Interview

Corona-App: Forscher fordert 10.000 Smartphones für Bremer Senioren

Die Corona-App soll die Pandemie eindämmen. Doch viele Ältere können sie nicht nutzen. Sie haben kein Handy oder können nicht damit umgehen. Ein Bremer Forscher will das ändern.

Drei Senioren schieben ihre Rollatoren über Gehwegplatten
Die Corona-App könnte auch Senioren mehr Sicherheit geben, um beruhigt am sozialen Leben teilzunehmen. Bild: DPA | Andrea Warnecke

Das Bundesgesundheitsministerium setzt auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie per Smartphone. Eine entsprechende Corona-App soll in den kommenden Tagen vorgestellt werden. Menschen, die sich mit dem Virus infiziert haben, können dies dort anonymisiert eingeben. Alle anderen Nutzer erfahren so, ob sie mit der infizierten Person Kontakt hatten – und können sich dann selbst vorsorglich testen lassen.

Umso mehr Menschen die App herunterladen, desto effizienter gelingt die Rückverfolgung von Infektionsketten. Doch ausgerechnet die wichtigste Risikogruppe droht, digital abgeschnitten zu werden, warnt der Bremer Informationsmanagement-Experte Herbert Kubicek.

Herr Kubicek, mit 73 Jahren gehören Sie zur Corona-Kernrisikogruppe. Werden Sie sich die neue App herunterladen?
Ja, das werde ich. Ich bin sehr vorsichtig. Ich gehe nicht sehr oft raus. Für mich ist jeder, den ich im Supermarkt treffe, ein mögliches Infektionsrisiko. Ich trage die Maske. Und die App ist im Grunde genommen eine zusätzliche, virtuelle Maske, die mich vor einer unbemerkten Infektion schützt.
Sie sind allerdings Informatiker. Andere Menschen in Ihrem Alter wissen kaum, wie man Apps bedient. Wer erklärt denen, wie es geht?
Das können Verwandte sein, die ihnen vielleicht schon mal ein Smartphone geschenkt haben und ihnen gezeigt haben, wie sie damit E-Mails schreiben oder Whatsapp nutzen. Doch nicht alle älteren Menschen haben Verwandte oder Bekannte in der Nähe.
Und wie sieht die Hilfe dann aus?
Man muss eine Checkliste machen, wo diese verschiedenen Gruppen älterer Menschen erreicht werden – in Heimen, in Begegnungsstätten oder ausschließlich zuhause. Wichtig ist auch, zu wissen, welche unterschiedlichen geistigen Fähigkeiten sie mitbringen. Ich habe hier in Bremen ein Projekt zur digitalen Nachbarschaftshilfe für Ältere gemacht. Die Hälfte der Beteiligten war in ihrem Erinnerungsvermögen so eingeschränkt, dass sie auch nach dreimaligem Zeigen, wo man zum Beispiel die Skype-App öffnet, das Symbol nicht wiedererkannt haben. Und wenn sie sich verklickt haben, waren sie total hilflos und haben aufgegeben. Diese Menschen müssen intensiv unterstützt werden, wenn man mit der neuen App wirklich alle erreichen will.
Gibt es diese Unterstützung denn schon?
Es gibt zwar eine Liste der Begegnungsstätten, auch eine Liste der Wohn- und Pflegeheime. Es mangelt aber schon an der personellen Kapazität, diese Einrichtungen intensiv anzusprechen. Mit einer einmaligen Rund-E-Mail wird das nicht getan sein. Zumal die Einrichtungen ja mit den Anpassungen an die notwendigen Beschränkungen schon viel zu tun haben. Das Bewusstsein, dass da etwas getan werden muss, fehlt meines Erachtens auch. Es hat mich jedenfalls gewundert, dass ein Programm für 10.000 Schüler aufgelegt wird, die jetzt Tablets bekommen. Gleichzeitig wird der Bedarf bei den Älteren, die weit mehr auf digitale Teilhabe angewiesen wären, gar nicht angesprochen. Der Senat sollte analog zum Sofortprogramm "Digitale Lernmittel" ein Sofortprogramm "Digitale Teilhabe für ältere Menschen in Corona Zeiten" mit 10.000 Smartphones auflegen. Wobei es mit der Anschaffung eines Smartphones nicht getan ist. Denn viele können schon die laufenden Kosten für eine Internetflatrate nicht tragen.
Bleiben wir bei den Zahlen. Wie viele Ältere bräuchten denn Unterstützung bei der Einführung der App?
Die kritische Altersgrenze beginnt bei 70. Dort fehlt oft eine berufliche Vorerfahrung. Und da reden wir in der Stadt Bremen etwa über 88.000. Und die bundesweite Statistik zum Anteil der Offliner, die nie ins Netz gehen, beträgt 52 Prozent. In Bremen reden wir also von 40.000 bis 50.000 Menschen. In der Altersgruppe der über 80-Jährigen schließen wir sogar rund 80 Prozent von der Nutzung der App aus. Und das sind in Bremen 15.000 Menschen. Darauf sollten wir uns konzentrieren, denn das sind ja die Hauptrisikogruppen.
Um die Pandemie einzudämmen, müssten einer Studie der Universität Oxford zufolge knapp zwei Drittel aller Smartphone-Nutzer die App herunterladen – das entspricht der Verbreitung von Whatsapp. Wie realistisch ist das bei den Älteren?
Ich mache jetzt seit 30 Jahren technische Begleitforschung. Eine wichtige Erkenntnis ist, das Bemühen etwas zu tun und zu erlernen hängt stark vom erwarteten Nutzen ab. Wenn mein größtes Bedürfnis ist, mit meinen Enkeln zu kommunizieren und meine Enkel sind bei Whatsapp, dann gehe ich auch zu Whatsapp. In den Seniorenstudien, die ich gemacht hat, rangiert Whatsapp daher auch ganz oben. Und wenn klar ist, dass ich mich mit einer Corona-App wirklich schützen kann, dann ist glaube ich auch die Bereitschaft da, sich damit zu beschäftigen. Und wenn es dann nicht noch zu Lasten meines Hartz-IV-Budgets geht und mir jemand alles erklärt, dann glaube ich, dass die 60 Prozent zu erreichen sind.

Rettende Idee oder maßlose Überwachung: Brauchen wir Corona-Apps?

Video vom 14. April 2020
Ein Smartphone in der Hand einer Person, geöffnet ist eine Corona App.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 10. Juni 2020, 23:30 Uhr