Interview

So finden ältere Menschen in Bremen Kontakt – nicht nur an Weihnachten

Frau sitzt auf einem Sofa und telefoniert.

So finden ältere Menschen in Bremen Kontakt – nicht nur an Weihnachten

Bild: Silbernetz

Lea aus Worpswede ist eine "Silbernetz-Freundin". Sie arbeitet beim Verein Silbernetz und telefoniert regelmäßig mit einer älteren Dame. Am Weihnachten ist Silbernetz 24 Stunden erreichbar.

Zur Weihnachtszeit sind viele Menschen nicht gerne alleine. Deshalb machen Verbände und Vereine in Bremen Angebote, damit sie Gesellschaft bekommen. Ältere Menschen sind besonders gefährdet, sich einsam zu fühlen, sagt Elke Schilling. Die 78-Jährige hat den Verein Silbernetz gegründet, der Menschen über 60 Jahre Kontakte vermittelt. An Weihnachten ist die Telefon-Hotline 24 Stunden lang geöffnet. Die Nummer lautet 0800 4 70 80 90.

Doch Silbernetz macht mehr: Der Verein vermittelt sogenannte Silbernetz-Freundschaften. Eine Mitarbeiterin und ein älterer Mensch werden zusammengeführt und telefonieren einmal pro Woche teils über Jahre. Elke Schilling hat buten un binnen erklärt, wie man einen solchen Freund oder eine Freundin finden kann. Die 26-jährige Lea A. aus Worpswede ist eine Silbernetz-Freundin und erzählt, was sie motiviert, regelmäßig mit einer fremden älteren Frau zu telefonieren.

Frau Schilling, was hat zu Silbernetz geführt?
Ich bin selber 78 Jahre alt und vor acht Jahren auf das Thema Alterseinsamkeit gestoßen, weil ich hier in Berlin Senioren-Vertreterin war. Einsamkeit kann zwar jeden treffen, doch wer aus dem Berufsleben ausscheidet, hat weniger alltägliche Kontakte. Dazu kommt, dass mit dem Älterwerden Freunde und Bekannte sterben. Mit gesundheitlichen Einschränkungen kommt man nicht mehr so viel raus und findet schwer neue Kontakte. Und wenn man erst mal drin sitzt im Loch, dann braucht man wirklich Hilfe.
Wie entstand die Idee, dann Freundschaften zu vermitteln?
Bei meinen Recherchen bin ich in England auf die "Silverline" gestoßen. Die habe ich besucht, habe mir angesehen, wie die arbeiten und mir dann Verbündete in Deutschland gesucht. Es hat vier Jahre gedauert, dann sind wir an den Start gegangen. Ich bin immer wieder überwältigt, denn nach diesen vier Jahren haben wir 385.000 Anrufe. Aber die Briten hatten eine Million Anrufe nach zwei Jahren. Ich denke immer, es könnte auch hier schneller gehen. Aber die Engländer wurden von Anfang an von einem Telekommunikations-Unternehmen unterstützt, Wir müssen alle Telefonkosten selber zahlen, eine sechsstellige Summe im Jahr, die wir über Spenden erwirtschaften müssen. Wir brauchen Geld, richtig Geld, das ist hammerhart.
Frau hält Hand an Ohr als würde sie telefonieren.
Elke Schilling hat Silbernetz gegründet. Bild: Silbernetz
Bei mehreren Hunderttausend Anrufen ist der Bedarf nach Kontakten offenbar groß.
Ja. Nach dem Auftritt im Fernsehen, im ARD-Morgenmagazin vor drei Tagen, sind die Anruferzahlen durch die Decke gegangen. 90 Prozent der Menschen sind Anrufer gewesen, die vorher nichts von uns gewusst haben. In jeder einsamen Hütte flimmert der Fernseher, der Fernseher kann ein Mittler für unsere Telefonnummer sein. In Bremen sind wir noch nicht so bekannt, von dort kommen noch nicht so viele Anrufe und es gibt zwei Silbernetz-Freundschaften mit älteren Menschen in Bremen. Wir müssen noch bekannter werden.
Lea, Sie sind eine Silbernetz-Freundin und telefonieren mit einer älteren Frau regelmäßig. Was hat Sie bewogen, das zu tun?
Lea: Als es mit Corona losging habe ich gemerkt, dass bei meiner Oma die Kontakte weggebrochen sind. Sie ist eigentlich sehr aktiv und unternimmt viel. Aber sie hat alles eingestellt, weil man auch nicht wusste, wie sich alles entwickelt. Mein Oma kann das gut wegstecken, weil sie einen großen Freundeskreis hat. Aber andere ältere Menschen können das nicht. Und als ich von Silbernetz gelesen habe, fand ich die Idee sehr schön, einmal in der Woche mit jemandem zu telefonieren.
Wer ist die Person – und worüber sprechen Sie?
Lea: Die Frau ist über 70 Jahre alt ist und ich weiß aus welcher Stadt sie kommt. Man kann aber vorher angeben, wenn man das nicht sagen will. Mehr wusste ich nicht. Aus gesundheitlichen Gründen kann sie nicht mehr ausgehen und am Leben teilhaben. Einmal in der Woche kommt ein Pflegedienst, aber das ist ja kein persönlicher Kontakt. Wenn wir telefonieren, reden wir über alles Mögliche. Ich habe einmal von einer Zugfahrt erzählt, und dann haben wir stundenlang über das Zugfahren gesprochen. Darüber, wo sie früher immer hingefahren ist. Oder sie erzählt mir von ihrer Woche. Ich weiß vorher nie, worüber wir reden, das entwickelt sich im Gespräch.

Wenn ich einmal in der Woche mit jemandem telefoniere, ist es anders als bei der Hotline. Dann kann mit der Person eine Beziehung aufbauen.

Lea, 26-jährige Silbernetz-Freundin aus Worpswede
Wie kann ein älterer Mensch eine Silbernetz-Freundschaft schließen? Wie läuft das ab?
Schilling: Die Menschen können jeden Tag bei uns anrufen. Bei der Hotline ist jeden Tag eine andere Person am Telefon. Wenn die Gespräche persönlicher werden sollen, dann bieten wir die Silbernetz-Freundschaften an. Unsere Vermittler fragen nach Interessen und Wünschen und gucken, wer von den Mitarbeitern in Frage kommt. Und wenn es gewünscht ist, klingelt das Telefon und jemand sagt: "Lassen Sie uns miteinander reden."
Wie kann man selbst – so wie Lea – ein Freund oder Freundin für einen älteren Menschen werden?
Schilling: Auf unserer Homepage kann man sich für ein Wochenendseminar anmelden. Dann kommt man nach der Ausbildung auf eine Liste – und irgendwann ruft eine Mitarbeiterin an und fragt nach ihren Interessen, sodass man mit jemanden verbunden werden kann, mit dem man Gesprächsthemen findet. Wir haben bisher 180 Menschen ausgebildet. Dazu kommen 50 ehrenamtliche und 23 feste Mitarbeiter, die telefonieren.

Lea: Ich habe mich angemeldet und online eine Schulung gemacht, ein Wochenende. Das war sehr interaktiv. Man konnte alle Fragen stellen, und wir haben verschiedene Szenen durchgespielt. Man lernt, wann und wie man Grenzen setzt, wie man jemanden zum Reden bringt, der nicht spricht. Und dann kam der Anruf und mir wurde meine Gesprächspartnerin vermittelt.

Mit meinen Freunden spreche ich eher über WhatsApp. Es ist gut, sich im Alltag die Zeit nehmen zu können, um zu telefonieren. Gerade wenn es so hektisch ist, bringt es Lebensfreude. 

Lea, 26-jährige Silbernetz-Freundin aus Worpswede
Wie lange halten diese Freundschaften?
Schilling: Zum Teil telefonieren die Menschen viele Jahre miteinander, einmal in der Woche. Das ist anonym, keiner muss seinen richtigen Namen nennen, oder sagen, wo er wohnt. Das ist ein Schutz für die älteren Menschen und der Mitarbeiter ist vor unpassenden Anrufen geschützt.

Die Vertrautheit wächst bei manchen mit der Zeit. Und es besteht die Möglichkeit, sich im echten Leben kennen zu lernen. Dann endet die Silbernetz-Freundschaft. Denn wir sagen: Für uns ist die Anonymität Schutz, wir können nicht garantieren, was passiert, wenn beide die Anonymität aufgeben.
Was haben Sie Lea von den Gesprächen mit der alten Dame – und was glauben Sie, nimmt Ihre Gesprächspartnerin mit?
Lea: Ich glaube, es ist für sie Lebensgefühl. Ich habe den Eindruck, es tut ihr gut. Ich bin jung – und da finde ich es schön, das Leben aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen. Und ich bin noch dankbarer, dass ich rausgehen kann, spazieren gehen, mich bewegen kann. Und ich bin erst 26 Jahre alt, sie ist über 70. Da bekomme etwas von der Lebenserfahrung mit. Und wann hat man schon mal die Gelegenheit einfach mal zu reden? Über irgendwelche Themen. Ich setze mich immer ganz in Ruhe hin und nehme mir die Zeit. Das ein schöner Teil der Woche.
Was wünschen Sie sich für Silbernetz und die älteren Menschen, Frau Schilling?
Dass wir es schaffen, alle, die uns in dieser Zeit anrufen, auch zu einem Gespräch begrüßen zu können.

Wozu brauchen wir Freundschaften?

Bild: Radio Bremen

Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 24.12.2022, 9:40 Uhr