Hintergrund

B wie Bunker bis P wie "Palazzo Pisso" – 10 Fakten zu Bremens Domshof

Bild: Imago | Ilva Vadone

Der Wochenmarkt auf dem Domshof feiert sein hundertjähriges Bestehen. Während dieser Zeit ist auf dem Gelände viel passiert – von fabelhaft bis peinlich.

An diesem Freitag und Samstag feiert sich der Wochenmarkt auf dem Domshof selbst. Denn es gibt ihn jetzt seit hundert Jahren. Seit den Anfängen hat sich auf dem Gelände viel getan. Die wichtigsten, kuriosesten und interessantesten Veränderungen zeigen wir hier.

1 1922: Ein Wochenmarkt zieht um

Bildpostkarte mit Platzansicht mit Dom und Museum (1910)
Diese Postkarte zeigt den Bremer Domshof mit Dom, Museum Brunnen und Straßenbahngleisen im Jahr 1910. Museum, Brunnen und Straßenbahngleise existieren heute nicht mehr. Bild: DPA | akg-images

Über Jahrhunderte wurde der Wochenmarkt in Bremens Innenstadt auf dem Marktplatz abgehalten – die zwei Spitzen an den Knien des Rolands, mit denen Waren vermessen wurden, erinnern bis heute daran. Im September 1922 sollte sich dies ändern. Einer Chronologie über den Domshof zufolge "wurde ein großer Teil des Wochenmarkts nach dem Domshof verlegt". Dies habe dem Platz "ein buntes, malerisches Gepräge" verliehen.

Warum der Umzug nötig war, wird zwar nicht erwähnt. Vermutlich aber wurde es auf dem Bremer Marktplatz einfach zu eng. Dabei war an die heutigen Lkw-Anhänger und Foodtrucks noch gar nicht zu denken. Denn damals waren die meisten Marktbeschicker noch mit Handkarren und Pferden unterwegs.

2 1931: Der Spuckstein kommt weg – und wieder zurück

Mehr als 1.000 Jahre ist der Domshof alt. Nicht immer ging es auf ihm so friedfertig zu wie heute. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden hier verurteilte Menschen bestraft. Die berühmteste von ihnen ist die Giftmörderin Gesche Gottfried. Sie wurde 1831 bei der letzten Hinrichtung in Bremen geköpft – vor rund 35.000 Schaulustigen.

In Erinnerung an dieses Ereignis wurde später ein Spuckstein ins Pflaster eingelassen – ob es der Ort war, an dem das Schafott stand, oder die Stelle, zu der ihr abgetrennter Kopf gerollt war, ist dabei nicht überliefert. Überliefert ist hingegen, dass der Senat den Stein 1931, also hundert Jahre nach dem Tode Gesche Gottfrieds, zwischenzeitlich entfernen ließ. Der Grund: Einige Bremer hatten ein Hakenkreuz in den Stein geritzt.

3 1939: Letzter Freimarkt auf dem Domshof

Weihnachtsmarkt auf dem Bremer Domshof im Jahre 2016 (Archivbild)
Der Freimarkt findet heute auf der Bürgerweide statt. Der Bremer Weihnachtsmarkt samt Riesenrad prägt den Domshof jedoch bis heute. Bild: Imago | Eckhard Stengel

Lange vor dem Wochenmarkt war ein anderer Bremer Markt auf dem Domshof beheimatet: Der Freimarkt. Von 1854 fand das Volksfest hier statt. Im Ersten Weltkrieg fiel es hingegen aus. Danach wurde es auf den Grünenkamp in die Neustadt verlegt. Eine letzte Ausnahme war das Jahr 1939. Da fand der ordentliche Freimarkt letztmals auf dem Domshof statt. Nach dem Krieg siedelten die Buden und Fahrgeschäfte zur Bürgerweide über.

4 1940: Ein Bunker unter dem Markt

Die Nazi-Herrschaft und der Zweite Weltkrieg hinterließen ihre Spuren. Nicht nur, dass die Nationalsozialisten den Markt 1939 wieder zurück auf den Marktplatz verlegten. Sie bauten von 1940 bis 1941 unter dem Domshof auch einen unterirdischen Bunker für mehr als 2.500 Menschen. Zwölf Meter tief. Darauf entstand ein Parkplatz.

Der Bunker schlummert bis heute unter den Marktständen. Nach dem Krieg diente er den Amerikanern übrigens erst als Gefängnis, später wurde er zum Parkhaus für Polizeiautos und zwischenzeitlich sogar als Disko genutzt.

5 1947: Neustart unter den Alliierten

Domshof Bremen 1962
Wochenmarkt zwischen Autos und Straßenbahnen: So sah es Anfang der 1960er Jahre auf dem Domshof aus. Bild: Staatsarchiv Bremen

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente der Domshof zunächst als Parkplatz für die US-Armee. Am 1. April 1947 wurde er wieder für den Wochenmarkt freigegeben – während die Altstadt um ihn herum noch in Schutt lag. Es dauert Jahre, bis Gebäude neu oder wieder errichtet wurden, da vor allem die Nord- und Ostseite des Platzes zerstört waren. Neben Dom und Rathaus waren nur die Gebäude der Bremer Bank und der Deutschen Bank sowie zwei weitere Häuser vergleichsweise unversehrt geblieben.

Was folgte, waren zahlreiche Neu- und Umbauten. 1953 entstand die Deutsche Schifffahrtsbank, 1954 wurde auf den freien Grundstücken der Hausnummern 18 bis 20 das Gebäude der Deutschen Hypothekenbank errichtet. 1960 wurde das barocke Caesarsche Haus – nach Senator Gerhard Caesar benannt – abgerissen. An seiner Stelle entstand ein sechsgeschossiges Geschäftshaus. Und 1965 erweiterte sich die Deutsche Bank auf das Eckgrundstück Nr. 21a, wo vorher ein Museum stand. 1971 kam mit dem Neubau der Ibero-Amerika-Bank an die Ostseite eine weitere Bank zum Domshof. Und 1979 wurde die Bremer Bank mit einem Neubau auf die Grundstücke Nummer 10 bis 12 erweitert.

6 1987: Die letzte Straßenbahn rollt um den Wochenmarkt

Was heute nicht mehr jeder weiß: Seit 1883 fuhr eine Straßenbahn vom Schüsselkorb, über den Domshof bis zum Marktplatz. Und später auch zur Haltestelle Domsheide. Zeitweise fuhr sie auch eine Wendeschleife rund um die Marktfläche des Domshofs. Doch 1949 stellte der Senat die Weichen für eine Verlegung. Künftig sollte die Straßenbahn nicht mehr über den Domshof, sondern durch die Violenstraße rollen. Bis es so weit war, sollten jedoch fast vier Jahrzehnte vergehen. Erst 1987 wurde die Strecke verlegt.

7 Anfang der 1990er: "Palazzo Pisso" bring Hohn und Spott

Eine Frau geht die Treppe zu den Sanitäranlagen des rosa-grau gekachelten Toilettenhäuschen auf dem Domshof in der Innenstadt von Bremen hinab. (Archivbild)
Dieses Toilettenhaus wurde Anfang der 1990er bundesweit als "Palazzo Pisso" bekannt. 2013 verschwand es wieder. Bild: DPA | Ingo Wagner

Die Achtziger Jahre waren für den Domshof ansonsten eher zum Vergessen. Ein Wettbewerb zur Umgestaltung des Platzes scheiterte. Erst Anfang der 1990er Jahre wurden schließlich saniert. Doch auch hier lief nicht alles so, wie es sich die Bremer erhofft hatten. So konnten sich zwar viele mit den neuen Bäumen, dem Granitpflaster und dem 1991 eingeweihten Neptunbrunnen abfinden. Nicht verziehen haben viele Bürger dem Senat allerdings das schweinchenrosafarbene Toilettenhäuschen, das direkt neben dem Wochenmarkt errichtet wurde. Vor allem die Kosten von 870.000 D-Mark – heute wären das rund 444.000 Euro – erzürnten viele Bremerinnen und Bremer. Bundesweit berühmt wurde das stille Örtchen daraufhin als "Palazzo Pisso".

Das Urinal verschwand übrigens im Jahr 2013 wieder. Im Zuge der Arbeiten für den Neubau der Bremer Landesbank hätte der gekachelte Überbau mit Kiosk den Blick auf Fassade und Eingang des Neubaus versperrt, hieß es damals zur Begründung.

8 Ende der 1990er: Der Domshof bekommt ein Dach und ein Café

Besser liefen die Umbauten am Ende der 1990er Jahre. So wurden Domshof und Wochenmarkt 1998 zunächst durch die Katharinen-Passage mit der Sögestraße verbunden. 1999 wurde dann an der Nordseite des Platzes das so genannte Domshof-Forum errichtet. Seitdem schwebt dort ein 1.000 Quadratmeter großes Glasdach auf acht 16 Meter hohen Säulen.

Über das dreistöckige Domshof-Café aus Glas und Stahl wurde zunächst zwar auch gestritten. Das Bistro "Alex" ist heute allerdings ebenso Teil des Platzes wie das Marktgewusel.

9 2004: Meisterfeier in grün, weiß und orange

Fans des SV Werder Bremen bejubeln am 08.05.2004 auf dem Domshof in der Bremer Innenstadt den vorzeitigen Gewinn des vierten Meistertitels (Archivbild)
Gut 50.000 Werder-Fans feierten 2004 den Meistertitel-Gewinn. Bild: DPA | Ingo Wagner

Wenn nicht gerade Wochenmarkt ist, wird der Domshof seit jeher für große Versammlungen genutzt. So zum Beispiel am 8. Mai 2004, als TV-Moderator Marcel Reif gegen 15:50 Uhr die auf Großbildleinwand übertragenden Bilder des Auswärtsspiels Werder gegen Bayern mit den Worten, "Oh, Kahn, unsicher, Klasnic, Tooooooor!", kommentierte und mehr als 50.000 Fans in donnerndem Jubel versetzte. Die Meisterfeier auf dem Domshof blieb vielen unvergessen.

Doch auch andere Veranstaltungen haben auf dem Domshof Tradition. So fand hier fünf Jahrzehnte zuvor auch erstmals die Mai-Kundgebung der Bremer Gewerkschaften statt. Zur bislang größten dieser Demonstrationen sollen im Jahr 1958 sogar bis zu 80.000 Menschen gekommen sein. Zuletzt drückten in diesem Frühjahr viele Bremerinnen und Bremer ihre Solidarität mit den Ukrainerinnen und Ukrainer auf dem Domshof aus.

10 Heute: Markt, Freizeit und Events

In den vergangenen Jahren hat sich der Domshof weiter verändert – zum Beispiel durch die Eröffnung der Markthalle Acht und den Neubau der Bremer Landesbank. Und auch die Veranstaltung "Open Space", bei der seit einigen Jahren im Sommer eine große offene Bühne für Kunst, Kultur oder Wissenschaft zwischen den Wochenmarktständen errichtet wird, gehört heute dazu.

Künftig könnte sogar der alte Bunker neu genutzt werden. Dort könnten dort bis zu 2.000 bewachte Fahrradparkplätze entstehen, so der Plan der Bremer Mobilitätssenatorin Maike Schaefer (Grüne).

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Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. September 2022, 19:30 Uhr