Zusammenhalt... hat dieser Bremerin aus der Glücksspielsucht geholfen

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige, sitzt an einem Tisch und blickt in die Kamera.
Bild: Radio Bremen/Rebecca Küsters

Die Bremerin Nicole Dreifeld hat lange als Spielhallenaufsicht gearbeitet – bis sie selbst in eine Glücksspielsucht rutschte. Mit einer Selbsthilfegruppe hat sie sich zurück ins Leben gekämpft.

"Wer Pech hat, hat am Anfang Glück", sagt Nicole Dreifeld. Und dabei spricht sie auch aus eigener Erfahrung. Denn früher hat sie selbst lange als Spielhallenaufsicht gearbeitet, rutschte schließlich in eine Glücksspielsucht und kämpft seitdem mit Hilfe ihrer Selbsthilfegruppe tagtäglich gegen die Sucht an.

Der "einfache" Lohn als Trigger

"Mir hat immer das Herz geblutet, wenn ich gesehen habe, wie viel Leute da verspielen. Ich habe überhaupt nicht verstanden, wie man denn so 'dämlich' sein kann, da Haus und Hof zu verzocken", erinnert sich die 34-Jährige an ihren alten Job zurück.

Einen genauen Moment, wann ihre eigene Sucht schließlich begann, kann sie rückblickend nicht ausmachen – doch ein Schlüsselerlebnis ist ihr in Erinnerung geblieben. "Ich habe vier Euro Trinkgeld in den Automaten geschmissen und den einfach laufen gelassen, während ich andere Geräte sauber gemacht habe. Und als ich wieder kam, waren da 54 Euro drauf."

Da ging es gar nicht um das Spiel oder die Bilder, sondern einfach, dass mein Kopf damit verknüpft hat: Es war hier gerade ein positives Erlebnis, weil du mit mehr Geld nach Hause gegangen bist.

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige

Ausreden über Ausreden

An Spieleautomaten verspielt Nicole Dreifeld in den folgenden Jahren große Mengen Geld. Lange hat sie sich aber selbst nicht eingestanden, dass sie ein Problem hat. "Weil ich bei meiner Zeit als Spielhallenaufsicht Gäste hatte, die jeden zweiten Tag oder jeden Tag da waren, denen ich attestiert hätte: 'Du bist glücksspielsüchtig'. Ich aber war ja nur drei oder vier Mal im Monat da", erinnert sich Nicole Dreifeld an die Ausreden, die sie sich selbst zu dieser Zeit erzählt hat. Wenn sie dann aber gespielt hat, dann so lange, bis nichts mehr da war.

Ich war drei oder vier Mal im Monat da. Dann aber so exzessiv, dass ich eigentlich jedes Mal einen Dispo erhöht habe, einen Kredit aufgenommen habe oder anders geschaut habe, wie ich Geld beschaffe.

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige

Und auch, wenn dann mit der Zeit doch manchmal Zweifel am eigenen Spielverhalten aufkamen: "Man denkt ja, beim nächsten Mal hole ich das wieder rein". Und sich selbst alle möglichen Ausreden zu erzählen – da könne jeder Süchtige ein Lied von singen, sagt Dreifeld. Darum sei auch das Thema in der Selbsthilfegruppe, mit der Nicole Dreifeld sich einmal die Woche im Bremer Stadtteil Blumenthal trifft.

Dabei belastete die Sucht auch die Beziehungen zu anderen Menschen extrem. "Ich war und bin einer der ehrlichsten Menschen, der auf dieser Erde rumläuft", erzählt Nicole Dreifeld von ihren Erfahrungen. "Wenn jemand so für Grundehrlichkeit bekannt ist, ist es noch schwieriger, überhaupt zu sehen, dass da ein Problem vorliegt." Denn so habe man ihre Aussagen und Lügen erst spät hinterfragt – und damit die Sucht nicht sofort erkannt.

Das geht schon damit los: 'Wo warst du die letzten zwei Stunden? Wo ist das Geld geblieben? Warum musstest du dir was leihen?' Bis hin dazu, Geschichten zu erfinden, wo man gerade ist.

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige

Schlüsselmoment am Vatertag

Immer und immer wieder lief das so, erste Bitten um Hilfe wurden von ihrem Umfeld nicht verstanden. Bis es schließlich im Mai 2018 nicht mehr ging. "Es war Vatertag, wo ich eigentlich einen schönen Tag mit meiner Familie hätte verbringen können. Mit meinem Lebensgefährten und meinem Sohn", erinnert sich die 34-Jährige. Aber stattdessen habe sie einen Streit angefangen und den ganzen Tag in der Spielhalle verbracht.

"Dann um 18 Uhr ging die Tür auf, meine Mutter guckte mich nur von oben bis unten an und ging wieder raus", erzählt Nicole Dreifeld. Ihre Mutter habe sie zuvor schon öfter aus Spielhallen geholt, doch wirklich geändert habe das bis dahin nichts. Und auch an diesem Tag spielte sie ihr Spiel am Automaten erst seelenruhig zu Ende, bevor sie ihr nach draußen folgte.

Doch dieses Mal sollte es anders sein. Denn noch am selben Tag schaute sie sich im Internet nach Hilfe um und stolperte über einen Blogeintrag, in dem ein anderer Betroffener über seine Erfahrungen berichtete. Diesen schrieb sie an, bekam eine Antwort mit der Empfehlung, bei einer Selbsthilfegruppe vorbeizuschauen – und saß eine Woche später mit anderen Menschen mit verschiedensten Arten der Glücksspielsucht an einem Tisch und sprach über ihre Probleme.

Von der Spielhallenaufsicht zur Leiterin der Selbsthilfegruppe

"Der Zusammenhalt in der Gruppe ist mein Fundament", sagt die 34-Jährige heute. Denn dank der Gruppe ist sie seit mehr als vier Jahren spielfrei. Inzwischen ist sie sogar selbst die Leiterin. Einmal die Woche, immer am Donnerstag, treffen sich zehn Menschen in einem Gemeindehaus in Bremen Blumenthal. Teil der Selbsthilfegruppe sind allerdings eigentlich um die zwanzig Personen, die mehr oder weniger regelmäßig vorbeikommen und so rotieren. "Das ist fast wie eine Familie, die sich einmal die Woche zum Kaffee trifft und über die Problematik spricht", erzählt Dreifeld.

Jeder, der neu hier herkommt, ist so klischee-behaftet. Ganz viel kommt auch aus Filmen. Aber hier stehen keine Donuts auf dem Tisch, hier muss sich keiner hinstellen und sagen 'Hallo, ich bin Nicole und ich bin süchtig', und alle sagen 'Hallo Nicole'. So ist das hier überhaupt nicht.

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige

"Werbung im Internet sorgt für mehr Süchtige"

Zu Beginn gibt es eine Einführungsrunde, in der alle über ihre Erfahrungen in der vergangenen Woche sprechen. "Ich als Guppenleiterin gucke dann, wo das Thema für die nächste Stunde liegt", sagt Nicole Dreifeld. Das könne Streit in der Familie sein, der Umgang mit Trennungen oder anderen schwierigen Alltagssituationen.

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Gruppe kommen dabei aus verschiedensten Gesellschaftschichten und Generationen. "Von 19 bis 70 Jahren haben wir alles dabei", sagt Dreifeld. Und es werde immer mehr – vor allem durch die Präsenz von Glücksspiel und der Werbung dafür in den sozialen Medien.

Es kommen vermehrt Leute dazu, weil die Suchtproblematik immer größer wird. Ich nenne das ganze oft "Werbeopfer", die das große Geld wittern weil bei Plattformen wie Instagram und Twitch die Streamer ja auch damit werben, dass mit einer richtig platzierten Wette oder dem Gang ins (Online-)Casino ganz viel Geld zu machen ist.

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige

Doch trotz – oder gerade wegen – der Unterschiede könne der Austausch jedem helfen, sagt Nicole Dreifeld: Wenn eine Person zum Beispiel von einem schwierigen Moment erzähle, könnten die anderen ihre eigenen Erfahrungen beisteuern. "Da kann dann jeder das von mitnehmen, was er braucht", erklärt die 34-Jährige. Außerdem seien die regelmäßigen Treffen eine Motivation, nicht rückfällig zu werden.

"Man fängt sich gegenseitig auf"

Allerdings sei es auch kein Problem, wenn jemand doch mal einen Rückfall hat. Denn die Gruppe sei auch dazu da, einander in solchen Momenten aufzufangen. Und gerade in der aktuellen Zeit sei das Risiko größer als in weniger krisenbelasteten Zeiten: Bei finanziellen Sorgen würden die Spielsüchtigen schnell denken, 'Ich brauch ja nur einmal den großen Gewinn'.

Das war mein Rückfall-Schutz: Ich will nie, nie wieder bei 'Tag Eins' anfangen.

Nicole Dreifeld, Leiterin einer Selbsthilfegruppe für Glücksspielsüchtige

Die Motivation, weiter spielfrei zu bleiben, ist bei Nicole Dreifeld groß. "Ich bin frei", sagt sie. Und dabei geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um Kapazitäten, sich mit anderen Alltagsthemen zu beschäftigen. "In meinem Kopf dreht sich nicht alles darum, wo ich Geld herkriege, um das wieder in den Automaten zu schmeißen. Sondern ich beschäftige mich mit solchen Fragen wie: 'Weihnachten steht vor der Tür, was haben meine zwei Kinder für Wünsche?'"

Aber trotzdem: Sie bezeichnet sich auch heute noch als süchtig – und wird es wohl auch noch ihr ganzes Leben lang sein. "Es ist sowas profanes wie: Ich habe drei grüne Ampeln hintereinander und ohne, dass ich da was gegen tun kann, sagt mein Sucht-Hirn: 'Mensch, du hast heute aber Glück. Du solltest dein Glück mal wieder probieren'", erzählt Dreifeld. In diesen Momenten müsse sie jedes Mal dagegen ankämpfen und sich bewusst machen, "dass es das Dümmste ist, was man gerade tun könnte".

Vorsorge statt Nachsorge

Um zu verhindern, dass Menschen überhaupt in die Glücksspielsucht rutschen, engagiert sie sich auch in der Politik. Als Vorsitzende des Bundesverbandes Selbsthilfe Glücksspielsucht setzt sie sich unter anderem für ein Werbeverbot für Glücksspiel ein. "Die Werbung ist heute ja überall, vor allem im Internet", sagt sie. Darum sei es wichtig, vor allem junge Menschen davor zu schützen.

Und auch, wer selbst Hilfe sucht oder Angehöriger eines Süchtigen ist, könne sich über die Webseite "gluecksspielfrei.de" an den Bundesverband wenden. Denn das sei das wichtigste, egal welche Sucht oder welches Problem man habe: Um Hilfe bitten und Menschen mit ähnlichen Problemen finden, um gemeinsam dagegen anzukämpfen.

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Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. November 2022, 19:30 Uhr