Infografik

Der Bremer Flughafen in der Krise – hat er noch eine Zukunft?

Sinkende Fluggastzahlen, Verkehrswende, Investitionsstau, Corona-Krise: Ohne Subventionen geht der Airport in die Pleite. Dabei wollen ihn viele halten.

Schriftzug Bremen Airport Hans Koschnick am Empfangsgebäude des Flughafens.
Der Bremen Airport hat in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

Das laufende Jahr ist ein Katastrophenjahr für die Wirtschaft weltweit, auch für die Flughäfen: Wegen der Corona-Pandemie überall Stillstand auf den Airports, Flugzeuge stehen zu Hunderten wie auf Parkplätzen. Auch der Bremer Flughafen kämpft mit den Folgen der Corona-Krise. Durch den Lockdown im Frühling muss der Airport von April bis Juni schließen, wird im Sommer wieder hochgefahren und muss im Herbst wieder schließen.

"Der Winterflugplan ist durch den zweiten Lockdown massiv beschädigt", klagt der Geschäftsführer des Bremer Flughafens, Elmar Kleinert. "Fast alle Metropolen auch in Zentral-Europa sind zum Risikogebiet erklärt worden. Und es gibt eine unüberschaubare Vielzahl an Regelungen; national, international, sogar regional in Deutschland." Die Folge: Mit den Reisebuchungen bleiben auch die Fluggastzahlen im Keller. Unter dem Strich verliert der Bremer Airport in diesem Jahr gut zwei Drittel seiner Passagiere und damit 80 Prozent seiner Einnahmen.

Der Gesellschafter hat uns mit einer Finanzspritze von 30 Millionen Euro unter die Arme gegriffen. Und damit sind wir bis in den Spätsommer des nächsten Jahres erst mal gesichert.

Elmar Kleinert bei der Pressekonferenz am Bremer Airport
Elmar Kleinert, Geschäftsführer des Bremer Flughafens

Stadt Bremen muss einspringen

Das finanzielle Loch wächst wegen der anhaltenden Krise. Die Stadt Bremen hat als Gesellschafter eingegriffen und eine Finanzspritze gewährt; aus dem Topf, mit dem Bremen seinen städtischen Gesellschaften durch die Corona-Krise hilft. Sonst wäre die Flughafen GmbH irgendwann im kommenden Jahr nicht mehr geschäftsfähig. Schon 2019 hatte Bremen dem Airport mit 12,5 Millionen Euro unter die Arme gegriffen – unter anderem, weil Einnahmen durch die Insolvenz einer Fluglinie weggefallen waren.

Ist der Bremer Flughafen ein dauerhafter Sanierungsfall, der am Tropf der Landesregierung hängt? Nein, sagt Luftverkehrs-Experte Hans-Martin Niemeier von der Hochschule Bremen. Er verweist darauf, dass beim Bremer Airport die Größe und die Perspektive stimmen. Niemeier sieht da eher andere Standorte in größeren Nöten: "Eine Reihe von Flughäfen hätte nie gebaut werden dürfen. Denken Sie an Kassel-Calden, für 260 Millionen gebaut, kaum Flüge, kaum Passagiere. Bremen ist ganz was anderes! Aber, der muss kosteneffizient betrieben werden." Bremen sei ein Nischenflughafen, sagt Niemeier. Er habe eine wichtige Zubringerfunktion, das lohne sich.

Flughäfen müssen sich selber tragen. Aber das spricht nicht dagegen, dass der Eigentümer investiert. Da hat der Staat eine Aufgabe. Ein Flughafen kann seine operativen Kosten decken ab 400.000, 500.000 Passagieren – und das erreicht Bremen allemal.

Hans-Martin Niemeier, Luftverkehrs-Experte an der Hochschule Bremen

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Breite Unterstützung aus der Politik

Wie der Flughafen langfristig wieder aus der Krise kommt, hängt auch vom Sanierungskurs der GmbH ab. Die streicht jeden vierten Arbeitsplatz, das sind 100 Mitarbeiter. Ob das reicht, muss sich erst noch zeigen. Geschäftsführer Kleinert setzt unter anderem weiter auf Unterstützung aus der Politik. Dort stößt er auf offene Ohren. Denn: Der Airport ist auch ein zentraler Wirtschaftssfaktor.

Natürlich brauchen wir einen Flughafen. Ich fände es sehr fahrlässig, den Flughafen in Bremen überhaupt nur in Frage zu stellen. Das würde wahnsinnig viele Arbeitsplätze in mittelfristiger Betrachtung kosten. Und damit würden uns auch sehr viele Einnahmen entgehen. Steuereinnahmen, die uns befähigen, überhaupt hier in Bremen was Vernünftiges auf die Beine zu stellen.

Die Linke Spitzenkandidatin Kristina Vogt
Kristina Vogt, Wirtschaftssenatorin (Linke)

Rund um die Start- und Landebahnen am Rande der Bremer Neustadt wird kräftig produziert. Airbus zum Beispiel: Die Flugzeugbauer montieren hier Flügel, die dann per Großraum-Frachtflieger nach Toulouse gebracht und dort zu Langstrecken-Jets zusammengebaut werden. Auch die Rümpfe für den Militär-Transporter Airbus A400M kommen von der Weser. Würde Bremen seinen Flughafen schließen oder auch nur zur Airbus-Werkspiste degradieren, wäre der Standort tot – so die einhellige Einschätzung in Bremens Politik- und Wirtschaftskreisen.

Grüne sehen Dilemma für die Zukunft

Das Problem: Der Flughafen schreibt jetzt Verluste, nachdem er lange Zeit ohne Zuschüsse des Staates ausgekommen war. Zudem stehen Sanierungen an: Dafür sind ungefähr 80 Millionen Euro nötig. Häfenstaatsrat Tim Cordßen (SPD), der auch Aufsichtsratsvorsitzender des Airports ist, findet: Es lohnt sich trotzdem, ihn zu erhalten. Denn er bringe der Stadt viel: "Das sind die klassischen Geschäftsreisenverkehre. Aber auch die touristischen Verkehre. Und hier insbesondere Low-Budgets-Airlines. Darüber sind natürlich auch touristische Gäste nach Bremen gekommen", sagt Cordßen.

Allerdings sind gerade die Billig-Flieger Klimapolitikern wie Philipp Bruck ein Dorn im Auge. Auch der Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete will den Flughafen nicht schließen. Aber er sieht ein Dilemma für die Zukunft: "Aus Klimasicht ist jeder Flughafen – egal ob er groß oder klein ist – natürlich ein Problem. Und bei den Regionalflughäfen ist es vor allem auch ein wirtschaftliches Problem, dass das Geschäftsmodell nicht funktioniert." Bremen steckt aus seiner Sicht in einer Zwickmühle: Die Abhängigkeit von der Airbus-Produktion, für die wiederum der Flughafen notwendig ist.

Aus der Klimaperspektive würde man sich wohl in den allermeisten Fällen gegen einen Flughafen entscheiden. Genauso wie man sich aus einer wirtschaftlichen Perspektive in aller Regel für den Flughafen entscheiden würde. Ich glaube, aus dem Dilemma kann man nur schwer rauskommen.

Philipp Bruck, Bürgerschaftsabgeordneter (Grüne)

Bremer Flughafen-Beschäftigte sollen Teile ihres Gehalts zurückzahlen

Video vom 27. Juli 2020
Die Empfangshalle des Flughafens Bremens ohne Menschen.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Daniel Hoffmann Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 25. November 2020, 18:05 Uhr