Bremens Hauptbahnhof soll schöner werden: Obdachlose sind sauer

Weil der Bremer Hauptbahnhof sein Schmuddel-Image verlieren soll, fühlen sich die Obdachlosen von dort vertrieben. Einer von ihnen ergreift jetzt die Initiative.

Obdachloser Markus im Nelson-Mandela-Park
Der Obdachlosen Markus übernachtete oft im Nelson-Mandela-Park hinter dem Bremer Hauptbahnhof. Bild: Importer | buten un binnen Fernsehen

Es regnet, wie so oft in diesen Tagen, auch an diesem Abend. Durch den Sprühregen laufe ich mit Markus zum Bremer Hauptbahnhof. Er ist nicht der typische Obdachlose, wie man ihn sich vorstellt. Seine Kleidung ist sauber und gepflegt, seine Brille war mal teuer. Markus lebt erst seit einem dreiviertel Jahr auf der Straße. Nach einer Krankheit ist er aus seinem alten Leben gerutscht. Wir kommen vom Treffen des Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen im Konsul-Hackfeld-Haus. Hier setzt er sich mit anderen dafür ein, etwas gegen die aktuelle Vertreibungspolitik gegen Obdachlose in Bremen zu unternehmen. Was er dort gerade geschildert hat, will er mir jetzt zeigen.

Der Bahnhof und die Innenstadt gehören, verdammt noch mal, allen. Auch uns Armen. Wir versuchen, an diesem Ort zu überleben.

Markus, Obdachloser

Die Polizei greift durch

Zwei Polizisten am Bremer Hauptbahnhof
Obdachlose kritisieren, dass sie von der Polizei aus dem Bahnhofsumfeld vertrieben werden.

Über den Bahnhofsvorplatz hinweg zeigt er auf zwei parkende Polizei-Bullis. Die Aufgabe der Polizisten ist es, für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Dazu gehört es, Drogendealer zu vertreiben, aber auch Aufenthaltsverbote an Obdachlose zu erteilen. Genau das macht Markus wütend, weil genau die hier ihr soziales Netzwerk haben. Bisher konnten sie sich am Bahnhof unterstellen, etwas Geld schnorren und Flaschen sammeln , um sich so das benötigte Geld für ihren Alltag besorgen. Das sei jetzt vorbei. Randgruppen würden massiv vertrieben. Bei Personenkontrollen werden Platzverweise ausgesprochen, die 24 Stunden gelten.

Das bedeutet, wenn ich den Platzverweis abends um 8 Uhr bekomme, dass ich am nächsten Tag erst mal die Essensangebote dort nicht wahrnehmen kann. Dass einen freiwillige Helfer, die sich hier um Menschen in Not kümmern, nicht mehr finden, weil man sich hier nicht mehr aufhalten darf.

Markus, Obdachloser

Solche Platzverbote würden sehr häufig ausgesprochen. Erfolgen sie in Serie, wird den Obdachlosen so über Tage hinweg der Zugang zu wichtigen Hilfsangeboten verwehrt, beklagen die Betroffenen. Auf dem Bahnhofvorplatz werden fast täglich von Hilfsorganisationen Essen und Kleidung verteilt. Auch heute Abend: Eine kleine Schlange bildet sich vor einem Bulli. Mit dabei ist Wolfgang. Der ältere Mann mit Spitzbart und Schiffermütze ist nicht obdachlos. Er hat eine Wohnung außerhalb von Bremen, ist aber häufig am Bahnhof unterwegs – heute mit seinem Krückstock und mit einem Einkaufswagen als Gepäcktransport. Darin liegen unter einer Plane sein Koffer und alles, was er so braucht. Er erzählt, dass er auch schon aus dem Bahnhof vertrieben wurde, weil er auf einer Bank saß und kein Bahnticket dabei hatte.

Die haben gesagt 'Bitte verlassen sie den Hauptbahnhof!'. Ich sage, lasst mich noch fünf Minuten sitzen, ich bin gehbehindert. 'Wenn Sie in fünf Minuten nicht verschwunden sind, kriegen sie Bahnhofsverbot.' Am liebsten würde er mich rausschmeißen.

Wolfgang

Es trifft die Falschen

Wir laufen quer durch das Bahnhofsgebäude. Nachdem Markus auf dem Bahnhofsvorplatz noch den ein oder anderen Bekannten begrüßt, treffen wir im Bahnhofsgebäude auf keinen Obdachlosen mehr. An einem Imbiss kurz vor dem Ausgang zur Bürgerweide steht Kalle. Seit zwölf Jahren ist er auf der Straße unterwegs, hat viele Jahre in einem Tunnel gelebt. Inzwischen hat er eine Parzelle, in der er wohnen kann. Der Bahnhof ist wie sein Wohnzimmer. Er wird nicht vertrieben, schnorrt aber auch niemanden an. Sein Geld verdient er sich mit Aushilfsjobs als Dachdecker. Es hätte sich viel am Bahnhof verändert in den vergangenen Monaten, manches findet er ok. Zum Beispiel, dass die Drogendealer vertrieben wurden.

Der steinerne Elefant soll keine Anlaufstelle mehr sein

Zwei Männer vor dem Antikolonialdenkmal, dem Bremer Elefanten
Rund um den steinernen Elefanten neben der Bürgerweide fanden Obdachlose lange Zuflucht.

Kalle zeigt rüber zum Nelson-Mandela-Park gleich neben der Bürgerweide. Dort waren früher Zelte aufgebaut, in den Obdachlose wohnten. Anfang Januar wurde alles geräumt, teilweise Platzverbote ausgesprochen. Alternativen, wo die Leute hin sollen, hätte es nicht gegeben, sagt er. Die Menschen würden sich jetzt quer in der Stadt verteilen. Viele wären bei der Mühle am Wall. Erik hat auch im Nelson-Mandela-Park gewohnt. Jetzt sucht er sich jede Nacht einen neuen Ort zum Übernachten. Wir finden ihn nach einigem Suchen neben dem Kino am Bahnhof. In seinem Schlafsack liegt er dicht an der Hauswand. Neben ihm stehen ein Popcornbecher und ein Bier. Alles ist feucht, der Regen weht unter den Unterstand. Aber hier wird er nicht vertrieben, das ist ein Privatgrundstück.

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Bahnhof soll Schmuddel-Image verlieren

Die Maßnahmen rund um den Bahnhof gehören zum „Programm für mehr Sauberkeit, Sicherheit und Aufenthaltsqualität am Bahnhof“. Entworfen und umgesetzt wurde es seit dem vergangenen Jahr im Auftrag des Senats von der Bremen Innenbehörde. Seitdem sind Polizei und Bundespolizei verstärkt unterwegs. So will Bürgermeister Carsten Sieling den Bahnhof von seinem Schmuddel-Image befreien, ihn sauber, sicher und attraktiv gestalten. Markus nennt das "massive Vertreibungspolitik, ohne den Menschen eine Alternative zu bieten". Er beklagt, dass Menschen mitten in der Nacht von ihren Schlafplätzen vertrieben würden, Schlafsäcke beschlagnahmt und Bußgelder angedroht werden.

Obdachlose suchen Alternativen

Am Rande des Bahnhofsvorplatzes treffen wir Francis. Er lebt schon lange auf der Straße, schläft zurzeit in einem Parkhaus. Locken schauen unter seiner Pudelmütze hervor, unterm Arm hält er Obdachlosenzeitungen. Die Zeiten auf der Straße seien härter geworden, die Möglichkeiten Geld zu verdienen, schwieriger.

Du darfst ja nicht mehr vorm Bahnhof schnorren eigentlich. Es gibt hin und wieder Leute, die es tun. Ich stehe hier auch ab und zu. Aber man darf sich dort nicht mehr hinsetzen. Da wirst Du dann einfach vertrieben. Du hast ja schon eine schwierige Lebenssituation. Und dann wirst Du auch noch fertig gemacht, mit blöden Sprüchen oder sonstiges.

Francis, Verkäufer von Obdachlosenzeitungen

Obdachlose wissen nicht, wo sie hinsollen

Um die 200 haben um den Bahnhof herum gelebt, in der ganzen Stadt seien es 690, zählt Markus auf. Auch hinterm Güterbahnhof, wo es eine Art Zelt- und Bretterbudenstadt gab, haben viele von ihnen gewohnt. Die meisten wurden schon geräumt, bis Ende Januar müssen die letzten Bewohner verschwunden sein. Am ehemaligen Papageienhaus sind sie es schon. Wohin sie sollen, wissen sie nicht. Viele lägen jetzt irgendwo im Dreck ohne festen Untergrund, sagt Markus und kann über den von der Stadt geplanten Unterstand mit Toiletten für obdachlose und alkoholkranke Menschen am Bahnhof in der Nähe des InterCity-Hotels nur lachen. Der sei viel zu klein, er würde als Alternative für all die verschwundenen Orte nicht ausreichen. Auch Notunterkünfte seien oft voll und für viele Obdachlose keine Alternative.

Das bedeutet, dass ich morgens um 9 Uhr das Zimmer wieder verlassen muss und erst abends um 18 Uhr wiederkommen kann. Ich bin auch nicht alleine auf dem Zimmer und ich kann den Raum nicht abschließen. Das bürgt auch die Gefahr, dass man auch nachts mal bestohlen wird, weil jeder in das Zimmer reinkommen kann.

Markus, Obdachloser

Und so kämpft Markus zusammen mit dem Bremer Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen dafür, dass es Toleranzräume gibt, dass den Menschen Alternativen geboten werden und fordern Politik und Verwaltung auf, sich öffentlich zu der aktuellen Situation zu äußern. Den Obdachlosen zu empfehlen, in andere Städte zu ziehen, wäre keine ausreichende Antwort. Ihren Protest wollen die Obdachlosen jetzt öffentlich ausdrücken – Ende des Monats mit einer Aktion auf dem Bahnhofsplatz. Wann, ist noch nicht genau klar, aber die Bremerinnen und Bremer sollen erfahren, wie schlecht es ihnen gerade in ihrer Stadt geht.

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  • Katharina Guleikoff

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 8. Januar 2019, 16:04 Uhr