Interview

70 Jahre THW: "Nicht nur Wasser und Feuer – auch Leben und Tod"

THW-Helfer stehen vor einem Sandhaufen auf einer Straße
Auch bei Sturmschäden ist das THW zur Steolle. Bild: THW Ortsverband Bremen Süd/Rolf Fraedrich

Ob Orkan, Hochwasser oder die Seute Deern: Seit 70 Jahren ist das THW immer da im Einsatz, wo es brenzlig ist. Bremens dienstältester Ortsgruppenleiter erzählt.

Seit genau 70 Jahren sind die Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) in Deutschland im Einsatz – und einen Großteil davon hat Gerd Franke miterlebt. Denn seit 50 Jahren ist der Bremer ehrenamtlich beim THW dabei, 40 davon als Ortsgruppenleiter der Gruppe Bremen-Ost. Damit ist er der dienstälteste Ortsgruppenleiter des Landesverbands Bremen-Niedersachsen – und wie er selbst vermutet wohl auch des ganzen Bundesgebiets.

Herr Franke, wie sind Sie damals zum THW gekommen?
Seinerzeit gab es ja noch den Grundwehrdienst. Da stellte sich dann die Frage: Gehst du zur Bundeswehr? Aber wenn man gerade ausgelernt hat und vielleicht auch eine Freundin in Bremen hat, dann will man nicht unbedingt quer durch Deutschland versetzt werden. Und um von der Bundeswehr befreit zu werden, musste man sich für zehn Jahre im Katastrophenschutz verpflichten. Das habe ich gemacht. Und im Laufe der zehn Jahre ist das dann zu einem Hobby geworden.
Wie läuft ein typischer Einsatz ab – auch im Vergleich zu früher?
Wir werden meistens angefordert von der Feuerwehr oder der Polizei. Aber das kann auch eine Firma oder eine andere THW-Leitung sein. Dann bekomme ich einen Anruf von unserer Regionalstelle und sehe in unserer Software, welche Helfer gerade bereit stehen. Die alarmiere ich dann. Das ist durch die moderne Technik sehr viel einfacher geworden: Früher musste man von Tür zu Tür gehen. Die wenigsten hatten ein Handy. Und vor 50 Jahren hatten auch noch nicht alle einen Festnetzanschluss. Die haben noch aus der Telefonzelle telefoniert. Und mit 20 Familien von einer Telefonzelle zu telefonieren... Heutzutage gibt es kaum jemanden, der kein Handy hat. Und damit gibt es zum Beispiel auch Apps, über die man informiert werden kann.
Was sind denn Einsätze, zu denen das Bremer THW ausrückt?
Meine erste große Sache war 1975 ein Waldbrand in Niedersachsen. Und es gibt immer wieder Hochwasser, an allen Orten der Welt. Es gibt Brände, Waldbrände oder Katastrophen wie jetzt in Beirut, wo eine Gruppe unterwegs war. Mit unserer Wasserpumpe waren wir zum Beispiel auch in New Orleans beim Deichbruch. Oder beim Elbe-Hochwasser. Und zuletzt auch in Meppen beim Brand in der Heide.
Und hier vor Ort in Bremen?
Es gibt natürlich auch kleinere Sachen hier in Bremen, bei denen wir ab und an mal die Feuerwehr und die Polizei unterstützen. Aber das Land hat eine sehr starke Feuerwehr. Wir werden dann höchstens zu speziellen Dingen gerufen. Wir haben zum Beispiel in Bremerhaven die Seute Deern leergepumpt, als sie drohte, zu sinken. Die Bergungsfirma hat uns dann angefordert und wir haben es geschafft, das Ding zu stabilisieren. Und im vorletzten Jahr haben wir für die Polizei den Tietjensee in Schwanewede leergepumpt. Da kriegte ich einen Anruf: "Sag mal, könnt ihr so einen See leer pumpen?" Das war nicht ohne, aber wir haben es geschafft.
Was war der schlimmste Einsatz, den Sie miterlebt haben?
Wir hatten zum Beispiel mal eine Gasexplosion in der Neustadt. Ich selbst war nicht vor Ort dabei. Aber wenn Helfer dann von so einem Geschehen zurückkommen, wo ein komplettes Haus in sich zusammengefallen ist und man versucht, in den Trümmern Lebende und vielleicht auch Tote zu finden, und einem dann auch Kinderspielzeug in die Hände fällt – da kommen bei jedem dann auch Emotionen. Und so was kann immer wieder passieren. Wir haben eben nicht nur mit Wasser oder Feuer zu tun, sondern auch mit Leben und Tod. Aber wir haben daraus gelernt und ein Team gebildet zur Einsatznachsorge, die sich dann um die Helfer kümmern, die aus solchen belastenden Einsätzen kommen.
Wenn es solche schwierigen Momente gibt: Warum sollten Menschen sich im THW trotzdem engagieren?
Zum einen bieten wir die Möglichkeit, sich auch technisch fortzubilden. Man braucht eigentlich kein Vorwissen, nur Lust, sich zu engagieren. Und man hat auch eine Kameradschaft: Viele finden Freunde bei der Arbeit. Man hilft sich gegenseitig. Zum Beispiel wenn jemand ein Haus baut: Da weiß man, wen man fragen kann.

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Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 22. August 2020, 12:50 Uhr

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