So lernte eine junge Bremerhavenerin mit Borderline zu leben

Jennifer Wrona ist 13 Jahre alt, als sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Sie fühlt sie schlecht. Die Diagnose: Borderline. Heute will sie anderen Betroffenen Mut machen.

Video vom 17. März 2021
Die Buchautorin Jennifer Wrona sitzt am Wasser mit ihrem Hund und liest ihr eigenes Buch.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Jede Kleinigkeit wirft sie aus der Bahn. Sie spürt eine große Wut gegen sich selbst. Sie weint viel, ständig, jeden Tag, wegen allem, sagt Jennifer Wrona. "Ich konnte mich überhaupt nicht betätigen, lag nur im Bett und wollte auch überhaupt gar nichts machen." 13 Jahre ist die Bremerhavenerin alt, als sie merkt, dass es ihr anders geht als ihren Klassenkameraden. Sie fühlt sich nicht gut, erlebt keine unbeschwerte Jugend.

Ich habe sehr viel geweint, war unzufrieden und habe mich allgemein sehr schlecht gefühlt.

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Jennifer Wrona, Autorin des Buches "Konfettiregen im Kopf"

Und dann will sie nicht mehr leben

Zu der depressiven Stimmung kommt eine Essstörung. "Dann sind immer mehr Symptome hinzugekommen, es hat sich alles verschlechtert und verschlimmert, es war wie ein Sog, aus dem ich gar nicht mehr herausgekommen bin." Sie betäubt sich mit Alkohol und verletzt sich selbst. Irgendwann will Jennifer Worna nicht mehr leben. "Weil es zu anstrengend war, zu überwältigend war, habe ich mich danach gesehnt, gar nicht mehr zu existieren."

Die Diagnose: Borderline. "Das war schrecklich für mich. Das, was man so im Internet gelesen hat, war alles sehr negativ. Eigentlich wurde mir vermittelt, dass ich für immer krank bin und es für immer schrecklich sein wird." Mit ihrem Buch "Konfettiregen im Kopf", das im Trias-Verlag erschienen ist, will sie nun anderen Betroffen Mut machen. Denn sie hat gelernt, mit ihrer Erkrankung zu leben.

Wie fühlt sich das an?

Ein Mann guckt in die Kamera.
Borderline zu diagnostizieren ist schwierig, sagt Psychiater Martin Lison vom Klinikum Bremen-Ost. Bild: Radio Bremen

Ein Streit mit dem Partner, vielleicht sogar eine Trennung, eine schwere Verletzung, eine Beleidigung: Jeder kennt Situationen, in denen es ihm nicht gut geht, er sich eine Zeit lang schlecht fühlt. Man fühlt sich hilflos, ist ängstlich, verzweifelt, angespannt, vielleicht auch wütend. Aber irgendwann ist es auch wieder gut, nach ein paar Tagen oder Wochen geht es einem besser. Borderline-Patienten hingegen haben diese Gefühle über einen langen Zeitraum, über Monate, manchmal über Jahre, erklärt Psychiater Martin Lison vom Klinikum Bremen-Ost.

Die Diagnose ist laut Lison komplex: Genetische Faktoren und Lebensereignisse spielen eine Rolle. Auslöser seien oft traumatisierende Erlebnisse in der Familie während der Kindheit oder in der frühen Jugend. Im Vordergrund stehen laut Lison häufig Konflikte zwischen Eltern und Kindern. Viele Betroffene würden Missbrauch in der Familie erleben. "Wobei hier der emotionale Missbrauch am häufigsten ist", so der Psychiater. "Wo die später Betroffenen Erfahrungen machen, die sie verunsichern, mit denen sie später nicht so richtig was anfangen können."

Ist Borderline heilbar?

Früher waren Experten pessimistisch, sagt Lison, aber seit etwa 20 Jahren gebe es Therapieformen, die Betroffenen helfen. "Sodass ein Großteil der Betroffenen nach erfolgreicher Therapie auch durchaus eine hohe Lebensqualität und ein hohes berufliches und soziales Leistungsniveau erreichen kann." Allerdings dauere so eine Therapie in der Regel viele Jahre.

Jennifer Worna ist heute 25 Jahre alt. Sie studiert Medienproduktion in Bremerhaven. Es geht ihr besser. Es gibt immer noch schwierige Phasen, aber heute weiß sie damit umzugehen. Den Auslöser für ihre Erkrankung kennt sie, darüber sprechen möchte sie nicht.

Geholfen hat mir das Vertrauen mir selbst gegenüber, dass ich es schaffen kann. Heute bin ich meine beste Freundin.

Eine Frau lächelt in die Kamera.
Jennifer Wrona, Autorin des Buches "Konfettiregen im Kopf"

Geholfen haben ihr viele Therapien, sagt sie. Wichtig sei für sie gewesen, einen Ansprechpartner in einem geschützen Raum außerhalb ihres Alltags zu haben, zu dem sie mit ihren Problemen gehen kann. Außerdem hat sie gelernt, wie wichtig Strukturen im Alltag sind, wie etwa regelmäßiger Schlaf und feste Mahlzeiten. Außerdem helfen ihr Meditation und Yoga. "Mir geht’s heute sehr gut, so gut wie noch nie, und ich habe auch das Gefühl, dass es immer besser wird."

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Autoren

  • Marianne Strauch Redakteurin und Autorin
  • Sonja Harbers Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. März 2021, 19:30 Uhr