Kritik an der Martinistraße: "Was war das Nachhaltige an der Aktion?"

Audio vom 11. August 2021
Die sonst vierspurige Martinistraße in der Innenstadt ist für den Verkehr gesperrt.
Bild: DPA | Sina Schuldt
Bild: DPA | Sina Schuldt

Statt einer Surfwelle und Liegestühlen sind auf der Straße wieder Autos zu finden. Doch der Verkehrsversuch wird in sozialen Netzwerken kritisiert – das sagt das Verkehrsressort dazu.

Für fast drei Wochen wurde ein Abschnitt der Bremer Martinistraße für den Autoverkehr gesperrt. Neben Liegestühlen und Aussichtstürmen wurde dort auch eine künstliche Surfwelle platziert. Seit heute ist die Straße wieder frei – jedoch nur einspurig pro Richtung.

Der Verkehrsversuch, den das Ressort als Planung zur weiteren Entwicklung der Innenstadt nutzen will, sorgt für Diskussionen. Auch in den sozialen Netzwerken: Wir haben Fragen von Bremerinnen und Bremern an das Verkehrsressort weitergeleitet.

Wo soll der Verkehr künftig fließen?

Die Martinistraße kann verkehrsberuhigt werden, wenn andere Verkehrsachsen den Betrieb und Verkehr übernehmen können. Also Frau Senatorin, wo soll der Transitverkehr zukünftig fließen?

Jean Afroque - 10. August 2021, 08:03 Uhr.

Wenn es nach den Bremer Regierungsparteien geht, am liebsten gar nicht – zumindest nicht im Auto, erklärt Jens Tittmann, der Sprecher des Verkehrsressorts: "Es ist das erklärte Ziel der amtierenden Koalition, den Autoverkehr zu reduzieren und den Umweltverbund aus ÖPNV, Fahrrad und Fuß attraktiver zu machen und auszubauen." Er verweist auch auf die Ergebnisse der neuesten Studie des Weltklimarats. Dieser habe drastisch davor gewarnt, weiterhin fossile Energien freizusetzen. "Dazu gehört auch der Autoverkehr", so Tittmann.

Wie wird die Straße durch solche Aktionen attraktiver?

Spaß schön und gut, aber muss man dafür eine Hauptstraße sperren? Man hätte so viele andere Plätze dafür finden können. Tut mir leid, ich find's völlig unverhältnismäßig. Die City stirbt und die Politik beschleunigt mit solchen Aktionen das Ganze nur... Was wird durch solche Sachen denn attraktiver?

Marco Aunon - 9. August 2021, 10:09 Uhr.

"Für die Martinistraße gilt in erster Linie, dass sie durch ihre vierspurige Breite die attraktive Flusslage mit der Schlachte von der Obernstraße und damit der Fußgängerzone trennt", sagt Tittmann. "Diese Trennwirkung aufzuheben, ist das vorrangige Ziel beim Rückbau der Martinistraße." Außerdem zeige die Analyse der Fahrzeuge, die täglich über die Straße fahren, dass sie nicht vierspurig sein müsse.

Zudem habe die Innenstadt bereits vor der Corona-Pandemie bereits große Probleme mit Leerstand und der Abwanderung von Geschäften gehabt, so Tittmann. "Und das alles in einer City, die autogerechter kaum sein kann. Die vorhandenen Parkhäuser sind nicht einmal in der Adventszeit komplett ausgebucht", sagt der Sprecher des Verkehrsressorts.

Städte wie Kopenhagen, Amsterdam, Groningen und vor allem Gent, die seit Jahren auf autofreie Innenstädte setzen, boomen dagegen. Paris und Madrid folgen. Selbst Hamburg nimmt sich daran ein Beispiel.

Jens Tittmann, Sprecher des Bremer Verkehrsressorts

Was genau war das Nachhaltige an der Aktion?

Unter extrem hohen Energiebedarf Menschen auf einem Surfbrett in einem Plastikbecken fahren zu lassen, welches für zwei Wochen dahin gekarrt wurde, um damit überall drumherum Staus zu verursachen, ist also ein Meilenstein für Nachhaltigkeit? Was genau war denn das Nachhaltige an der Aktion?

Sven Fischer - 9. August 2021, 17:16 Uhr.

Staus in der Umgebung habe es laut Verkehrsmanagement-Zentrale nicht gegeben, erklärt Tittmann. "Zur Nachhaltigkeit: Das Projekt Transformatini entstammt dem 'Aktionsprogramm Innenstadt' des Bremer Senats und soll der City nach dem langen Lockdown helfen, indem mehr Personen in die City gelockt werden. Demnach müsste man also auch den Open Space auf dem Domshof und alle übrigen etwa 30 Punkte aus dem Programm auf Nachhaltigkeit überprüfen."

Mit der Surfwelle habe man seine Ziele erreicht, sie sei durchgängig ausgebucht gewesen – und das vor allem durch ein junges Klientel, das sonst eher nicht mehr in der City unterwegs sei. Ein ähnliches Ergebnis erhofft sich Tittmann von den anderen Aktionen des Senats in der Martinistraße.

War Frau Schaefer auch selbst auf der Surfwelle?

Und dann gab es mehrere Damen ihrer Partei die diese Aktion als super, klasse, spitze und viel mehr gelobt haben, sind die denn auch damit gefahren? Und Frau Dr. Schaefer? Ist die da auch stundenlang gesurft?

Sven Fischer - 9. August 2021, 17:16 Uhr.

"Ob Mitglieder des Ressorts selbst gesurft sind, entzieht sich meiner Kenntnis", so Tittmann. Die Senatorin sowie die Staatsrätin und auch Mitarbeiter des Stabes wären jedoch mehrfach vor Ort gewesen und hätten sich mit viel Begeisterung das sportliche Geschehen auf der Welle angeschaut.

Ab sofort bleibt die Martinistraße pro Richtung einspurig – bis Anfang September. Danach wird ein temporäres Einbahnstraßensystem eingeführt. Insgesamt sollen die Verkehrsversuche in der Straße bis Mitte April 2022 andauern.

"Transformartini": Erste Bilanz zur Sperrung der Bremer Martinistraße

Video vom 9. August 2021
Ein buntes Schild mit den verschiedenen Angeboten der Tranformatini.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Yannick Lemke

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 11. August 2021, 6 Uhr