Kommentar

"Warum bist du eigentlich schon geimpft?" – keine einfache Frage

Johanna Ewald ist 26 Jahre alt, Journalistin in Bremen und geimpft. "Warum?", wird sie immer wieder gefragt. Und das ist unangemessen, findet unsere Autorin.

Eine Hand klebt einen Aufkleber in einen Impfpass
Geimpft oder nicht: Der Neid um die Corona-Impfung erschwert das Zusammenleben. Bild: DPA | Fleig / Eibner-Pressefoto

Mehr Freiheiten für Corona-Geimpfte und Genesene: Dem hat der Bundestag am Donnerstag zugestimmt. Am Freitag folgte der Bundesrat. Das bedeutet, dass diese beiden Gruppen nicht mehr vollständig von den Kontakt- sowie Ausgangsbeschränkungen betroffen sind. Bereits am Sonntag traten die Lockerungen in Kraft.

Eine Entscheidung, die ich ethisch nicht einfach finde, aber für mich persönlich Hoffnung bedeutet. Warum? Ich bin 26 Jahre alt, arbeite als Journalistin, studiere und bin geimpft. Am 28. April 2021 hatte ich meinen Termin für die Erstimpfung. Biontech. Ende Mai soll ich meine Zweitimpfung bekommen.

Jetzt fragen Sie sich vermutlich, warum ausgerechnet ich schon geimpft bin. Das kenne ich bereits. Ein irritierter, bohrender Blick, innerliches Abhaken, ob irgendwas einfällt, was mich zu einem Mitglied der ersten beiden Prioritätsgruppen macht und die Frage: "Wieso ausgerechnet du?", ist die übliche Reaktion, wenn ich erwähne, dass ich bereits geimpft bin. Das ist Schritt 1.

Ist es berechtigt, nachzufragen, warum jemand geimpft ist?

Anstatt hinzunehmen, dass es schon seine Richtigkeit haben wird und ich den Stoff wohl nicht auf dem Schwarzmarkt erstanden habe, gerate ich in die Rolle, mich rechtfertigen zu müssen. Auf diese unangenehme Wirkung angesprochen, antworten die Fragenden, dass es ja wohl berechtigt sei, bei einem so jungen Menschen wie mir nachzufragen.

Nein, ist es nicht.

Niemand muss sich erklären, warum er oder sie impfberechtigt ist. So, wie bei mir: Mein Bruder ist schwerstbehindert, und ich bin eine nahe Kontaktperson. Das geht niemanden etwas an. Die Frage nach dem Warum ist übergriffig und intim. Unangemessen.

Fair oder nicht: Lockerungen für Genesene und Geimpfte

In Schritt 2 wird darüber diskutiert, ob die Lockerungen für Geimpfte überhaupt fair sind. Meistens vertreten die kritisch Fragenden die Auffassung, dass es das nicht ist. Schließlich hat noch nicht jeder ein Impfangebot bekommen.

Plötzlich muss ich eine moralisch korrekte Antwort für alle Impflinge, wie man uns jetzt nennt, liefern. Doch eine Impfung macht mich noch lange nicht zur Weisen. Meine persönliche Meinung: Ja, es ist nicht fair. Doch ich persönlich empfinde Erleichterung bei dem Gedanken, dass ich künftig meine 85 Jahre alte Oma und meinen Bruder besuchen kann, ohne mir Sorgen zu machen, sie in Gefahr zu bringen oder gar ihre Todesursache zu sein.

Alles, aber kein Impfneid

Scheinbar automatisch folgt Schritt 3: "Nein, ich bin nicht neidisch. Es ist ja schön für dich." Eine Antwort auf eine Frage, die ich nie gestellt habe. Damit lügen viele Fragende nicht nur mich, sondern meist auch sich selbst an. "Der Neid ist die aufrichtigste Form der Anerkennung", schrieb Wilhelm Busch. Dennoch: Auf diese Form der Anerkennung würde ich gerne verzichten.

Stattdessen möchte ich mich künftig weder rechtfertigen noch schlecht fühlen müssen. Vielmehr möchte ich dazu auffordern, dass mit der wilden Nachfragerei zu lassen, wenn man erfährt, dass jemand einen Impftermin hat. Ein einfaches, ernst gemeintes "das freut mich für dich" ist die einzige angemessene Reaktion. Und vielleicht eine Einladung zur nächsten Party.

AstraZeneca-Freigabe löst Ansturm auf Bremer Arztpraxen aus

Video vom 7. Mai 2021
Mehrere Personen in einer Arztpraxis mit Mundschutz.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Johanna Ewald Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 7. Mai 2021, 11 Uhr