Fragen & Antworten

Bremer Inzidenz über 50 und "nichts" passiert: Ende eines Richtwerts

Weg von Inzidenz 50 – "zügig" zu Hospitalisierung

Eine OP-Maske mit der Aufschrift "Inzidenz" sowie einem grünen Pfeil, der nach unten und einem roten Pfeil, der nach oben zeigt
Bild: Imago | Steinach
Bild: Imago | Steinach

Der Bund will die Sieben-Tage-Inzidenz als Richtwert streichen. Die Lage in den Krankenhäusern soll über Corona-Maßnahmen entscheiden. Warum die Inzidenz kaum noch zählt.

Noch im Frühjahr galt sie als wichtiger Richtwert: die 50er-Inzidenz. Hatten sich mehr als 50 Menschen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen mit dem Coronavirus infiziert, so konnten Gaststätten und Geschäfte, wenn überhaupt, nur unter zahlreichen Auflagen und mit Einschränkungen öffnen. Veranstaltungen waren weitgehend untersagt.

Zwar liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in Bremen nun wieder oberhalb der 50. Auch steigt sie immer weiter an. Mit ähnlich starken Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie im Frühjahr aber müssen die Bremerinnen und Bremer trotzdem nicht rechnen. "Die 50er-Inzidenz im Gesetz hat ausgedient", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) im Morgenmagazin von ARD und ZDF am Montag. Er wolle noch vor der Bundestagswahl am 26. September einen Vorschlag für eine Gesetzesnovelle vorlegen. Der Vorschlag solle die Corona-Lage in den Krankenhäusern in den Vordergrund rücken.

buten un binnen erklärt, wieso die Sieben-Tage-Inzidenz heute weniger aussagt als in früheren Stadien der Pandemie.

Warum sind 50 Neuinfektionen mit dem Coronavirus pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen bei uns heute nicht mehr so schlimm wie im Frühjahr oder im vorigen Herbst?
Weil die meisten Menschen inzwischen gegen Corona geimpft und daher ziemlich gut vor einer Ansteckung geschützt sind. In Bremen sind sogar schon über zwei Drittel der Bevölkerung geimpft, darunter fast alle älteren Menschen.
Warum ist es so wichtig, dass gerade ältere Menschen gegen Corona geimpft sind?
Weil bei Ihnen die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs nach einer Infektion mit dem Virus am größten ist. Dank der Impfung aber ist nicht nur eine Infektion unwahrscheinlich, sondern erst recht ein schwerer Krankheitsverlauf. Das sagen auch der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb und der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. Sie stellen fest, dass sich das Virus inzwischen fast nur noch unter jüngeren, nicht geimpften Menschen verbreitet.

Das zeigen auch die Wochenberichte, die das Bremer Gesundheitsressort jeden Donnerstag veröffentlicht. Darin schlüsselt es die Sieben-Tage-Inzidenz der Neuinfektionen nach Altersgruppen auf. Den Zahlen vom 19. August zufolge lag die Sieben-Tage-Inzidenz für alle Menschen über 60 in Bremen und Bremerhaven unter 20, in der Gruppe der 20- bis 39-jährigen dagegen rund viermal so hoch.
Ist es nicht besorgniserregend, dass sich so viele junge Menschen mit Corona infizieren?
Doch. Denn auch junge Menschen können nach einer Coronainfektion von Langzeitschäden betroffen sein. Wie oft und in welchem Maße, wisse man noch nicht, sagt Andreas Dotzauer. Der Virologe rät weiterhin zur Zurückhaltung mit Reisen und Großveranstaltungen. Auch sollten bei Zusammenkünften nach wie vor alle Masken tragen, damit das Infektionsgeschehen nicht ausufere. Und Epidemiologe Hajo Zeeb mahnt: „Wir müssen weiter impfen und nochmal impfen!“

Allerdings trifft jüngere Menschen eine Coronainfektion in der Regel nicht so schwer, wie dies bei Seniorinnen und Senioren der Fall sein kann. Das zeigt sich auch daran, dass trotz der steigenden Infektionszahlen längst nicht mehr so viele Menschen wegen Corona ins Krankenhaus kommen wie noch vor ein paar Monaten. Konkret: Von Dezember 2020 bis Mitte April dieses Jahres mussten in den Krankenhäusern des Landes Bremen zeitweise über 180 Personen wegen Corona behandelt werden. Derzeit sind es etwa 20 Personen.

Man spricht im Zusammenhang mit der Krankenhausbelegung aufgrund von Corona auch von der "Hospitalisierungsrate". Nach Wunsch von Gesundheitsminister Jens Spahn soll sie künftig maßgeblich für politische Corona-Maßnahmen sein.
Hat die Sieben-Tage-Inzidenz als Richtwert in der Corona-Pandemie damit überall ausgedient?
Aus wissenschaftlicher Sicht bleibe die Sieben-Tage-Inzidenz ein wichtiger Indikator in der Pandemie, sagt der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb. Denn sie helfe dabei, die Dynamik des Infektionsgeschehens zu erkennen, gerade in Verbund mit anderen Zahlen.

Als alleiniger Richtwert für politische Entscheidungen sei die Sieben-Tage-Inzidenz jedoch schon immer fragwürdig gewesen. Nicht umsonst seien die Grenzwerte immer wieder vor allem infolge politischer Debatten verschoben worden, weniger aufgrund epidemiologischer Fakten.
Wieso kann sich Corona überhaupt noch so stark bei uns verbreiten, wenn doch schon so viele Menschen geimpft sind?
Das liegt daran, dass inzwischen besonders ansteckende Varianten des Virus kursieren, insbesondere die so genannte Delta-Variante. Diese Variante des Virus ist so ansteckend, dass bundesweit jede infizierte Person nach Angaben de Robert Koch-Instituts in den vergangenen sieben Tagen durchschnittlich 1,19 weitere Personen angesteckt hat – trotz der hohen Impfquote in der deutschen Bevölkerung.

Auch deshalb wollen Epidemiologen wie Hajo Zeeb bei der Impfkampagne weiter aufs Tempo drücken. Übertrieben große Erwartungen sollten wir dennoch nicht haben, findet Zeeb: "Die Herdenimmunität erscheint gerade fast unerreichbar", sagt er. Mit anderen Worten: Die Corona-Pandemie wird uns noch eine Weile erhalten bleiben, auch in Bremen.

Corona-Zahlen steigen im Land Bremen trotz hoher Impfquote

Video vom 19. August 2021
Eine Person mit blauen Handschuhen hat eine Spritze und einen Corona-Impfstoff in der Hand.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau, 23. August 2021, 16 Uhr