Alleine nach Almanya: Wie Türkinnen in Bremen ihr Glück suchten

Bild: Orhan Çalışır

Istanbul – Bremen: Nach dem Anwerbe-Abkommen 1961 kamen Tausende Türken nach Deutschland. Darunter Feriha und Hayat. Wie sie die Fremde empfanden und hier Fuß fassten.

Das hätte sich Feriha Demirtaş als junges Mädchen in der Türkei nicht träumen lassen. Dass sie einmal als 20-Jährige ihre Familie in der Türkei zurücklässt, um im fernen "Almanya" zu arbeiten.

Hachez Gelände Bremen
Ziel vieler türkischer "Gastarbeiterinnen": Hachez in der Bremer Neustadt. Bild: Radio Bremen

Sie ist eine von rund 870.000 türkischen Arbeitskräften, die zwischen 1961 und 1973 nach Deutschland kommen, um vor allem in Fabriken zu arbeiten. Und daheim der Armut zu entfliehen. 640.00 davon werden offiziell als Arbeitskräfte über die deutsche Stelle der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung in Istanbul angeworben. Und darunter sind rund 140.000 türkische Frauen, die mit ihrem Verdienst die Familie zuhause unterstützen wollen. Sie arbeiten vor allem in der Elektro-und Lebensmittelindustrie. Wie hier in Bremen in der Schokoladenfabrik von Hachez. Die Frauen, die hier angeworben werden, sind damals zwischen 16 und 31 Jahre alt.

Angst vor dem fremden Land

Feriha Demirtaş will zunächst nicht nach Deutschland. Sie spricht kein Deutsch, weiß nichts über das Land. "Damals haben wir kein Fernsehen gehabt. Kein Telefon oder Internet. Gar nichts." Nach Deutschland zu gehen macht ihr zunächst Angst.

Aber meine Schwester hat gesagt, das schaffen wir.

Rothaarige Frau sitzt auf Sofa und lächelt.
Feriha Demirtaş

In einem Außenposten des deutschen Arbeitsamtes in Istanbul müssen sich die beiden Schwestern einem mehrtägigen und strapaziösen Medizincheck unterziehen. So wie alle anderen Bewerberinnen und Bewerber, die nach Deutschland wollen. Bis zu 600 werden hier täglich untersucht. Von Kopf bis Fuß, auf Herz und Lunge. Wer nicht kerngesund ist, wird nicht angenommen. So ergeht es auch Ferihas Schwester. Sie fällt durch.

Bremen – mit Pauken und Trompeten, trist und öde

Sie überredet Feriha, dennoch das Wagnis einzugehen und die Chance zu nutzen. Die unterschreibt ihren Arbeitsvertrag und muss sich alleine auf den Weg nach Deutschland machen. Mit dem Zug 50 Stunden von Istanbul über München nach Bremen. Am 8.Oktober 1973 wird sie am Hauptbahnhof von einem Hachez-Mitarbeiter abgeholt. Und wird von lauter Musik, buntem Budenzauber und ausgelassenen Menschen empfangen: Es ist Freimarkt in Bremen.

Doch dann geht es in die Neustadt. Feriha Demirtaş ist schnell ernüchtert. Bremen wirkt trist und trostlos auf sie. Neben dem Fabrikgelände von Hachez zieht sie in eins der spartanisch eingerichteten Wohnheime der Firma. Neun Frauen werden auf drei Zimmer verteilt, drei pro Zimmer. "Wir haben nur ein Metallbett gekriegt und eine graue Wolldecke. Ein Tisch, ein Stuhl. Weiter nichts."

Alles schrecklich war das.

Rothaarige Frau sitzt auf Sofa und lächelt.
Feriha Demirtaş

Sprachbarriere ist großes Problem

Für die meisten wird die Sprachbarriere anfänglich bei der Arbeit bei Hachez zum großen Problem. Hier müssen die Türkinnen angelernt werden. Schwierig, weil keine von ihnen damals Deutsch spricht. Hachez stellt zwar einen Dolmetscher zur Verfügung. Doch im Alltag hilft das wenig. Man verständigt sich buchstäblich mit Händen und Füßen. Die fremde Sprache nicht zu verstehen, verunsichert auch Feriha Demirtaş massiv.

Immerhin: Hachez nimmt auch Rücksicht auf die Tatsache, dass die meisten Türkinnen Muslima sind. Mittags gibt es in der Kantine unter anderem Hähnchen und Fisch. Und im Fastenmonat Ramadan dürfen sie in der Spätschicht am Abend kurz das Fasten brechen. Das ist vor allem in den warmen Sommern wichtig für die Frauen.

Ihr Verdienst bei Hachez ist gering. Anfang der 70er Jahre gibt es für Akkord-Arbeit 3,45 D-Mark in der Stunde und ohne Akkord 2,60 D-Mark. Der Lohn ist tariflich festgelegt. Die Frauen verdienen damals in den sogenannten Leichtlohngruppen etwa 30 bis 40 Prozent weniger als Männer. Feriha spart ihr Geld, damit sie sich die Heimat-Urlaube leisten kann. Zusätzlich Geld zu ihrer Familie schicken kann sie aber nicht. Und das, obwohl sie nach der Arbeit in der Schokoladenfabrik noch Nebenjobs annimmt: Teller spülen in der Kantine einer Druckerei und Büroräume putzen.

Kinder werden zu echten Stützen

Birnaz Kaya kommt damals als eine der ersten in einem anderen Wohnheim in der Kornstraße unter. Ihre zwölfjährige Tochter Eftik wird bald für viele Bewohnerinnern zur unschätzbaren Hilfe: Das Kind lernt schnell Deutsch und kann so im Wohnheim neu ankommenden Türkinnen bei wichtigen Alltagsgängen helfen: "Ich hab' die bei der Volkshochschule zum Deutschkurs angemeldet, ich hab' die zu Arztbesuchen begleitet, ich hab' mit denen die Wohnungssuche gemacht, wenn wir dann das Gespräch hatten mit dem Vermieter. Ich war überall mit."

Und sie erinnert sich, wie sich manche Frauen auch schnell assimilierten: "Es gab Jüngere, die das Leben dann noch genießen wollten. Die sich dann auch gleich sehr modisch angezogen hatten." Schlaghosen, bauchfreie Blusen: "Raus wollten die. Und alles wollten die erkunden."

Zweifel und Heimweh schmerzen lange

Türkische Frau betrachtet Wand mit gerahmten Familienfotos.
Jahrelange Zweifel begleiten viele Frauen und es plagt sie ein schlechtes Gewissen. Bild: Radio Bremen

Viele Frauen lassen in der Türkei nicht nur Eltern, Geschwister und Freunde, sondern sogar Ehemann und kleine Kinder zurück. So auch Hayat Demirkapı. Täglich schreibt sie Briefe nach Hause. Telefonate sind so gut wie nie möglich. Jahrelang zweifelt sie daran, ob es die richtige Entscheidung war, in die Fremde zu gehen, um Geld zu verdienen. Das schlechte Gewissen plagt sie bis heute. Doch sie sagt sich immer wieder: "Ich muss das tun. Für meine Kinder mach' ich das."

Feriha Demirtaş kann erst nach einigen Jahren zunächst ihren Mann und später ihre älteste Tochter nach Bremen holen. Die ist bei Oma und Tante in der Türkei aufgewachsen. Ihre Eltern sind wie Fremde für sie, als sie mit sechs Jahren in Deutschland ankommt. Sie fremdelt ein ganzes Jahr lang.

Familie betrachtet ein Fotoalbum.
Der Blick ins Familienalbum: Der Umzug nach Bremen hatte viele Schattenseiten. Bild: Radio Bremen

Dem Nachzug der Familie folgt ein steiniger Weg: Ihr Mann darf jahrelang in Deutschland nicht arbeiten, und sie suchen lange vergeblich nach einer angemessenen Wohnung. Die Töchter müssen sich ohne Hilfe durch das deutsche Schulsystem schlagen. Und setzen sich durch. Auch gegen Lehrerinnen und Lehrer, die sie trotz guter Noten auf die Hauptschule schicken wollen. Alle drei schaffen das Abitur. Was die Mutter sehr stolz macht: "Haben sie alles alleine geschafft – nicht Arbeiterin geworden wie wir. Gott sei Dank."

Zuhause ist jetzt hier

Auch wenn Feriha Demirtaş oft in die Türkei fährt: Spätestens nach drei Monaten packt sie das Heimweh nach Woltmershausen. Deutschland ist jetzt ihre Heimat. Hier leben die Kinder und die Enkelkinder. Nur eines bereut sie: Nie besser Deutsch gelernt zu haben. "Ich wollte immer so Kurs gehen. Was Deutsch kann ich gut schreiben und flüssig sprechen. Das hab ich nicht gemacht, nicht geschafft, keine Zeit gehabt dafür."

Auch Hayat Demirkapı ist hier inzwischen fest verwurzelt. Für sie und ihre Familie ist Bremen der Lebensmittelpunkt. Inklusive Kegelabende und Nordic-Walking an der Weser – in Bremen, Almanya.

Türkische Frauen bei der Arbeit in der Fabrik von Hachez in Bremen
Türkische Arbeiterinnen in der Bremer Schokoladenfabrik Hachez: Emine Gedikli, Hayat Demirkapı und Birnaz Kaya.

Als Frau allein nach Almanya

Bild: Orhan Çalışır

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Autoren

  • Orhan Çalışır
  • Lars Schweinhage
  • János Kereszti

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Feature, 23. Oktober 2021, 18:00 Uhr