Interview

75 Jahre Radio Bremen: So muss sich der Rundfunk neu erfinden

Wo steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute? Was sind die Herausforderungen? "Es gibt viel zu tun", sagt der Bremer Medienwissenschaftler Andreas Hepp.

Fernseher, Radioanlage und Sessel, in einem Wohnzimmer der 50er-Jahre
Hier das Radio, dort der Fernsehen: So sah das früher aus. Heute nutzen immer mehr Menschen alle Medien auf einer Plattform – digital. Bild: DPA | Imagebroker/Helmut Meyer zur Capellen
Herr Hepp, heute auf den Tag genau vor 75 Jahren wurde Radio Bremen gegründet. Die Medienlandschaft hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Wo steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute?
Als der öffentlich-rechtliche Rundfunk gegründet wurde, war es das Radio, das im Vordergrund stand. Dann kam Fernsehen dazu. Heute leben wir in einer Medienumgebung, die durch digitale Medien und eine digitale Infrastruktur gekennzeichnet ist. Dadurch steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk an einem Punkt, an dem er sich – wie andere auch – neu erfinden muss, gewissermaßen als öffentlich-rechtlicher digitaler Anbieter.
Wo sehen Sie aktuell Stärken und Schwächen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?
Die Stärken der öffentlich-rechtlichen Medien sind die Vertrauenswürdigkeit, die sie haben. Gerade in Zeiten von Corona hat man gesehen, dass ihre Nachrichtenangebote diejenigen sind, die mit am vertrauenswürdigsten gelten. Die Öffentlich-Rechtlichen haben schon sehr gut an den digitalen Wandel angeschlossen, neue Online-Formate erfunden, aber auch neue Wellen, die der aktuellen Zeit gerecht werden. Hier hat Radio Bremen als kleine Sendeanstalt Beachtliches geleistet. Die Schwächen hängen aus meiner Sicht mit der derzeitigen Regulation zusammen. Online hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk viele Schranken, die damit verbunden sind, dass er eben noch stark als Rundfunk gedacht wird und nicht einfach als öffentlich-rechtlicher Medienanbieter.
Mit welchen Herausforderungen muss er derzeit umgehen?
Ich sehe hier zwei Herausforderungen: Erstens war der öffentlich-rechtliche Rundfunk vom Sendegebiet her gedacht. Das trägt auch Radio Bremen im Namen. Diese Sendegebiete lösen sich im Digitalen aber zumindest in Teilen auf. Wichtiger werden Themen, sobald man an die Übertragung via Internet denkt. Hier kommt es darauf an, die bestehenden Angebote zu überdenken und gerade den Bezug zu jungen Menschen zu halten, ohne eine weitere Leistung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus dem Blick zu verlieren: Die Information über das lokale Geschehen. Die zweite Herausforderung besteht in dem Auslösen der Grenzen zwischen den Medien: Radio heute ist mehr als der Radio Apparat. Fernsehen mehr als der Fernseher. Beides geht über Plattformen. Beides geht digital.
Nicht erst seit Corona wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk von einigen Menschen kritisiert, zum Teil in Frage gestellt. Wie ließe sich dem entgegenwirken?
Viel der Kritik ist getrieben über die Frage, warum man Rundfunkgebühren bezahlen soll, wenn man privates Fernsehen und private Printangebote haben kann, die über Werbung und Verkauf finanziert werden. Aus meiner Sicht gab da Corona eine klare Antwort: Weil die Öffentlich-Rechtlichen im Vergleich sehr gut recherchieren und informieren. Und weil sie auch gute Unterhaltungsangebote haben, während allerdings digitale Plattformen zeigen, dass da noch "mehr" geht. Der aktuelle Medienwandel macht deutlich, dass gerade Lokal- und Regionalzeitungen erheblich unter Druck sind. Ich denke, die Öffentlich-Rechtlichen sollten hier selbstbewusst zeigen, was sie können und voran schreiten. Sie sollten angemessene Angebote für die heutige Zeit entwickeln, spielerisch und innovativ bleiben. Dann können sie sich sehr gut positionieren.
Braucht es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der aktuellen Situation gerade um so mehr?
Ich denke man braucht mehr Öffentlich-Rechtliche – und nicht nur als Rundfunk sondern als ein breites, auch digitales Medienangebot. Man braucht Öffentlich-Rechtliche für Information, mit einem breiten Stamm an Journalistinnen und Journalisten, die nicht nur "Geschichten" erzählen wollen, sonder auch "hinterfragen" und gleichzeitig "konstruktiv" berichten, Optionen und Möglichkeiten aufzeigen. Wir brauchen einen neuen Lokal- und Regionaljournalismus, der versteht, wie junge Menschen ihn wollen. Wir brauchen aber auch breite öffentlich-rechtliche Unterhaltungsangebote. Denn der Gegensatz zwischen Information und Unterhaltung ist eine Fantasie. Die BBC zeigt seit Jahrzehnten, dass man sich mit guter Unterhaltung sehr wohl informiert und gute Information sehr wohl Unterhaltung ist. Beides ist kein Gegensatz!
Sehen Sie darin auch Chancen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?
Absolut – ich denke, wir haben in Deutschland und Europa mit den öffentlich-rechtlichen Medien etwas weltweit sehr besonderes. Diese gilt es gemeinsam zu pflegen und weiter zu entwickeln. Denn sie sind zentral für das Gemeinwesen und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Wie muss er sich Ihrer Meinung für die Zukunft aufstellen?
Man muss Öffentlich-Rechtliche neu denken, jenseits alter Schranken im Kopf, digital, aber ohne die klassischen Stärken von Radio und Fernsehen zu vergessen. Das ist eine Aufgabe der öffentlich-rechtlicher Medienhäuser. Es ist aber auch eine Aufgabe der Politik und des Gesetzgebers, die die bestehende Regulation im Digitalen neu überdenken müssen. Und es ist eine Aufgabe der Menschen, die laut sagen müssen, welche Art von öffentlich-rechtlichen Medien sie wollen. Warum nicht auch öffentlich-rechtliche Plattformen? Warum soll so etwas wie Facebook oder Instagram mit all den Problemen, beispielsweise was Datensicherheit betrifft, privat organisiert sein? Aus meiner Sicht gibt es da viel zu tun.

75 Jahre Radio Bremen in einer Ausstellung

Video vom 25. September 2020
Ein altes Mikrofon, auf dem Radio Bremen steht. Zu sehen im Focke Museum.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Gesprächszeit, 23. Dezember 2020, 17.20 Uhr