Interview

Welche historische Bedeutung der Molenturm für Bremerhaven hat

Der Turm auf der Nordmole in Bremerhaven steht schief.
Bild: Radio Bremen | Fabian Hoffmann

Der Turm auf der Nordmole in Bremerhaven ist spektakulär abgesackt. Was sein Verlust für die Seestadt bedeuten würde, ordnet Historiker Kai Kähler ein.

Das Leuchtfeuer an der Nordmole von Bremerhaven droht umzustürzen. Nachdem Teile der Mole in der Nacht zum Donnerstag abgesackt sind, ist der Turm an der Spitze der Kaje in gefährliche Schieflage geraten – ein Schock für viele Menschen in der Seestadt, denn der Molenturm mit dem markanten roten Haupt hat für viele einen großen emotionalen Wert. Welche Bedeutung das historische und denkmalgeschützte Bauwerk für Bremerhaven hat und warum es als Wahrzeichen nicht mit der "Seute Deern" vergleichbar ist, erklärt der Historiker und Geschäftsführer des Historischen Museums Bremerhaven, Kai Kähler.

Ein Mann steht vor einer Drehtür.
Der Historiker Kai Kähler wäre von einem Verlust des Turms persönlich sehr betroffen. Bild: Historisches Museum Bremerhaven
Was würde ein Verlust des Turms auf der Nordmole für Bremerhaven bedeuten?
Wenn das Nordfeuer auf der Mole zur Einfahrt der Geeste wegsackt, dann würde es zunächst bedeuten, dass die Geestemündung wahrscheinlich nicht mehr nautisch zu befahren ist. Beide Molenfeuer markieren die Einfahrt schon seit über 100 Jahren. Wenn eins davon wegfällt, dann haben wir da ein nautisches Problem.

Dass die Nordmole heute Nacht teilweise nachgegeben hat und der Turm jetzt schief steht, ist ein spektakuläres, tragisches Ereignis. Was zumindest in die nähere Geschichte eingehen und wie damals das havarierte Schiff bei der Lloyd-Werft wahrscheinlich ewig in Erinnerung bleiben und immer wieder hervorgeholt werden wird – für irgendetwas symptomatisches, nach dem Motto: Guck, da fällt ihnen die Mauer ein oder da steht ein Gebäude schief.
Welche Geschichte haben Mole und Turm?
Der Turm ist vor dem ersten Weltkrieg errichtet worden. In den Jahren zwischen 1912 und 1914 wurde diese Mole erweitert und überarbeitet. Es gab vorher schon eine, die war nicht ganz so lang und hoch. Darauf gab es ein kleines Molenfeuer. Und dann wurde dieser 15 Meter hohe Turm errichtet, mit der kleinen, roten Kappe und der umlaufenden Brüstung. Architektonisch sind die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg eigentlich mit die Zeit, in der die schönsten Bauwerke entstanden sind. Und dazu gehört eben auch dieses kleine Nordfeuer.
Ein Luftbild zeigt die Nordmole mit dem Molenturm im Wasser.
Der Molenturm im Jahr 1922, zehn Jahre nach dem Beginn seines Baus. Bild: Historisches Museum Bremerhaven

Die Mole als solche wurde gebaut, um die Strömugsverhältnisse zu verbessern. Es war erstmal ein Bauwerk, was sich aus der Wirtschaftskraft der Stadt ergab und, weil es nautisch notwendig wurde. Es ist ein Verkehrsbau, wie eine Ampel – natürlich wesentlich schöner gestaltet. Der Simon-Loschen-Turm ist im Prinzip auch ein Zweckbau, ich würde aber sagen, dass er bau- und architekturgeschichtlich eine höhere Bedeutung hat. Der Molenturm ist aber ein Denkmal und steht unter Denkmalschutz, weil es aus einer Zeit stammt die architekturgeschichtlich bedeutend ist.

Es ist ein Verkehrsbau, wie eine Ampel – natürlich wesentlich schöner gestaltet.

Historiker Kai Kähler


Er ist ein historisches Bauwerk, steht da jetzt schon seit rund 110 Jahren und ist immer ein beliebter Ausflugspunkt gewesen – solange die Kaje noch nicht gesperrt war. Aber auch, weil man von dort sehr schön auf die Stadt gucken kann. Die Leute haben sich dann unten am Fuß auf die Bank gesetzt. Das erinnern viele Bremerhavener. Von daher verbinden viele mit dem Ort auch Erinnerungen. Das hebt ihn ein bisschen heraus aus dem Allgemeinen.

Welche Bedeutung hat dieses Bauwerk emotional für die Stadt?
Das ist eine schwierige Frage, denn die Menschen verbinden Emotionen mit den unterschiedlichsten Gegenständen, Bauwerken oder Orten. Inwieweit sie es mit diesem kleinen Nordfeuer tun, kann ich als Historiker nicht sagen. Ich fand aber bemerkenswert, dass der frühere Direktor des Schifffahrtsmuseums auf einem hafengeschichtlichen Führer in den 1980er Jahren das Nordfeuer als Foto gewählt hat, stellvertretend für alle hafenbautechnischen Bauten in Bremerhaven. Mit anderen Worten: Man sieht, dass das Bauwerk in der Fachwelt zur Kenntnis genommen wurde. Ich glaube, dass die meisten Bremerhavenerinnen und Bremerhavener durchaus eine Verbindung zu diesem Turm haben. Denn er ist architektonisch und baulich gesehen sehr schön.

So sind Mole und Molenturm gelegen

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Ist der Turm ein Wahrzeichen Bremerhavens?
Ich würde dieses Nordfeuer nicht als Wahrzeichen Bremerhavens bezeichnen. Wir haben letztes Jahr eine Ausstellung gehabt, wo wir die Besucherinnen und Besucher nach den Wahrzeichen gefragt haben. Da ist bei vielen Hundert Rückmeldungen dieses kleine Feuer nicht ein einziges Mal erwähnt worden. Insofern wäre es übertrieben, es als Wahrzeichen zu benennen. Aber es ist den Menschen natürlich bekannt, es ist ein Bild im Kopf vorhanden und kein x-beliebiges Bauwerk. Es ist gebaut worden, damit man es erkennt.

Wir waren völlig überrascht, was die Leute alles als Wahrzeichen für Bremerhaven wahrnehmen. Vom Simon-Loschen-Leuchtturm, dem Radarturm oder der "Seute Deern" bis hin zur Müllverbrennungsanlage oder irgendwelchen Gebäuden in Wulsdorf, dem hohen Wasserturm oder der seltsam geformten Stadtteilbibliothek in Leherheide. Es hängt davon ab, wo die Leute leben, was für sie besonders signifikant ist. Für viele war auch das Wetter ein Wahrzeichen von Bremerhaven – mehr Sonnenschein, aber auch mehr Sturm, als andernorts. Die Bandbreite war riesig, aber die Geeste mit den beiden Leuchtfeuern kam eben gar nicht vor.
Lassen sich Parallelen zur "Seute Deern" ziehen, die ein Wahrzeichen Bremerhavens war?
Diese Parallelen würde ich nicht ziehen. Das Schiff ist tatsächlich ein Wahrzeichen der Stadt gewesen. Sie ist in den 1960er Jahren bewusst hierhergeholt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nachdem Bremerhaven aus dem preußischen Wesermünde mit Bremerhaven und auch Lehe zu einer Großstadt zusammen gemeindet wurde, suchte man eine neue Identität. Die wurde in der Schifffahrtsgeschichte gefunden. Und als Symbol dafür war die "Seute Deern" ein Wahrzeichen. Sie war der Anlass, dass in der Folge auch das Deutsche Schifffahrtsmuseum kam. Insofern war die "Seute Deern" in ihrer symbolischen Bedeutung von ganz anderer Qualität und auf einem ganz anderen Niveau.
Der Turm auf der Nordmole in Bremerhaven steht schief.
Der Molenturm an der Einfahrt zur Geeste ist bedenklich geneigt. Bild: Radio Bremen | Fabian Hoffmann
Ist es in Bremerhaven ein besonderes Problem, dass Dinge aufgeschoben werden und dann für immer verloren gehen?
Das kann man pauschal nicht sagen. Erstmal werden nicht irgendwo Sachen bewusst aufgeschoben. Sie werden erkannt oder nicht. Manchmal zu spät, aber das ist kein typisch Bremerhavener Problem sondern ein generelles. Die Planung und Erneuerung der Mole haben schon einen langen Vorlauf und befinden sich in der Abstimmung. Es war nicht einfach eine Überlegung, das alte Bauwerk zu sichern und zu ersetzen. Sondern es wird mit einer Verlegung geplant, weil man sich überlegt, was für Schiffe demnächst den Geestevorhafen anlaufen und welche im Fischereihafen erwartet werden. Es hat gedauert. Viele Leute sagen sicher, es hat zu lange gedauert. Ich kann nicht beurteilen, ob das so ist. Ich würde aber nicht prinzipiell sagen, dass die Sachen immer zu lange dauern.
Was bedeutet Ihnen das Ereignis persönlich?
Das ist ein tragisches Ereignis von hoher Bedeutung. Wenn der Turm einstürzen würde, dann wäre ich persönlich sehr betroffen. Ich finde ihn architektonisch sehr schön. Ich finde, er ist nicht umsonst ein Denkmal. Und nicht umsonst waren auch alle bestrebt ihn immer zu erhalten, wenn jetzt diese Mole erneuert wird. Und ich fände gut, wenn das gelingen würde. Wenn nicht, würde ich das sehr bedauern. Das wäre schon ein Verlust für die Stadt. Das auf jeden Fall.

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 18. August 2022, 15:20 Uhr