"Ablehnung habe ich nie erlebt": Serienmörder Högel sagt als Zeuge aus

Der wegen Mordes an 100 Patienten an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg angeklagte Niels Högel sitzt am Prozesstag mit seiner Hand am Gesicht im Gerichtssaal.

"Ablehnung habe ich nie erlebt": Serienmörder Högel sagt als Zeuge aus

Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam
  • Högel sagt als Zeuge gegen ehemalige Klinik-Vorgesetzte aus
  • Der Patientenmörder sprach auch über seine eigenen Taten
  • Um selbst zur Polizei zu gehen, habe ihm der Mut gefehlt

Der wegen 85-fachen Mordes verurteilte Patientenmörder Niels Högel hat am Mittwoch erneut als Zeuge in einem Prozess gegen frühere Klinik-Vorgesetzte ausgesagt. Unter anderem äußerte sich der 45-Jährige zu einem Mordfall im Juni 2005 in Klinikum Delmenhorst. An diesen könne er sich noch genau erinnern, so Högel, "weil es der vorletzte Mordfall war, bevor die Serie endete". Dem im künstlichen Koma liegenden Patienten habe er damals über einen Zugang das Herz-Medikament Gilurytmal injiziert. Eine Kollegin erwischte ihn dabei auf frischer Tat. Der Patient starb.

Sieben Angeklagte stehen vor Gericht

Den vor Gericht stehenden sieben Angeklagten wird in unterschiedlichem Umfang Beihilfe zum Totschlag beziehungsweise versuchten Totschlag jeweils durch Unterlassen vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt die drei Ärzte, drei leitenden Pflegerinnen und Pfleger sowie den Ex-Geschäftsführer der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst, trotz Hinweisen nichts unternommen zu haben, um die Verbrechen zu unterbinden.

Högel hatte erst in Oldenburg und dann in Delmenhorst in den Jahren 2000 bis 2005 wehrlose Patienten umgebracht, indem er ihnen nicht verordnete Medikamente spritzte. Vor drei Jahren wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt und verbüßt nun seine Strafe in der JVA Oldenburg. Vor Gericht betonte Högel jetzt, er habe seine Taten zum Ende hin "nicht mehr großartig vertuscht oder verdeckt".

In mir war eine Hoffnung, dass das irgendwie beendet wird.

Der Patientenmörder Niels Högel als Zeuge am Mittwoch

Um sich der Polizei zu stellen, fehlte Högel der Mut

Lange Zeit sei er überzeugt gewesen, dass seine Taten für seine Kollegen "so abstrus und undenkbar" waren, dass niemand darauf kommen werde. Zuletzt habe er aber gedacht, dass langsam "endlich mal einer dahinter kommen muss". Für Außenstehende klinge das "geradezu pervers", sagte Richter Sebastian Bührmann. Er habe es ja selbst in der Hand gehabt, seine Taten zu beenden. Högel erwiderte, dass ihm der Mut gefehlt habe, zur Polizei zu gehen. Weiterhin ging der Ex-Pfleger auch auf das Arbeitsklima auf der Herzchirurgischen Intensivstation in Oldenburg ein, wo er zahlreiche Menschen tötete. Dort seien die Arbeitsbeziehungen gut und freundlich gewesen. "Ablehnung habe ich nie erlebt", sagte Högel.

Breiten Raum in der Befragung nahm auch der Umgang des Inhaftierten mit einer Medienfirma und einem entsprechenden Vertrag ein. Im Juni 2021 hatte Högel ein Telefoninterview gegeben. Ein entsprechender Kontrakt dazu wurde am Dienstag in seiner Zelle beschlagnahmt. Die Verteidiger wollen nun klären, ob Högels Angaben zu dem Vertrag und möglichen Geldflüssen korrekt sind. Dies sei wichtig für die Glaubwürdigkeit des Zeugen, argumentierte einer der Anwälte.

Sie sind ursächlich für den Tod von mehr Menschen, als hier im Saal sitzen. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen bedarf schon genauer Überprüfung.

Ein Anwalt im Prozess gegen die sieben Angeklagten gegenüber Niels Högel

42 Verhandlungstage angesetzt

Die Vorwürfe gegen die sieben Angeklagten beziehen sich konkret auf drei Morde im Oldenburger Klinikum sowie drei Morde und zwei Mordversuche in Delmenhorst. Für sie alle gilt die Unschuldsvermutung. Fakten aus dem Urteil gegen Högel von 2019 dürfen nicht einfach übernommen werden. Alle Beweise müssen neu eingeführt werden. Die Kammer betonte mehrfach, die Uhren würden auf Null gestellt.

Für den Prozess sind bis Ende November insgesamt 42 Verhandlungstage angesetzt.Gegen einen weiteren Angeklagten, einen Pflegeleiter aus Delmenhorst, wurde das Verfahren aus gesundheitlichen Gründen abgetrennt.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Nachrichten, 2. März 2022, 16 Uhr