Interview

"Wir schwänzen nicht, wir streiken!"

Am Freitag haben Bremer Schüler wieder für eine nachhaltige Klimapolitik demonstriert. Zwei von ihnen erklären, warum auch Lehrer und Eltern sie dabei unterstützen.

Anna Körner und Julius Schlichting, Organisatoren der Fridays-for-Future-Proteste in Bremen.
Anna Körner und Julius Schlichting, Organisatoren der Fridays-for-Future-Proteste in Bremen. Bild: Radio Bremen / Kristian Klooß

Seit Januar protestieren Schüler in Bremen und vielen anderen Städten jeweils freitags gegen die Erderwärmung und für eine nachhaltige Klimapolitik. Auch an diesem Freitag gab es wieder eine weltweite Demonstration, an der auch Hunderte Schüler in Bremen und Bremerhaven teilgenommen haben. Unter ihnen auch die Mitorganisatoren der "Fridays for Future"-Proteste, Anna Körner und Julius Schlichting.

Warum schwänzt ihr zwei auch an diesem Freitag die Schule?
Julius: Wir sagen unsere Meinung. Wir schwänzen daher nicht, wir streiken! Dass wir Schulschwänzer sind, ist ein Vorwurf, den wir vor allem von Politikern zu hören bekommen. Doch wenn es diese Kritik nicht gäbe, liefe wohl auch irgendwas an unserem Protest schief.
Lassen euch Lehrer und Schulleitungen denn gewähren?
Julius: Das ist bei mir relativ entspannt. Ich kenne keinen Lehrer, der doof findet, was wir machen. Sie stehen hinter uns.

Anna: Bei mir ist das auch so. Die Entschuldigungszettel der Gesamtschülervertretung, die bei den Demos verteilt werden, reichen aus und werden akzeptiert. Auch mit meiner Direktorin hatte ich bislang noch keine Probleme. Sie hat sich bislang nicht offiziell zum Thema geäußert. Jetzt, wo an diesem Freitag die nächste weltweite Demonstration ansteht, könnte das Thema allerdings auch an meiner Schule populärer werden.
Schülerinnen und Schüler bei einer Demo zum Klimaschutz.
Seit Januar versammeln sich Schüler regelmäßig zum "Fridays for Future"-Protest.
Ist es an anderen Schulen schon populärer?
Anna: Ja. Von der Schule am Leibnizplatz waren beim letzten Mal viele dabei und auch von der Freien Evangelischen Bekenntnisschule. Da wurde die ganze Oberstufe freigestellt. Bei der letzten großen Demonstration in Bremen kamen sogar 70 Schüler aus Ottersberg mit dem Zug.
Ihr seid 16 und 18 Jahre alt. Ist das auch das Alter eurer Mitstreiter?
Julius (lacht): Also gerade bei uns an der Schule sind es vor allem auch die Fünft- und Sechstklässler, die sich aufmachen. Ich war gestern in einer fünften Klasse, um ihnen zu erklären, wie so eine Demo abläuft.
Du warst in deren Klasse und hast es ihnen erklärt?
Julius: Ja, mit der Erlaubnis des Schuldirektors. Die Geografielehrerin kam vorher auf mich zu und sagte mir, die Schüler hätten sie mit so speziellen Fragen gelöchert, dass sie gar nicht alles beantworten konnte. Also haben wir vereinbart, dass ich einfach mal vorbeikomme. Ich musste dann eine halbe Stunde lang Fragen beantworten. Zum Beispiel, ob man einen Rucksack mitnehmen kann oder wer überhaupt auf einer Demonstration sprechen darf.
Was sagen denn eure Eltern dazu?
Julius: Ich kann von mir sagen, dass ich breite Unterstützung kriege. Das liegt auch daran, dass meine Schulnoten weiterhin gut sind.

Anna: Meine Eltern sehen das auch recht positiv. Ich hole den Unterrichtsstoff, den ich verpasst habe, ja nach. Ich mache auch die Hausaufgaben, die meine Mitschüler dann den Lehrern zeigen, wenn ich nicht da bin.
Sind die anderen Streikenden denn genauso zuverlässig wie du?
Anna: Nicht jeder macht sich die Mühe, alle Hausaufgaben nachzumachen. Aber die meisten holen den Stoff schon nach. Es ist ungefähr so, als wäre man einen Tag krank gewesen. Ich denke, dass die meisten für sich einschätzen können, inwieweit sie das machen müssen und auch machen sollten.
Schülerinnen und Schüler bei einer Demo zum Klimaschutz.
Mit selbst gemachten Transparenten demonstrieren die Schüler für eine lebenswerte Zukunft.
Euer Engagement ist sehr stark mit einem Namen verbunden: Greta Thunberg. Die 16-jährige hat die Bewegung begründet. In Schweden ist sie jetzt sogar zur "Frau des Jahres" gewählt worden. Was wäre, wenn sie plötzlich alles hinschmeißt?
Anna: Ja, das ist schon etwas, worüber wir uns im Privaten auch Sorgen machen. Dieser ganze Personenkult um Greta und in Deutschland um Luisa…

…die 22-jährige Studentin Luisa Neubauer wird auch als "deutsche Greta Thunberg“ bezeichnet…

…ist einerseits nichts Schlimmes, weil es uns Präsenz bringt. Allerdings gab es schon die Befürchtung, was wäre, wenn beide nicht mehr da wären. Zwar würde die Bewegung nicht zusammenbrechen, aber es könnte dann die Kritik aufkommen, dass wir unser Engagement nicht durchziehen.
Gibt es einen Plan B?
Julius: Es gibt insofern einen Plan B, als dass die Bundesebene immer strukturierter wird. Das Kernteam, das die verschiedenen bundesweiten Arbeitsgruppen organisiert, ist breit gefächert und die Struktur ausgereift. International ist das noch ein wenig anders, weil dort die Vernetzung noch nicht so stark ist.
Gibt es einen Punkt, an dem ihr sagen würdet: Ja, jetzt können wir freitags wieder zur Schule gehen?
Anne: Es werden auf Bundesebene gerade konkrete Forderungen ausgearbeitet. Dass diese bald erfüllt werden, halte ich für unrealistisch. Einen Punkt, an dem man festmachen könnte, dass man es geschafft hat, gibt es meines Erachtens nicht.

Julius: Ich würde sagen, gelohnt hat es sich jetzt schon. Allein dadurch, dass ich so viele tolle Menschen kennengelernt habe. Ob es sich gelohnt hat, Einsatz für den Klimaschutz zu zeigen, das werde ich wohl erst in vielen Jahren sehen.

Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. März 2019, 19:30 Uhr