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Wie vermeiden wir Alltags-Rassismus, Frau Errahmouni-Rimi?

Wie vermeiden wir Alltags-Rassismus, Frau Errahmouni-Rimi?

Bild: Radio Bremen

Rassismus ist allgegenwärtig – im Alltag kann es auch unbeabsichtigt dazu kommen, erklärt die Anti-Diskriminierungstrainerin im Interview mit Felix Krömer.

Mit dem Zusammenhalt ist das so eine Sache, sagt buten-un-binnen Moderator Felix Krömer zum Start in das Gespräch. Jeder dritte Mensch in Bremen hat eine Migrationsgeschichte und viele haben in ihrem Leben schon Rassismus erfahren. Das können offene Anfeindungen sein, wie auch latenter Alltags-Rassismus.

Häufig werde Rassismus mit Rechtsextremismus gleichgesetzt, erklärt Ikram Errahmouni-Rimi. Das aber sei eine veraltete Vorstellung. Rassismus gibt es auf verschiedenen Ebenen. In ihrer Position als Referentin für Vielfalt und Anti-Diskriminierung bei der Bremer Polizei arbeitet Errahmouni-Rimi daran, strukturelle Nachteile zu verändern.

Heißt das, dass wir alle Rassisten sind? Und wie bekommt man Vorurteile und vorgefertigte Bilder wieder aus dem Kopf? Diese und weitere Fragen stellt Felix Krömer der Expertin.

1 Machen Sie einen Unterschied zwischen "Rassist sein" und "rassistisch sein"?

"Es steht und fällt alles mit der Definition," sagt Errahmouni-Rimi geprägt durch ihren juristischen Hintergrund. Sie regt dazu an, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass jeder rassistische Vorurteile und Verhaltenserwartungen habe, ohne sich diesen immer bewusst zu sein. "In sofern würde ich schon sagen, dass jemand rassistisch handeln kann, ohne das beabsichtigt zu haben." Davon schließt sie sich selbst nicht aus.

Wir alle sind ja auch das Ergebnis unserer Sozialisation.

Ikram Errahmouni-Rimi Anti-Diskriminierungstrainerin
Ikram Errahmouni-Rimi, Anti-Diskriminierungstrainerin

Von der Schule, der Erziehung, dem Wohnort bis zum politischen System – alles aus dem Umfeld, in dem man lebt und aufwächst, habe einen Einfluss darauf, was und wie wir Dinge wahrnehmen und sehen, sagt Errahmouni-Rimi. Menschen hätten in der Regel nicht zu allen sozialen Gruppen Kontakt und damit nicht zu allen Lebensbereichen eigene Referenzen. Auf der Basis von Hörensagen, von Bildern und durch den Einfluss der eigenen Sozialisation würden sich trotzdem Meinungen und Haltungen bilden. Warum Vorurteile aber nicht nur etwas Schlechtes sind, erklärt die Anti-Diskriminierungstrainerin ab Minute 4:14.

2 Wer entscheidet, was Rassismus ist?

In gesellschaftlicher Hinsicht gebe es gerade einen Prozess, sagt Errahmouni-Rimi. In der Generation ihrer Eltern habe es viele Menschen gegeben, die nach Deutschland gekommen sind und zunächst mit essenziellen Dingen beschäftigt waren. "Die hatten keine Zeit, sich mit bestimmten Debatten zu befassen." Das sei heute anders.

Ich glaube, die Irritation besteht größtenteils darin, dass Menschen sehr lange gewohnt waren, zu sagen, was sie sagen wollen – ohne Widerspruch. Und das hat sich verändert.

Ikram Errahmouni-Rimi Anti-Diskriminierungstrainerin
Ikram Errahmouni-Rimi, Anti-Diskriminierungstrainerin

Heute hätten Menschen die Ressourcen, sich beispielsweise gegen Bezeichnungen, Sprache, Sprichworte zu wehren, erklärt sie. Außerdem gebe es das Internet und Aktivismus. Das habe dazu beigetragen, viel Aufmerksamkeit und eine neue Debatte über Sensibilität anzustoßen. Warum das nötig ist, erklärt Errahmouni-Rimi ab Minute 10:41.

3 "Wo kommen Sie eigentlich her?"

Nach einer Viertelstunde unterbricht Felix Krömer das Gespräch für ein kurzes Rollenspiel. Der Moderator fragt, Frau Errahmouni-Rimi antwortet – um die Antworten geht es dabei aber weniger, es ist ein fiktives Gespräch. Wo haben Sie gelernt, so gut Deutsch zu sprechen? Wo kommen Sie her? Nein, wo kommen Sie wirklich her?

Frau Errahmouni-Rimi kennt diese Fragen, sagt sie. Sie seien anstrengend, weil sie sie immer wieder höre. Ob das nun rassistisch sei, wäre wieder Definitionssache. "Was ist Rassismus? Ist es auch unabsichtliches 'andern', also jemanden exotisieren? Ist es jemanden anders zu behandeln, weil diese Frage anderen Kolleginnen und Kollegen nicht gestellt werden würde?"

Es geht der Anti-Diskriminierungstrainerin darum, sich zu hinterfragen und sie appelliert, sich in das Gegenüber hinein zu versetzen. "Warum interessiert das unbedingt? Wofür ist es relevant zu wissen, wo jemand 'wirklich' herkommt?" Die Antwort darauf erklärt Errahmouni-Rimi ab Minute 19:33.

4 Wo wird Rassismus strukturell beziehungsweise institutionell?

"Das ist sehr schwierig zu fassen," sagt Errahmouni-Rimi. Es sei abstrakt, schon das Wort "institutionell" nicht direkt greifbar. "Wenn man sich einer Definition annähern würde, würde man sagen: 'Das ist die Summe von Routinen, Praktiken, Abläufen, Regelungen, Standards, formellen und informellen Regeln, die dieses Konstrukt der Institution zusammen halten'", erklärt sie.

Und wenn man wisse, dass es in der Gesellschaft Rassismus und rassistisches Gedankengut gibt, mache das auch vor Institutionen nicht halt. Denn die Menschen, die in der Gesellschaft sind, würden arbeiten und Berufe ausüben. Auch die Gesetze und ihre Historie als Basis der Institutionen müsse man betrachten. Wie ein Beispiel dafür im Alltag aussehen kann, erklärt Errahmouni-Rimi ab Minute 32:35.

5 Wie bekommt man vorgefertigte Bilder aus dem Kopf?

Im Privaten liege es an jedem einzelnen, sich selbst damit auseinander zu setzten – anders in der Arbeitswelt. Dort diene das AGG, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, als Basis. Errahmouni-Rimi kritisiert, dass in Debatten oft suggeriert würde, Gleichbehandlung sei allein eine Haltungs- oder Einstellungsfrage. Dabei ist Diskriminierung laut AGG verboten, da gebe es ganz klare Regeln. "Das wissen nicht alle Arbeitgeber, würde ich behaupten. Nicht alle kennen das AGG besonders gut." Für Errahmouni-Rimi heißt das, Arbeitgeber müssen sich damit auseinandersetzen, denn es gebe eine Fürsorgepflicht für Arbeitgeber gegenüber ihren Mitarbeitenden – und da greift das AGG.

Was den rechtlichen Diskriminierungsschutz angeht, geht noch mehr. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgetz müsste ausgebaut werden. Nicht nur wann es für welche Lebensbereiche greift, sondern auch welche Merkmale es umfasst. Da ist auf jeden Fall noch viel zu tun.

Ikram Errahmouni-Rimi Anti-Diskriminierungstrainerin
Ikram Errahmouni-Rimi, Anti-Diskriminierungstrainerin

Die Bremer Gesellschaft wie auch die Gesellschaft in Deutschland habe sich in den vergangenen 20 Jahren verändert, sagt die Anti-Diskriminierungstrainerin. Arbeitgeber und Institutionen könnten es sich daher eigentlich nicht leisten, Menschen auf völlig irrationaler Basis auszuschließen und sollten Gleichberechtigung deshalb mitdenken – schon aus Eigennutz. Als Stichwort nennt Errahmouni-Rimi den Fachkräftemangel.

Bei der Bremer Polizei ist der Prozess und die Aufarbeitung im Gange. Errahmouni-Rimi wirbt dort als Referentin für mehr Vielfalt und Anti-Diskriminierung. Was sich bereits getan hat, erzählt sie ab Minute 38.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 12. November 2022, 19:30 Uhr