Interview

Bremer Mediziner kritisiert Billig-Essen für Klinik-Patienten

Die realen Ausgaben für Krankenhausessen sind laut einer Studie seit 2005 gesunken. Damit spare man am falschen Ende, meint der Bremer Chefarzt Johann Ockenga.

Video vom 22. Februar 2020
Eine Reihe von Tablets, auf denen Frühstück angerichtet wird.
Hand aufs Herz, Herr Ockenga, wann waren Sie zuletzt bei McDonald’s?
Ich schätze so vor vier Monaten. Wenn man mal alleine unterwegs ist und akuten Hunger verspürt, dann trifft es sich schon mal, dass man auf Fast Food und Ähnliches zurückgreift.
Bei einem Krankenhausbesuch sah ich neulich jemanden mit einer McDonald’s-Tüte unterm Arm, die er wohl für einen Patienten dabei hatte. Ist das Alltag in Bremer Krankenhäusern?
Das gibt es natürlich immer wieder. Insbesondere, wenn die Patienten bestimmte Vorlieben haben oder vielleicht auch nicht das typische "deutsche Krankenhausessen" mögen. Besondere Essensgewohnheiten können auch kulturbedingt sein.
Da drücken Sie als Ernährungsmediziner also mal ein Auge zu?
Ich glaube nicht, dass man sich nur während eines einwöchigen Krankenhausaufenthalts gesund ernähren sollte. Besser wäre es, wenn man das in den langen Zeiträumen zwischen den Krankenhausaufenthalten tut. Abgesehen davon ist es bei uns oft wichtig, dass Patienten überhaupt etwas essen.
Das gilt vor allem für Schwerkranke, oder?
Ja. Menschen, die eine bösartige Erkrankung oder eine schwere Infektion haben, brauchen Energie und Eiweiß, um wieder auf die Beine zu kommen. Menschen, die an Diabetes, Fettleber oder Übergewicht leiden, geben wir im Krankenhaus vor allem Empfehlungen mit, wie sie sich in Zukunft besser ernähren können. Da ist es auch wichtig, dass unser eigenes Essen diesen Ansprüchen genügt.
Einer aktuellen Studie zufolge geben Krankenhäuser heute inflationsbereinigt weniger Geld für Essen aus als noch 2005. Machen Sie sich da Sorgen, den Ansprüchen nicht mehr genügen zu können?
Das macht mir schon Sorgen, weil die Aufwände für Essen, die im Krankenhaus angesetzt werden, im Vergleich zu den Gesamtkosten eines Krankenhausaufenthalts sehr gering sind. Wir sprechen hier von rund 15 Euro pro Tag, wenn man mal die Personalkosten der Essenszubereitung mit einrechnet. Wenn man das mit den anderen Kosten vergleicht, dann sparen wir glaube ich am falschen Ende. Das Essen hat ja auch einen positiven Effekt auf den Krankheitsverlauf, das Wohlbefinden und die Aufenthaltsdauer der Patienten. Da sind ein paar Euro mehr gut investiertes Geld.
Wie kann Essen zur Gesundung beitragen?
Zum einen natürlich dadurch, dass es schmeckt. Das ist schon eine Herausforderung, wenn Sie tausende Essen am Tag zubereiten, die zeitgleich an verschiedenen Krankenhäusern in Bremen serviert werden. Für Menschen, die nicht gut kauen können, muss es beispielsweise püriert sein. Für andere sind Zwischenmahlzeiten wichtig. Wieder andere haben Laktoseintoleranz, weshalb Ersatz für Milchprodukte eingeplant werden muss.
Frühstück in einer Klinik
Günstig und trotzdem gut? Für Krankenhausessen wird in Deutschland vergleichsweise wenig ausgegeben.
Gibt es denn für jede Krankheit das passende Menü?
Wir haben einen so genannten Diätkatalog, also eine Art Speisekarte. Dort legen wir fest, wie das Essen für Gesunde und für Kranke zusammengestellt werden muss. Wenn Herr Meyer beispielsweise eine Extraportion Eiweiß braucht, dann bestellen wir das bei der Küche. Wir bieten für stationäre Patienten, die eine Betreuung brauchen, auch Beratung an. Das gilt vor allem für Risikopatienten.
Reicht es nicht, auf die Briten zu hören? "An apple a day keeps the doctor away."
Zu Apfelkonsum und Arztkontakten gibt es eine schöne Studie aus England. Sie hat da leider keinen sicheren Zusammenhang festgestellt. Der Apfel allein macht es also nicht. Der Spruch ist wohl auch mehr symbolisch gemeint. In dem Sinne, dass man auf ein buntes Essen achten sollte. Das heißt, Obst und Gemüse sollten einen gewissen Stellenwert bei der Ernährung haben.
Gibt es denn Lebensmittel, die Sie jedem empfehlen?
Man kann sich prinzipiell am italienischen Essen orientieren. Olivenöl und Nüsse haben einen positiven Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System und den Stoffwechsel. Sie reduzieren die Gefäßverkalkung. Sie sollten auch nicht immer essen. Denn es ist für den Körper gut, wenn er tagsüber auch mal zurückschaltet, so dass er seine eigenen Reserven mobilisiert. So wird der Stoffwechsel trainiert und Fette abgebaut. Sie sollten außerdem nicht zu viel essen.
Ist auch mal eine Diät sinnvoll?
Nur dann, wenn Sie sich nicht extrem ernähren. Wenn Sie also sagen, ich esse überhaupt keine Kohlenhydrate oder kein Fett mehr. Denn ohne Fettzufuhr steigt beispielsweise das Risiko, dass ihnen die fettlöslichen Vitame D, E und A fehlen. Und wenn Sie sich sehr strikt vegan ernähren, ist das zwar möglich, es bedarf aber einer deutlich intensiveren Beschäftigung mit dem Essen. Vitamin B12 und bestimmte Eiweiße sind wichtig, um Fehl- oder Mangelernährung vorzubeugen.
Bleibt nur noch die wichtigste Frage: Kaffee oder Tee? Was empfiehlt der Experte?
Der Experte ist in erster Linie Ostfriese und empfiehlt Tee. Aber da gibt es keine Präferenz. Über Kaffee weiß man, dass er für bestimmte Krankheiten einen schützenden Effekt hat. Zum Beispiel ist Kaffee bei Lebererkrankungen besser. Am Ende hängt es auch von der Menge ab, die man trinkt.

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 22. Februar 2020, 19:30 Uhr