Bremer Spurensuche: 9 Möglichkeiten, der Serienkillerin zu begegnen

Lithographie von der Giftmischerin Gesche Margarete Gottfried, 1829
So sah Gesche aus: gezeichnet im Kriminalgefängnis Bremen am 3. Oktober 1829. Bild: Picture Alliance / AKG Images | Rudolph Suhrlandt

Sie mischte ihren Opfern Arsen ins Essen. So brachte Gesche Gottfried fünfzehn Menschen um. 200 Jahre später erinnert noch vieles in Bremen an die Giftmischerin.

Noch heute erzählt man sich in Bremen die Geschichte von Gesche Gottfried, die 1831 auf dem Domshof hingerichtet wurde. Zuvor hatte sie – in einem Zeitraum von zwölf Jahren – unter anderem Mutter und Vater, zwei Töchter, den Sohn, den Bruder, zwei Ehemänner und einen Verlobten vergiftet.

Vor 40 Jahren hat Rainer Werner Fassbinder ihre Geschichte schon mal verfilmt. Mit "Effigie – Das Gift und die Stadt" wurde ihr jetzt filmisch noch ein Denkmal gesetzt, das es sogar 2019 als einziger deutscher Beitrag auf die Vorschlagsliste für den Oscar geschafft hat. Der Kinofilm basiert auf den tatsächlichen Prozessakten.

Wer sich für das Leben und Sterben der Gesche Margarethe Gottfried interessiert, kann ins Kino gehen. Oder einen Spaziergang machen. In Bremen braucht man dafür keine weiten Wege zurückzulegen.

1 Gefängniszelle

Original erhaltener Zellentrakt im Gefangenenhaus Ostertorwache
Heute ein Museum: Hier verbrachte Gesche ihre letzten Tage. Bild: WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH | Ingrid Krause

1828 wurde im Bremer Ostertor ein neues Gefängnis fertig gestellt. Das Detentionshaus gegenüber der Ostertorwache. Heute würde man es als Untersuchungsgefängnis beschreiben. Die erste Insassin war Gesche Gottfried. Nach über einem Monat täglicher Verhöre wurde Gesche am 13. Mai 1828 in das Detentionshaus überführt. Drei Jahre blieb sie dort – in der Zelle mit der Nummer 38.

Das Detentionshaus diente über 150 Jahre lang als Gefangenenhaus, Gestapogefängnis, Polizeigewahrsam und schließlich als Abschiebehaftanstalt. Heute ist den Bremern das Haus als Wilhelm-Wagenfeld-Haus bekannt. Der in seiner Ursprünglichkeit bewahrte Zellentrakt im rechten Seitenflügel ist zu einer Dokumentationsstätte umgestaltet worden. Sie ist regelmäßig jeden ersten Sonnabend im Monat von 11 bis 16 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Für Gruppen können zusätzliche Termine vereinbart werden.

2 Spuckstein

Ein Stein mit einem Kreuz darauf im Straßenpflaster.
Unauffällig, aber Touristenmagnet: der Spuckstein. Bild: Radio Bremen

Wenn Touristen in Bremen nach Gesche Gottfried fragen, werden sie erst mal zum "Spuckstein" geschickt. Man muss allerdings ziemlich genau hingucken, um die unscheinbare Stelle neben dem Bremer Dom zu finden. Der Basaltstein mit dem Kreuz in der Mitte liegt genau 18 Meter vor der Nordwand des Doms, gegenüber vom Brautportal.

Welche Stelle hier genau gekennzeichnet wird, darüber gibt es unterschiedliche Versionen: Die eine besagt, dass hier 1831 das Schafott stand, auf dem Gesche geköpft wurde. Oder aber an dieser Stelle blieb der heruntergefallene und rollende Kopf der Giftmischerin liegen. Alles in allem eine blutige Angelegenheit.

Seinen skurrilen Namen hat der Stein von der Tatsache, dass ihn seitdem immer wieder Bremerinnen und Bremer voller Verachtung über die Taten der Gesche Gottfried zielgerichtet "ausspuckten".

3 Totenmaske

Totenmaske der Giftmöderin Gesche Gottfried
Durch einen Zufall tauchte die Totenmaske der Gesche Gottfried wieder auf. Bild: DPA / Picture Alliance | Ingo Wagner

Nach der Enthauptung wurde Gesche Gottfrieds Kopf in Spiritus eingelegt und im Museum am Domshof ausgestellt. Die Erlöse aus den Eintrittsgelder wurden an eine Taubstummenanstalt gespendet. Im "Bremischen Unterhaltungsblatt" stand am 24. April 1831: "Sehr interessant ist der Anblick des Kopfes. Die Gutmüthigkeit schauet auch im Tode noch aus allen Augen. Mit Mühe sucht jeder die Züge der Bosheit, der Arglist und der Mordsucht zu entdecken, weil jeder sie finden will. Aber jene Züge des Edlen stellen sich überall dar."

Der übrige Körper von Gesche Gottfried wurde skelettiert und in einem Schrank aufbewahrt. Noch 1912 fanden Wissenschaftler das Skelett im Pathologischen Institut der Bremer Krankenanstalten (heute Klinikum Bremen-Mitte). Daneben soll auch ein Schädel gelegen haben – jedoch ohne Namensetikett, sodass niemand mit Gewissheit sagen konnte, ob er von Gesche stammte.

Während des ersten Weltkrieges brannte das Pathologische Institut aus und damit waren ihre sterblichen Überreste nach über 100 Jahren endgültig vernichtet. Allerdings entdeckten die Forscher ein Foto aus dem Jahre 1912, auf dem der Gipsabguss von Gesches Kopf abgebildet ist. Einer dieser Abgüsse fand sich in der Sammlung eines englischen Gefängnisarztes wieder, die in Winchester ausgestellt werden sollte. Deshalb gab es eine Anfrage beim Bremer Focke-Museum nach Gesches Lebensgeschichte. Seit Ende April 2005 findet sich nun auch wieder in Bremen ein Abguss von Gesches Totenmaske in einer Vitrine des Focke-Museums. Sie ist eine Kopie des englischen Originals.

4 Prozessakten

Zwei alte gebundenen Bücher
Die Prozessakten waren Basis für ein Buch. Bild: Staatsarchiv Bremen

22 Jahre lang hat der Autor Peer Meter das Leben der Mörderin erforscht, fast 1.000 Seiten Prozessakten hat er studiert, unzählige Zeugen-Aussagen und Protokolle in Original-Handschrift gelesen. Das Resultat seiner Arbeit präsentiert Meter in seinem 240 Seiten starken Buch, das im März 2010 in der Bremer Edition Temmen erschienen ist.

"Gesche Gottfried. Eine Bremer Tragödie" erzählt die Geschichte einer hoch-intelligenten, aber psychisch schwer verwirrten Frau. Der Autor kritisiert darüber hinaus die Bremische Bürgergesellschaft, eine eigene Mitverantwortung an den grauenhaften Taten nicht anerkannt zu haben.

5 Graphic Novel

Die Zeichnerin Barbara Yelin hat – basierend auf den Recherchen von Peer Meter – Gesches Leben nachgezeichnet und den Roman als Graphic Novel illustriert. Der schwarz-weiße Comic versetzt einen in das Bremen des Biedermeier. Im März 2010 ist das 200 Seiten starke Buch im Verlag Reprodukt unter dem Titel "Gift" erschienen.

6 Filme

1978 nahm sich der Regisseur Karl Fruchtmann einer Theateradaption der Geschichte von Gesche Gottfried an. Er verfilmte sie für Radio Bremen unter dem Titel "Gesche Gottfried". Schon 1972 entstand der Film "Bremer Freiheit" von Rainer Werner Fassbinder. Die Handlung basiert auf dessen gleichnamigen Bühnenstück, das ein Jahr zuvor am Bremer Theater uraufgeführt wurde.

Szene aus dem Tatort "Der schwarze Troll",
Wie erklärt man einem Kind den Tod? Das bringt Laura (Judith Engel) als Mutter in Schwierigkeiten. Bild: Radio Bremen | Jörg Landsberg

2003 stand Bremens berühmteste Giftmischerin Patin für die Radio Bremen Tatort-Produktion "Der schwarze Troll". Drehbuchautorin Thea Dorn fühlte sich von Gesche so sehr inspiriert, dass sie ihr einen spannenden Krimi widmete: Darin ist das Motiv der Mörderin in einer Psychose namens "Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom" zu finden. Dabei handelt es sich um eine schwere Persönlichkeitsstörung, bei der die Patienten ständig die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und Mitleid erregen wollen. Dabei greifen sie sogar zu Mitteln, die ihnen selbst und ihrer Umwelt gar nicht gut tun. Ob diese Erkrankung auch auf Gesche Gottfried zugetroffen haben könnte, darüber allerdings streiten Wissenschaftler, Kriminologen und Historiker bis heute.

7 Hörspiel

Ulrike Krumbiegel spielt Gesche Gottfried
Gesches Stimme: Ulrike Krumbiegel bei der Hörspielproduktion im Studio. Bild: Radio Bremen | Janine Lüttmann

Nach einer Vorlage des Berliner Autors Carl Ceiss inszenierte der Dramaturg Ulrich Lampen das Einpersonenstück bei Radio Bremen im Jahr 2009. Darin begegnet dem Hörer die Giftmörderin Gesche Gottfried in verschiedenen Gemütslagen: naiv, zornig oder als kühle Planerin. Die Sprecherin wechselt ständig die Haltung in ihrer Rolle als Gesche. In einem Selbstgespräch berichtet sie von ihrem Leben. Die Schauspielerin Ulrike Krumbiegel spielt die Rolle der Giftmörderin.

8 Gesche-Gottfried-Weg

Holzschild des Gesche-Gottfried-Wegs
Im Kleingartengebiet in Bremen-Gröpelingen befindet sich ein Gesche-Gottfried-Weg. Bild: Radio Bremen | Anja Kwijas

Einen Straßennamen hat Gesche Gottfried in Bremen bisher noch nicht. Wer wohnt schon gerne in einer Straße, die nach einer Serienmörderin benannt wurde? Aber es gibt einen kleinen, beschaulichen Weg in einer Kleingartensiedlung in Gröpelingen mit ihrem Namen. Dort wird noch andere bekannter Bremer Persönlichkeiten gedacht wie beispielsweise mit dem Ottjen-Alldag-Weg, dem Mudder-Cordes-Weg und dem Stadtmusikanten-Weg.

Die Kleingärtner aus dem Verein "Waller Marsch" scheinen mit der Bremer Vergangenheit keinerlei Berührungsängste zu haben. Ob die Namensgebung nach Gesche Gottfried jedoch etwas mit der nahe gelegenen JVA Oslebshausen zu tun haben könnte, das mag dahingestellt sein.

9 Treffen mit Gesche

Der menschenleere Schnoor in Bremen
Wie zu Gesches Zeiten: der Bremer Schnoor. Bild: Radio Bremen | Dirk Osmers

Besucher des Bremer Geschichtenhauses können sich mit ihren Fragen direkt an eine leibhaftige Gesche Gottfried wenden. Die Leihendarsteller von Bras e.V. versuchen in ihren Rollen den Touristen zu erklären, wie das Leben damals war und was die Menschen bewegt hat. Im traditionsreichen Schnoor mit seinen alten, engen Gassen und der Nähe zu den originalen Schauplätzen in der Innenstadt lässt sich Gesches Lebensgeschichte gut nachempfinden.

Neuer Kinofilm über Bremens bekannteste Mörderin Gesche Gottfried

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Januar 2022, 19:30 Uhr