allem eine organisatorische Herausforderung: "Jede Änderung bedeutet erst einmal: Neue Stundenpläne, neue Regelungen für die Kohorten. Es macht ja zum Beispiel keinen Sinn, wenn Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Kohorten zusammen auf einem Schulhof sind." Mit der neuen Maßnahme könne auch verbunden sein, dass man den Unterricht wieder einschränken müsse. "Weil wir das mit dem Personal, was wir haben, nicht mehr schaffen", so Maaß.

Für Oberstufenschüler Luca Lennox Püchel ist die aktuelle Regelung zur Kohortengröße der Beleg für ein generelles Problem: "Außerhalb der Schule gelten ganz andere Maßstäbe bei den Schutzmaßnahmen als innerhalb der Schule: In der Schule haben wir Kohorten mit 60 Schülerinnen und Schülern, außerhalb der Schule gibt es Kontaktbeschränkungen." Oft werde vergessen, dass an den Schülerinnen und Schülern weitere Menschen dran hängen würden. "Da gibt es ja zuhause zum Beispiel die Familie, die sich anstecken könnte", sagt Püchel.

Bilanz: Corona-Fälle an mehr als 35 Bremer Schulen

Bislang ist noch nicht ausreichend erforscht, welche Rolle Schulen für das allgemeine Infektionsgeschehen spielen. Das Ausmaß einer Übertragung innerhalb der Schulen und von den Schulen in die Familien beziehungsweise Haushalte sei weitgehend unklar und Gegenstand der Forschung, schreibt das RKI. "Ausbrüche in Schulen werden nach Wiedereröffnung der Bildungseinrichtungen in zunehmendem Ausmaß beobachtet. Sie können bislang gut kontrolliert werden. Oftmals erfolgt der Eintrag in Schulen über Erwachsene", so das RKI.

Auch an mehreren Bremer Schulen gab es bereits Infektionsfälle: Seit Ende der Sommerferien waren mehr als 35 der insgesamt 181 Schulen in der Stadt betroffen. So meldeten Anfang September innerhalb einer Woche gleich drei Schulen in Bremen Coronafälle: Am Kippenberg-Gymnasium standen zwischenzeitlich 150 Jugendliche und Lehrpersonal unter Quarantäne, an zwei Bremer Grundschulen wurden nach dem Kohortenprinzip vorsorglich mehrere Schülerinnen und Schüler nach Hause geschickt. In Bremerhaven musste Anfang Juni die Karl-Marx-Grundschule in Bremerhaven-Leherheide geschlossen werden.

Lüften, lüften, lüften

Neben Maskenpflicht und maximaler Kohortengröße hat die Bildungsbehörde als weitere Maßnahme auch noch einmal genaue Regeln zum Lüften formuliert: Hier gilt, dass alle 20 Minuten für mindestens fünf Minuten gelüftet werden muss. Für Martin Stoevesandt vom ZEB ist das ständige Lüften in Anbetracht der kälter werdenden Jahreszeit zwar nicht schön: "Aber wenn es das Risiko erheblich minimiert – und das sagen ja alle – dann muss das in Kauf genommen werden."

Auch Angelika Hanauer vom Personalrat Schule ist überzeugt: "Das Lüften muss sein." Sie habe allerdings Bedenken, ob das auch wirklich in allen Räumen der Schulen so gut gelinge. Luca Lennox Püchel vom Stadtschülerring Bremerhaven sieht das regelmäßige Lüften problematischer: "Wenn man eine Klausur schreiben soll und die Finger frieren einem vor Kälte ab, ist das nicht gerade gut", sagt er. Seiner Meinung nach wären spezielle Lüftungsanlagen die bessere Alternative zum Lüften.

Laut Bildungsressort ist bereits geplant, eine mobile Luftreinigungsanlagen für Räume anzuschaffen, in denen nicht optimal gelüftet werden kann. "Derzeit gehen wir von rund 25 Stück aus, eine Arbeitsgruppe tagt hierzu am Freitag erneut", so eine Sprecherin der Behörde.

Neben den aktuellen Herausforderungen, wie Lüften, Maskenpflicht und Kohorten, beschäftigen den Oberstufenschüler Püchel gerade aber auch noch andere Gedanken: "Meine Mitschülerinnen und Mitschüler und ich, wir blicken mit Sorge auf die Zukunft." Das Abitur, das sie nächstes Jahr machen werden, sei ein Konzept aus Vor-Corona-Zeiten. "Wir fragen uns schon: Wird unser eigener Abschluss noch so viel wert sein, wie bei denen, die ihn vor Corona gemacht haben?"

Rückblick: Bilanz nach 4 Wochen Schule im Corona-Modus

Video vom 28. September 2020
Mehrer Jungs mit Mund-Nasen-Bedeckungen sitzten an Computern. Dahinter steht eine Frau.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. Oktober 2020, 19:30 Uhr