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Pflegenotstand ade? Bremer Studie sieht Ausweg aus dem Personalmangel

Die Corona-Pandemie legt Schwächen schonungslos offen, auch den Personalmangel in Kliniken. Laut einer neuen Studie aber wollen 60 Prozent der Aussteiger zurück – unter Bedingungen.

Video vom 15. November 2020
Eine Hand in blauen Handschuhe an einem medizinischen Gerät.
Bild: Radio Bremen


Das hört man häufig zurzeit: "Der Markt ist leergefegt. Pflegekräfte sind einfach nicht zu bekommen." Das hört man tatsächlich schon seit Jahren. Auch von der Krankenhausgesellschaft und den Pflegediensten. In Bremen, in Deutschland, europaweit. Schon vor Corona – und erst recht seitdem. Ist es wirklich so einfach? Die Arbeitnehmerkammer Bremen sagt: Nein, ist es nicht.

Laut einer noch unveröffentlichten Studie der Arbeitnehmerkammer und des Forschungsinstituts Socium gibt es großes personelles Potenzial. So groß, dass die Studien-Autoren behaupten: Der Fachkräftemangel in Bremen könnte mit Pflegeaussteigern und Teilzeitkräften abgefedert oder sogar gedeckt werden.

60 Prozent der Aussteiger würden zurückkommen

Der Untersuchung zufolge würden 60 Prozent der Pflegekräfte, die aus dem Beruf ausgestiegen sind, wieder einsteigen in den Job, sagt Jennie Auffenberg, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik der Arbeitnehmerkammer und eine der Studien-Autorinnen. Voraussetzung: bessere Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus könnten sich rund 50 Prozent der Pflegekräfte, die heute in Teilzeit arbeiten, vorstellen, die Arbeitszeit aufzustocken – ebenfalls unter anderen Bedingungen.

Zu diesem zentralen Ergebnis kommen die Forscher durch eine Online-Befragung. 1.032 ausgestiegene und Teilzeit-Pflegekräften haben sich beteiligt. Sie leben überwiegend in Bremen und Niedersachsen. "Die Studie ermittelt die notwendigen Bedingungen im Detail und stellt eine Hochrechnung für das mobilisierbare Potenzial an Pflegekräften im Land Bremen an", so Auffenberg.

Pflegeaussteiger TARIF-VERTRAG Mehr Zeit für Patienten Mehr Geld Mehr Zeit für Familie Tarifbindung Mehr Wertschätzung durch Vorgesetzte

Die Autoren fragten, welche Bedingungen die Teilnehmer daran knüpften, wieder in die Pflege einzusteigen oder die Stundenzahl zu erhöhen. Laut Auffenberg wurden 51 Bedingungen abgefragt, die meistgenannten zeigt die Übersicht:

  • Mehr Wertschätzung durch Vorgesetzte und eine höhere Sensibilität von Vorgesetzten für die Belastungen in der Pflege
  • Mehr Zeit für qualitativ hochwertige Pflege sowie Zeit für menschliche Zuwendung, konkret: eine bedarfsorientierte Personalbemessung
  • Tarifbindung, Vorhandensein einer betrieblichen Interessenvertretung und Mitsprache in betrieblichen Abläufen
  • Verlässliche Arbeitszeiten, also pünktlich Feierabend machen können, geregelte Pausenzeiten, kein Einspringen aus der Freizeit
  • Höheres Grundgehalt, höhere Zulagen, da sich Anerkennung zuvorderst in der Bezahlung ausdrücke (Die Befragung fand vor dem jüngsten Tarifabschluss im öffentlichen Dienst vom Oktober statt.)

Können Rückkehrer Fachkräftemangel abfedern?

Glaubt man den Autoren der Studie, könnte der künftige Fachkräftemangel im Land Bremen – oder auch ein Mehrbedarf durch eine bedarfsorientierte Personalbemessung – zu einem Großteil mit den Aussteigern und in Teilzeit arbeitenden Pflegekräften gedeckt werden. Unter der Voraussetzung, dass die Bedingungen erfüllt werden. Bei der Bereitschaft, zurückzukehren in den Beruf, habe es keine Unterschiede zwischen der Langzeitpflege und der Krankenpflege gegeben, so die Autoren weiter.

Detaillierte Ergebnisse der Studie wollen die Arbeitnehmerkammer und das Socium erst im neuen Jahr vorstellen. Dass jede ausgebildete Pflegekraft gebraucht wird oder dass es hilfreich wäre, wenn Teilzeitkräfte ihre Stunden aufstocken, ist dagegen schon jetzt unstrittig. Arbeitsbelastung und Personalnotstand sind Alltag, im Folgenden blicken wir genauer auf die Krankenpflege.

Der Status Quo – Personal und Belastung in Krankenhäusern

Die Lage in Bremens Kliniken ist angespannt. Das ist nicht aktuell nur wegen Corona so. Der erlebte Stress und die Arbeitsbelastung waren bei den Beschäftigten in Bremens Krankenhäusern offenbar schon vorher höher als in anderen Berufen in Bremen. Das geht aus einer laut Arbeitnehmerkammer repräsentativen Befragung des vergangenen Jahres hervor. Demnach haben 77 Prozent der Krankenhausmitarbeiter unter den Teilnehmern der Studie den Eindruck, dass der Arbeitsdruck und der Stress angestiegen sind – der Anteil bei allen befragten Beschäftigten liegt dagegen nur bei rund 52 Prozent.

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"Im Pflegedienst der Bremer Krankenhäuser sind die Pflegekräfte noch höher belastet als in anderen Regionen Deutschlands", sagt Referentin Auffenberg. Sie stützt sich bei ihrer These auf Zahlen des Statistischen Landesamts und des Statistischen Bundesamts. Bundesweit wurde demnach ab 2007 Pflegepersonal aufgebaut. In Bremer Kliniken dagegen wurde im selben Zeitraum Personal reduziert, genauer: Es gibt immer weniger Vollzeitbeschäftigte in Bremen – entgegen dem Bundestrend.

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Einen negativen Trend im Land Bremen zeigen auch andere Zahlen: Eine Pflegefachkraft muss demnach immer mehr Patienten versorgen. Seit neun Jahren ist die Zahl höher als die zu behandelnden Fälle bundesweit. Eine Vollzeitkraft in Bremen musste 2017 durchschnittlich 61 Menschen versorgen, bundesweit waren es dagegen 58.

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Das vorläufige Fazit von Arbeitnehmerkammer-Referentin Jennie Auffenberg zur Situation der Pflege in Bremen fällt eindeutig aus: "Die Bremer Krankenhäuser müssen für Entlastung des Personals und für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege sorgen." Der Veränderungsdruck sei gewaltig. Dass sich offenbar etwas bewegen muss, zeigen auch hier die Zahlen: Vor allem eine große Mehrheit der jungen Krankenhaus-Beschäftigen kann sich nicht vorstellen, bis zur Rente in diesem Beruf zu arbeiten.

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Hoffnungsschimmer Pflegebudget

Helfen könnte den Krankenhäusern aus Sicht von Pflege-Expertin Auffenberg eine Gesetzesnovelle. So sind seit Beginn dieses Jahres in Folge des Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes die Kosten für das Pflegepersonal der Krankenhäuser aus den Fallpauschalen ausgegliedert worden. Jetzt bekommen die Kliniken ihre Pflegepersonalkosten aus einem gesonderten Budget der Krankenkassen erstattet. Das bedeutet: Die Krankenkassen haben keinen Nutzen mehr davon, beim Pflegepersonal zu sparen.

Tatsächlich hatten sich 75 Prozent aller Krankenhäuser Deutschlands daher schon für dieses Jahr vorgenommen, mehr Pflegekräfte einzustellen, wie aus dem Krankenhaus-Barometer 2019 des Deutschen Krankenhausinstituts hervorgeht. Das Problem: Der Markt ist wie leergefegt.

Bremer Krankenhausgesellschaft zum Fachkräftemangel in der Pflege

Video vom 15. November 2020
Uwe Zimmer von der Bremer Krankenhausgesellschaft im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Autoren

  • Alexander Schnackenburg Autor
  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. November 2020, 19:30 Uhr