Kommentar

"Um das gleich mal zu sagen: Ich bin es leid!"

Nach den Bund-Länder-Beschlüssen von Dienstag zum verlängerten Lockdown fühlt sich unser Autor Jochen Grabler nicht mehr gut regiert. Und besonders stört ihn die Schulpolitik.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Um das gleich mal zu sagen: Ich bin es leid! Ich kann das politische Bauerntheater nicht mehr ertragen, das seit Anfang dieser verdammten Pandemie in unschöner Regelmäßigkeit aufgeführt wird!

Das geht so: Bund und Länder beschließen irgendwas. Dann kann man die Augen schließen und bis zehn zählen – bis garantiert aus irgendeinem Bundesland durchsickert, dass hier oder da, dies oder das dann doch nicht so gilt wie woanders, und dass es da oder hier Ausnahmen gibt. Dann dauert es nicht lange, bis die Infektionszahlen wieder steigen, woraufhin – Augen zu und bis zehn zählen – dieselben Ministerpräsidenten (und -innen), die gerade noch Ausnahmen begründet haben, bei Pressekonferenzen oder in Talkshows maximal besorgt aus der Wäsche gucken und die Disziplin der Bürgerinnen und Bürger beschwören. Das geht, bis es nicht mehr geht, weshalb dieselben Leute dann wieder brandneue Beschlüsse fassen, um die Lage endlich in den Griff zu kriegen und so weiter und so fort. Und dann machen wir die Augen zu ... und Zackoflex geht derselbe Mist wieder von vorne los. Während sinnvolle Diskussionen einfach unterbleiben.

Gerade schien ausnahmsweise mal große Einigkeit zu herrschen, dass es angesichts der seit Oktober (!) außer Kontrolle geratenen Pandemie keine sonderlich gute Idee ist, zum normalen Schulbetrieb zurückzukehren ... ach, vergiss es! In Baden-Württemberg und Meckpomm und Niedersachsen soll es nun doch Präsenzunterricht geben. Und Bremen macht es ganz schlau. Da bleibt es den Eltern überlassen, ob sie ihre Kinder in die Schule schicken – oder eben nicht. Womit der schwarze Peter tadellos bei den Familien liegt. Ich biete eine Wette an: Ab Montag ist mehr als die Hälfte der Grundschüler in der Schule. Wenn nicht, spendiere ich der Bildungssenatorin einen distanzierten Glühwein.

Das ist nicht schlau

Also wird irgendwie Unterricht stattfinden mit irgendwie Präsenz und irgendwie Homeschooling. Und irgendwie signalisiert diese Ausnahmeritis, was wir gerade gar nicht gebrauchen können: Regeln sind dazu da, Ausnahmen zu definieren. Als ob wir nicht in den vergangenen Monaten gelernt hätten, wie wichtig konsequentes Handeln ist.

Nein, das ist nicht schlau! Und wenn ich aus der Bildungsbehörde höre, dieser Plan sei schon im Dezember festgelegt und kommuniziert worden, geht mir leider das Hütchen hoch. Als ob seitdem nichts passiert wäre! Seit Ende Dezember kennen wir die Nachrichten von der deutlich ansteckenderen britischen Virus-Mutation. Wir sehen, dass die Infektionszahlen nach Lockdown-light im November und Lockdown-härter im Dezember (Ausnahme: Weihnachten, natürlich!) noch weit entfernt von einem beherrschbaren Wert sind. Mehr als 1.000 Tote am Tag – reicht das noch nicht?

Wo ist die Strategie?

Niemand sagt, die Organisation von Schule unter Pandemiebedingungen sei einfach! Ganz sicher ist sie das nicht! Aber ebenso sicher sind die Schulen kein pandemiefreier Raum. Und genauso sicher sind solche Irgendwie-Lösungen keine Lösungen. Schon gar keine für die kommenden Monate. Statt permanenter Stotterbeschlüsse, bei denen morgen schon nicht mehr gilt, was gestern noch als dringend nötig beschlossen wurde, sollten wir längst und mindestens so dringend darüber reden, mit welcher vernünftigen Strategie wir bis Ostern durchhalten. Denn so lange wird die aktuell angespannte Lage wohl noch angespannt bleiben. Nebenbei gesagt: Nicht nur für die Schülerinnen und Schüler.

Warum, verdammt nochmal, lernen wir nicht von den Ländern, die mit ihren Lockdowns erfolgreich waren? Von den Iren, beispielsweise. Wann diskutiert endlich mal irgendwer über Busse und Bahnen, wo seit Monaten die Leute dicht an dicht stehen? Auch die Schulkinder, was aber bislang kaum jemanden gestört hat. Zusätzliche Busse, Pflicht zur FFP2-Maske, Obergrenze für die Zahl der Passagiere ... Warum gibt es immer noch Unternehmen, die "sich schwer tun" mit Homeoffice? Warum werden die beispielsweise nicht gezwungen, im Zweifel nachzuweisen, dass die Beschäftigten wirklich im Betrieb sein müssen? Wie lange muss eigentlich ein harter Lockdown dauern, bis wir endlich tun, was wir tun können?

Vor gar nicht so langer Zeit schrieb ich, dass ich mich gerade gut regiert fühle. Nehm ich zurück. 

Verlängerter Lockdown: Mit diesen Regeln geht es in Bremen weiter

Video vom 5. Januar 2021
Bundeskanzlerin Angela Merkel während einer Ministerpräsidentenkonferenz.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor