Darum ist der Bremer Schnoor mehr als eine Puppenstube für Touristen

Dächer des Bremer Schnoorviertel: Das einzig erhaltene mittelalterliche Stadtviertel in Bremen.

Neue Impulse für historisches Bremer Viertel

Bild: NDR | Kinescope Film GmbH

Viele Bremer finden nur selten dorthin. Dabei ist der Schnoor ein ganz normales Viertel. Ein Alteingesessener und ein Newcomer über neue Impulse für ein altes Quartier.

Der Schnoor ist ein besonderes Viertel in Bremen, das sich schon oft verändert hat: Nach dem Krieg war es Arme-Leute-Gegend, in den 1960er Jahren ließen sich dort Studierende und Kunstschaffende nieder. Und spätestens seit den 1980er Jahren hat es den Ruf, ein Touristen-Viertel zu sein. Dabei wandelt es sich immer weiter – und jetzt soll wieder frischer Wind in den Schnoor wehen.

Phil Porter und Fritz Haase mit Zeitungsausschnitten
Phil Porter (liinks) ist neu im Schnoor, Fritz Haase ein Urgestein im Quartier. Bild: Radio Bremen | Kerstin Burlage

In dieser Aufbruchstimmung befand sich der Künstler und Grafiker Fritz Haase schon einmal, als er 1963 hierher zog. Heute sitzt er in seinem Schnoor-Häuschen im großen, hellen Raum – direkt über seinem Atelier. Er blättert sich durch einen ganzen Stapel von Zeitungsartikeln und alten Fotos. Neben ihm: der Künstler und Fotograf Phil Porter. Gemeinsam gucken sie Zeitdokumente über den Schnoor an, die Fritz Haase gesammelt hat. Er erinnert sich noch gut daran, wie er damals zur jungen Generation gehörte, die frischen Wind reinbringen wollte. Touristen gab es hier zu der Zeit noch keine – dafür immer noch Kriegsruinen und dazwischen kleine Läden und Betriebe.

Hier wohnten unheimlich viele Handwerker zu der Zeit, es gab alleine hier am Landherrenamt zwei Kolonialwarenläden, es gab einen Schlachter, es gab die unverwüstliche Kneipe natürlich, der "Kaiser Friedrich".

Fritz Haase

Ab den 1970ern begann Bremen in den Schnoor zu investieren, um Touristen anzulocken. Mit Erfolg: Das schnuckelige Bremer Viertel taucht heute in sämtlichen Reiseführern auf und wurde von der "New York Post" unlängst als eines der "coolsten weltweit" ausgezeichnet. Was allerdings nicht heißt, dass alle Geschäftsleute hier gut verdienen, weiß Fritz Haase. Denn die Touristen werden inzwischen oft nur noch in Gruppen durch den Schnoor geführt: Da bleibt gerade noch Zeit für ein Eis oder eine Postkarte. Aber Geschäfte, die ein höherwertiges Angebot haben, oder wo man auch länger verweilen müsste, die haben es schwer. Und nicht nur das bedauert der Schnoor-Bewohner, sondern: Viele Bremer gehen einfach nicht hierher, weil sie im Kopf haben: "Ich muss mich durch Touristen-Massen drängeln."

Dabei sei das nur im Sommer so. Dass so manches dem Viertel im Herzen der Stadt nicht immer gerecht wird, findet auch der Künstler Phil Porter. Für den 33-Jährigen ist kein anderer Teil Bremens so inspirierend wie der Schnoor.

Ich habe das Gefühl, dass Bremerinnen und Bremer die Schönheit und Sinnlichkeit des Stadtteils verkennen. Es leben hier um die 300 Menschen, es ist ein ganz normales Viertel wie andere auch, wie Schwachhausen, wie Gröpelingen – nur, man nimmt es nicht als solches wahr.

Phil Porter ist Fotograf mit Studio im Schnoor

Deshalb möchte nun er – zusammen mit anderen – für frischen Wind sorgen: Im April ist er hierher gezogen und hat neben seinem Fotostudio auch einen kleinen Laden eröffnen, der ein Ort der Begegnung werden soll: "Räumlichkeiten, in denen es um schöne Dinge geht und um Inspiration und Urlaub vom Alltag."

Phil Porter freut sich, dass er sich dabei bestens vernetzt fühlen kann mit anderen jungen Leuten, die in den Schnoor gezogen sind und Läden und Kneipen übernommen haben. Für ihn ist ein Wandel spürbar: "weil man merkt, wie viele Menschen gerade gleichzeitig an einer Schnur ziehen – das passt ganz gut in der Schnoor."

Sie wollen das, was er den "Urkonflikt des Schnoors" nennt beilegen, indem sie alt eingesessene und neue Bewohner, touristische und weniger touristische Läden und Kneipen zusammenbringen. Und damit auch den Ruf als "Puppenstube für Touristen" ablegen – denn der wird dem Schnoor nicht gerecht, findet Phil Porter und bekommt dafür Zustimmung:

Es gibt hier jede Menge Entdeckungen, die man machen kann. Ich würde mir wünschen, dass mehr Bremer hierher kommen.

Fritz Haase

Mehr zum Schnoor:

Videos:

Autorin

  • Kerstin Burlage Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Tag, 22. Februar 2022, 15:41 Uhr