Prozessstart in Oldenburg: Wussten die Vorgesetzten von Högels Morden?

Angeklagte sitzen vor Prozessbeginn mit ihren Rechtsanwälten in einem Saal der Weser-Ems-Hallen, in die das Landgericht aus Platzgründen den Prozess verlegt hatte. Im Zusammenhang mit der Mordserie an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst zwischen den Jahren 2000 und 2005 müssen sich sieben Vorgesetzte des ehemaligen Krankenpflegers Högel verantworten. Ihnen wird in unterschiedlichem Umfang Tötung, versuchte Tötung oder Beihilfe zur Tötung jeweils durch Unterlassen vorgeworfen.

Mitschuldig an Mordserie? Prozess gegen Ex-Högel Vorgesetzte gestartet

Bild: DPA | Sina Schuldt
  • Sieben ehemalige Vorgesetzte des Patienten-Mörders Högel in Oldenburg vor Gericht
  • Insgesamt 18 Strafverteidiger weisen Vorwürfe zurück
  • Anklage lautet auf Beihilfe zum Totschlag oder versuchtem Totschlag

Vor dem Landgericht in Oldenburg müssen sich seit heute sieben frühere Vorgesetzte des verurteilten Patientenmörders Niels Högel verantworten. Sie sollen einzelne Taten trotz Verdachtsmomenten nicht verhindert haben.

Die Angeklagten lassen sich durch insgesamt 18 Strafverteigider vertreten, die nun in ersten Statements die Vorwürfe rigoros zurückgewiesen haben. Leicht werden die Strafverteidiger es der Anklage nicht machen. So wiesen die Anwälte des ehemaligen Oldenburger Klinikdirektors schon einmal darauf hin, dass alle einzelnen Taten erneut bewertet werden müssen, unabhängig davon, dass Högel für diese Taten bereits verurteilt worden ist.

Richter: "Uhren sind auf Null gestellt"

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, der Högel 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilte, machte am Donnerstag zum Prozessbeginn klar: "Die Uhren sind unsererseits auf Null gestellt." Alle Vorwürfe müssen in den 42 Verhandlungstagen neu in das Verfahren eingebracht, geprüft, bewiesen oder widerlegt werden.

Und die Vorwürfe gegen die drei Verantwortlichen aus dem Klinikum Delmenhorst und den vier aus dem Klinikum Oldenburg wiegen schwer. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hätten sie Mordtaten Högels mit an "Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" verhindern können. Allen Angeklagten sei von bestimmten Zeitpunkten an klar gewesen, dass von Högel eine Gefahr für die Patienten ausgehe, sagte Staatsanwältin Gesa Weiß.

Högel soll am 1. März als Zeuge aussagen

Dennoch hätten sie sich mit den – wenn auch unerwünschten – Taten abgefunden und weitere Morde billigend in Kauf genommen. Sie seien nicht eingeschritten aus Sorge um die Reputation der Kliniken und aus Angst, sich dem Vorwurf des Mobbings und der falschen Verdächtigung auszusetzen. Die Schwurgerichtskammer beschloss dennoch, den Vorwurf gegen die Angeklagten aus Delmenhorst – wie schon bei denen aus Oldenburg – von Totschlag oder versuchten Totschlag auf Beihilfe dazu abzumildern.

Als Gerichtssaal diente am Donnerstag wie 2019 ein Saal in der Weser-Ems-Halle. Dort waren auch rund ein Dutzend Zuschauer, darunter Angehörige von Högels Opfern, und ebenso viele Medienvertreter anwesend. Högel soll als Zeuge geladen und zunächst am zweiten Verhandlungstag (1. März) aussagen.

Ex-Vorgesetzte von Massenmörder Högel stehen in Oldenburg vor Gericht

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Rundschau am Nachmittag, 17. Februar 2022, 16 Uhr