Interview

"Bin ich ein schlechter Mensch", wenn ich meine Mutter nicht pflege?

Pflege-Situation in Deutschland: Wer pflegt Mama?

Bild: Radio Bremen

Wie steht es um die Pflege in Deutschland? buten un binnen-Moderatorin und Journalistin Lena Oldach hat zu dieser Frage einen Film gedreht und spricht über ihre Erkenntnisse.

Es ist eine unangenehme Frage: Was passiert, wenn meine Mutter oder mein Vater gepflegt werden muss? Wer übernimmt das dann? Schaffe ich das? Reporterin Lena Oldach hat zu diesen Fragen für das Radio-Bremen-Format "Rabiat" intensiv recherchiert – und auch ihre Mutter mit den Fragen konfrontiert. Insgesamt dreißig Stunden Videomaterial hat Oldach für ihre Reportage "Wer pflegt Mama?" gedreht.

Lena, wen hast Du während deiner Recherche besucht?
Angefangen habe ich bei meiner Mama, weil sie meine potenziell zu Pflegende ist und auch der Anlass für meine Recherche war. Ich habe mich für den Fall gefragt, dass sie mal pflegebedürftig wird: "Kann ich das? Mache ich das? Was erwartet sie von mir?"

Dann habe ich zwei Tage mit Sandra und Renate verbracht. Sandra ist die Tochter, die seit vier Jahren ihre demenzkranke Mutter bei sich versorgt. Das war sehr intensiv, weil ich dort gesehen habe: Das bedeutet es in der Praxis. Ich kenne das von zu Hause nur, weil meine Mutter meine Großeltern gepflegt hat. Ich hatte eine Idee, aber das nochmal in der Praxis zwei Tage zu sehen, ist schon etwas anderes.

Dann habe ich einen Pflegedienst in Worpswede begleitet, weil diese Pflegedienste oft familiäre Pflege möglich machen. Die unterstützen also die Angehörigen, haben aber ein extrem straffes Zeitkorsett. Dort bin ich mit dem Pflegedienst einen Vormittag von Tür zu Tür gefahren. Und schließlich bin ich in der Nähe von Dresden gewesen und habe dort Christiane getroffen, die ihren Papa im Heim untergebracht hat. Der findet das auch nicht wirklich toll und sie auch nicht. Aber sie hat gesagt: "Es geht nicht." Sie konnte das nicht leisten. Sie hat ihn erst zu sich in die Nähe geholt aber musste ihn später dann ins Heim bringen.
Rabiat: Wer pflegt Mama?
Rabiat-Reporterin Lena Oldach im Gespräch mit ihrer Mutter Christiane. Bild: Radio Bremen | Dennis Drechsler
Was konnte Deine Mutter berichten? Wie war das für sie, Deine Großeltern zu pflegen?
Meine Mutter hat durch die Pflege ein Burnout bekommen, weil sie total überfordert war. Sie hat erst ganz zum Schluss meine Oma ins Heim gegeben, aber eigentlich mussten ihr andere sagen, "das übersteigt deine Kraft." Sie hat mir aus ihrer Perspektive gesagt, was die Herausforderungen waren. Und ich habe das ja auch gesehen. Das ist schon heftig: Man war mal Tochter einer Mutter oder eines Vaters – und dann dreht sich diese Rolle plötzlich. Auf einmal ist man anders herum zuständig. Und das ist schon eine große Belastung.
Was waren die Momente, die Dich am meisten bewegt oder beeindruckt haben?
Mir war das im Vorfeld klar, dass es ein Thema ist, das man eigentlich eher umgeht.

Ich hatte zum Beispiel Angst davor, mit meiner Mama vor laufender Kamera darüber zu sprechen, "Was ist, wenn du im Bett liegst und ich dich wickeln müsste oder wer anders? Wie machen wir das?"

Reporterin Lena Oldach in einer Live-Schalte.
Lena Oldach, Radio Bremen-Reporterin

Da hatte ich sehr viel Respekt vor und es war auch nicht leicht, zu der Frage zu kommen – und vielleicht auch zu der Erkenntnis zu kommen: Ich kann das gar nicht, ich wohne ja auch nicht in der Nähe, ich habe einen Beruf, habe selber ein kleines Kind. "Es kann halt sein, dass ich dir das nicht geben kann, was du deiner Mutter gegeben hast – und wie machen wir das dann?" Das war emotional am herausforderndsten.

Was hat es in Dir ausgelöst, andere bei der Pflege ihrer Angehörigen zu sehen?
Es hat mich sehr bewegt, Sandra zu beobachten, wie sie das für ihre Mama macht, mit welcher Geduld, was es bedeutet, dass sie kein eigenes Leben mehr hat, dass sie keine Hobbys mehr hat. Es kam dann immer der Abgleich mit einem selbst: "Sehe ich mich da? Könnte ich das?" Das war schon emotional. Ich habe oft geschluckt, ich fand es auch am Anfang sehr unangenehm: Da ist eine demente Person und ich habe über sie gesprochen. Sie kann nicht mehr entscheiden "kommen wir mit ihr aufs Klo, in die Dusche, etc.?" Die Tochter ist Vormund und die Mutter tut das, was die Tochter sagt. Diese Erkenntnis, dass der Elternteil in gewisser Weise wieder ein Kind wird, das ist auf der einen Seite total schön zu sehen, wie sie das machen und wie innig die beiden sind. Aber es ist auch total traurig zu sehen, was am Ende noch bleibt und wie viel Kraft das kostet.
Gab es bei Sandra und Renate auch Momente, bei denen Du selbst gedacht hast: "Das könnte ich nicht"?
Klar. Und das sind dann die Momente, wo man sich fragt, "bin ich ein schlechter Mensch? Kann ich das? sehe ich das für mich?" Also, großer Respekt, aber auch ein Stück weit die Erkenntnis: Man hat auch die Möglichkeit, für sich zu entscheiden: "Ich kann das nicht." Christiane, die ich besucht habe, hat das zum Beispiel getan. Und ich hatte total viel Respekt vor ihrem Mut, darüber zu reden.

Das schwierigste war tatsächlich jemanden zu finden, der vor der Kamera sagt: "Ich gebe meinen Elternteil ins Heim – und ja, ich habe Schuldgefühle und das fühlt sich nicht gut an, aber das muss so." Ich fand es sehr mutig von Christiane, dass sie das gesagt hat. Das ist auch ein Teil der Realität.

Reporterin Lena Oldach in einer Live-Schalte.
Lena Oldach, Radio Bremen-Reporterin
Nach Deiner Recherche: Was würdest Du sagen, sind die Probleme bei der Pflege in Deutschland?
Wir wissen vom Personalmangel. Dann haben wir eine älter werdende Gesellschaft. Ich bin für meine Recherche auch mit den Daten des aktuellen Pflegereports los gelaufen, der prophezeit, dass es geschätzt sechs millionen zu Pflegende bis 2030 geben werde. Fakt ist: Es gibt nicht für alle einen Platz im Heim. Vier von fünf werden zu Hause gepflegt. Wir haben das Problem, dass die Strukturen total schwach und unterfinanziert sind. Wir haben keine Plätze.

Die Angehörigen, die pflegen, fühlen sich vom Staat total alleine gelassen: Es wird finanziell unterstützt, dass man zum Beispiel die Angehörigen für zwei Wochen im Jahr hingeben kann. Das ist halt wenig. Auch die mobilen Pflegedienste haben ein dermaßen enges Korsett und Zwänge. Das ist nicht komfortabel. Ich habe auch beim Bundesfamilienministerium angefragt, ob wir ein Interview dazu bekommen, habe aber keins bekommen. Ich glaube, das Thema wird teilweise ignoriert und liegen gelassen, obwohl es alle angeht.
Bei dem Stichwort: Ich bin ja selbst auch noch relativ jung. Inwiefern sollte ich mich mit dem Thema denn jetzt schon befassen?
Fakt ist: Die meisten Menschen wollen bis zum Schluss zu Hause bleiben. Fakt ist auch: Es fallen nicht alle tot um. Es gibt fast für alle, ob für dich, deine Eltern, mich oder meine Eltern einen Abschnitt zwischen gesund und fit und tot – und den muss man gestalten.

Wenn alle nur davon ausgehen, dass sie irgendwann tot umfallen und wir nicht darüber reden, dann haben wir ein dickes Problem.

Reporterin Lena Oldach in einer Live-Schalte.
Lena Oldach, Radio Bremen-Reporterin

Wir sollten nicht den Zeitpunkt verpassen, darüber zu reden, wenn noch alle total fit in der Birne sind und wir uns noch austauschen können. Man kann dann nämlich noch selber für sich gestalten, ob man zum Beispiel in ein Heim, in eine WG oder näher zu den Kindern will, wenn es dann mit der Pflege besser klappen würde. Und das sollte man sehr früh tun. Es ist ein bisschen, wie diese Vorsorge-Entscheidungen zur Frage: "Was soll die Medizin für mich tun?" Das Thema gehört eigentlich in jede Familie.

Du hast für deine Reportage deutschlandweit recherchiert. Hast Du auch rausgefunden, wie es in Bremen mit der Pflege und der Pflegeinfrastruktur aussieht?
Es war nicht mein Fokus, aber es gibt da keine nennenswerten Unterschiede. Die Lage ist überall prekär. Hier ist die gleiche Situation, ähnlich wie zum Beispiel in Dresden: Wenn man einen Pflegedienst will, ist der im Zweifel ausgebucht. Wenn man einen Heimplatz will, kommt man im Zweifel auf eine sehr lange Warteliste oder es wird finanziell schwierig. Vier von fünf pflegebedürftigen werden zu Hause gepflegt. Dann kann man sich überlegen, wie viele Menschen in Bremen gepflegt werden. Das passiert und keiner guckt hin. Anders als Elternzeit ist es nicht so anerkannt und bewusst. Wenn du berufstätig bist und einen Vater oder eine Mutter zu Hause hast, um die du dich kümmerst, wird das auch im Betrieb anders wahrgenommen, als wenn du dich um dein Kind kümmern musst. Es sind oft Frauen, Schwiegertöchter, Töchter, die das einfach machen und dafür ihren Beruf aufgeben. Das passiert in Bremen, aber es passiert auch sonst überall.
Wie sieht es denn mit dem Geschlechterverhältnis in der Pflege aus?
Sowohl in der professionellen Pflege als auch bei der Versorgung von Familienangehörigen sind es über achtzig Prozent Frauen. Das ändert sich ein bisschen, auch bei dem mobilen Pflegedienst, bei dem ich gedreht habe. Die haben zum Beispiel insgesamt vier Männer und damit eine recht gute Quote. Aber es ist noch total in Frauenhand. Und das ist für mich als Frau ein Problem. Ich habe einen Beruf, habe selber eine kleine Tochter. Meine Biographie ist nicht die von meiner Mutter, die mit ihren Eltern gelebt hat und für die das keine Frage war. Die Gesellschaft ändert sich, aber in dem Bereich hat sich noch nicht so viel geändert.
Im Hinblick auf die sechs Millionen zu Pflegenden: Was muss in den nächsten Jahren in Deutschland passieren, damit wir als Gesellschaft das Thema bewältigen können?
Es gibt da keine wirkliche Lösung. Wir haben definitiv ein Problem, weil wir nicht genug Menschen haben, die pflegen können: Weder in den Familien, noch in den Heimen oder auch den Einrichtungen wie der Tagespflege. Es fehlt einfach an Menschen. Und ich glaube, das kann man nur nur ändern, indem der Job stärker anerkannt wird, indem er besser vergütet und attraktiver gemacht wird. Da muss man investieren.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Juli 2022, 19.30 Uhr