So barrierefrei sind Bremens Kultureinrichtungen

Viele Veranstaltungsorte in Bremen sind kaum oder gar nicht auf Rollstuhlfahrer vorbereitet, beklagt eine Betroffene. Sie hat sich umgeschaut, wo es noch hakt.

Eine Außenansicht des Theaters am Goetheplatz
Das Theater am Goethplatz versucht die Situation zu verbessern und bietet jetzt sechs statt zwei Rollstuhlplätze an. Bild: Radio Bremen

Menschen mit Behinderungen dürfen nicht benachteiligt werden und müssen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können – das schreibt unter anderem das Bremische Behindertengleichstellungsgesetz vor. Doch die Realität sieht oft anders aus. Die Bremerin Kassandra Ruhm, die selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist, fordert deshalb in einer Petition "barrierefreie Rollstuhlplätze in Kultureinrichtungen".

Gesetzliche Vorgaben werden nicht eingehalten

Mit dem Rollstuhl an einer Veranstaltung teilnehmen zu können, ist in Bremen noch längst keine Selbstverständlichkeit. Während Neubauten wie das GOP-Theater oder die ÖVB-Arena barrierefrei zugänglich sind, gibt es beispielsweise keine Möglichkeit, mit dem Rollstuhl ins Theaterschiff oder ins Schnürschuh Theater zu gelangen. Kassandra Ruhm bemängelt auch, dass viele der Plätze, die für Rollstuhlfahrer ausgewiesen werden, gar nicht wirklich barrierefrei sind.

Denn es gebe gesetzliche Vorgaben, die vorschreiben, wie groß die Plätze und die dazugehörige Rangierfläche mindestens sein müssen. Für die Petition hat Ruhm die Rollstuhlplätze in vielen Einrichtungen nachgemessen und dabei festgestellt, dass diese Mindestmaße oft nicht eingehalten werden. Das führt dazu, dass es vielfach Rollstuhlplätze gibt, die nicht für alle nutzbar sind.

Wenn Sie jemanden im Theater mit Rollstuhl sehen, heißt das nicht, dass das Theater voll barrierefrei ist, sondern entweder braucht die Person weniger Platz als die Mindestangaben aus dem Gesetz oder das ist eine Person, die Einschränkungen in Kauf nimmt. Sehr viele behinderte Menschen sehen Sie dort nicht, weil die eben aus Frust zuhause bleiben und gar nicht mehr hingehen. Das fällt nur leider nicht auf.

Kassandra Ruhm

Der Bremer Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück sieht das ähnlich und erklärt sich mit der Situation in Bremen unzufrieden. Auf Anfrage von buten un binnen gaben viele Veranstalter dennoch an, dass sie korrekte Plätze anbieten würden. Eine Erfahrung, die auch Kassandra Ruhm gemacht hat.

Wenn man meldet, dass es ein Problem gibt, gibt es in der Regel keine Reaktion. Die Einrichtungen selber sagen nur immer wieder, alles wäre gut und gehen total darüber hinweg, dass das eben nicht gut ist, wenn man mitten im Fluchtweg sitzt.

Kassandra Ruhm

Die Kulturbehörde will Bestandsaufnahmen in allen Einrichtungen durchführen

Baurechtlich gelten die Vorgaben nur für neue Gebäude. Alle anderen genießen Bestandsschutz. Das heißt, die Bauaufsicht fällt raus. Aber: Das Behindertengleichstellungsgesetz wurde im Dezember 2018 so angepasst, dass es theoretisch auch Bestandsgebäude umfasst. Nur praktisch ist Barrierefreiheit natürlich nicht von heute auf morgen einfach herstellbar.

Im Koalitionsvertrag haben sich die drei Regierungsparteien geeinigt, einen Maßnahmenplan zu entwickeln, um den öffentlichen Raum in Bremen komplett barrierefrei zu bekommen. Parallel dazu gibt es aus der Kulturbehörde das Vorhaben, bis Ende 2022 — also innerhalb der nächsten drei Jahre — in allen Kultureinrichtungen eine Bestandsaufnahme zu machen. Im Zuge dessen müssen die Einrichtungen auch ein konkretes Konzept vorlegen, wie sie Barrierefreiheit herstellen wollen.

Einige Veranstalter versuchen aber auch schon jetzt, die Situation zu verbessern. Das Theater Bremen hat beispielsweise zur neuen Spielzeit die Rollstuhlplätze von zwei auf sechs aufgestockt. Außerdem wurden erste Versuche unternommen, Vorstellungen mit einem Dolmetscher auch in Gebärdensprache zu übersetzen. Vielen Einrichtungen fehle allerdings das Geld für größere Umbauten. An dieser Stelle wäre also auch die Politik gefragt, entsprechend zu investieren, um vor allem kleinere Einrichtungen zu unterstützen.

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Autorin

  • Katharina Mild Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 4. Oktober 2019, 08:10 Uhr

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