Redet sich Bremen beim Mathe-Abi raus?

Schüler in Bayern und Baden-Württemberg reagieren unterschiedlich auf die Anhebung der Mathe-Noten in Bremen. Tatsächlich gehen die Ministerien aber auch anders mit den Prüfungsfragen um.

EIn Abiturient liest sich vor Beginn der Prüfung in die Aufgaben ein.
In Bremen werden die Abitur-Noten in Mathematik um zwei Punkte angehoben. (Symbolbild) Bild: DPA | Felix Kästle

Was ist los mit den Abi-Noten? Diese Frage haben sich wahrscheinlich einige – Eltern, Politiker, Schüler – in den vergangenen Monaten bundesweit gestellt. Zunächst kündigte Sachsen an, die Noten der Mathematik-Prüfung um einen Punkt anzuheben. Wenige Tage später zog Bremen nach – und gleich verdoppelt: Für Bremens Schüler gab es bei den Abi-Noten im Fach Mathematik gleich zwei Punkte mehr.

Die Bremer Entscheidung hat bundesweit gemischte Reaktionen hervorgerufen. So fragt sich eine Redakteurin der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", ob der Pool vielleicht nicht ohnehin zu schwierig für Bremen sei, man es sich in der Hansestadt aber nicht eingestehen wolle und die Schuld auf das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) abwälze. Dieses hat laut Bildungsressort zu schwierige Aufgaben gestellt. Das Bildungsressort weist die Vorwürfe energisch zurück.

Keineswegs. Das sieht man zum einen an den Protesten, die es im vergangenen Jahr in sehr vielen Bundesländern angesichts der Abiturprüfungen in Mathematik gab. Zum anderen haben wir unterschätzt, dass ein massiver Einsatz von Poolaufgaben, die ein hohes Niveau und eine große zeitliche Dichte aufweisen, zu den Problemen führen, die wir jetzt sehen.

Annette Kemp, Sprecher der Bremer Bildungssenatorin

Laut dem Ressort gab es Rückmeldungen zu den Aufgaben, die zum größten Teil aus dem zentralen Aufgaben-Pool IQB stammten, nicht nur von Schülern und Schülerinnen, sondern auch von Lehrkräften. Die Corona-Krise soll dabei keine große Rolle gespielt haben.

Abi-Noten in Mathematik auch im vergangenen Jahr angehoben

Proteste wegen zu schwerer Mathe-Aufgaben sind nicht neu, ebenso wenig die Erhöhung der Punktzahl. Bereits im vergangenen Jahr hatte Bremen die Zensuren in Mathematik für die Grundkurse angehoben. Und auch in Hamburg waren die Noten mit einem neuen Bewertungsschlüssel verbessert worden. "Gemeinsam mit den Kultusministern weiterer Bundesländer hatten wir das IQB in Berlin zum Handeln aufgefordert, leider ist dort bisher so gut wie nichts passiert", führt das Bremer Bildungsressort aus.

Das IQB stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung, allerdings zeigt ein Hintergrundpapier des Instituts, das buten un binnen vorliegt, dass für die Erarbeitung der Aufgaben eine Arbeitsgruppe zuständig ist, in die jedes Bundesland ein Vertreter entsenden soll. Für das Fach Mathematik seien im Jahr 2020 15 Experten und Expertinnen aus den Ländern beteiligt gewesen, unter anderem aus Bremen und Sachsen.

Nicht alle Länder nutzten Aufgaben des zentralen Pools

Laut dem Bildungsressort hat Bremen bei der Prüfung einen hohen Anteil an Aufgaben aus dem Pool möglichst unverändert eingesetzt. Man sei davon ausgegangen, dass die anderen Bundesländer sich ähnlich verhielten. "Nun hat sich gezeigt, dass manche Bundesländer aufgrund von Terminverschiebungen infolge der Covid-19-Pandemie den Pool überhaupt nicht genutzt haben, in anderen Bundesländern sind stärkere Modifikationen vorgenommen worden", fügt die Sprecherin, Annette Kemp, hinzu. Auch deshalb habe man die Noten um zwei Punkte angehoben – und nicht um einen wie in Sachsen.

Wie stark die anderen Bundesländer auf die Aufgaben des Pools zurückgegriffen haben, variiert tatsächlich. Hamburg hat beispielsweise nach eigenen Angaben einen Anteil an unveränderten Pool-Aufgaben eingesetzt, der zwischen 69 und 73 Prozent beim grundlegenden Anforderungsniveau und zwischen 51 und 70 Prozent beim erhöhten Anforderungsniveau schwankt. Zum Vergleich: Für den Leistungskurs soll Bremen dieses Jahr 105 von 120 Bewertungseinheiten aus dem Pool übernommen haben. Bayern und Baden-Württemberg als auch Niedersachsen geben an, keine Mathe-Aufgaben aus dem IQB-Pool verwendet zu haben. Als Grund wird die coronabedingte Verschiebung der Abi-Prüfungen genannt.

Sachsen sieht das Problem eher bei sich selbst

Sachsen hat – wie Bremen auch – eine erhöhte Anzahl an unveränderten Aufgaben übernommen, wie der Sprecher des Kultusministeriums, Dirk Reelfs, mitteilte. Liegt es also doch an den Aufgaben, dass beide Länder schlechter abgeschnitten haben? Die Schuld sieht das östliche Bundesland jedenfalls nicht beim IQB, sondern eher bei sich selbst.

Wir sehen das Problem nicht im Pool, sondern bei uns. Es ist uns nicht gelungen, alle Lehrer auf diese Aufgabe entsprechend vorzubereiten.

Dirk Reelfs, Sprecher des Sächsischen Bildungsministeriums

Einige Aufgabenstellungen seien außerdem in ungewohnten Kontexten formuliert worden, teilte das Ministerium mit. Und die Corona-Pandemie habe das Problem verschärft. Die Noten hätten sich stark ungleich verteilt: Einige Schüler hätten sehr schlechte Ergebnisse gehabt, andere hervorragende.

Bremer Forscher fordert Reform des Abiturs

Für den Bildungsforscher Klaus Hurrelmann ist eines sicher: Die Anhebung der Noten führe zu weiteren Ungleichheiten. Er fordert eine Reform der Abitur-Prüfung und plädiert für mehr Vergleichbarkeit zwischen den Ländern – nicht zuletzt wegen der bundesweiten Konkurrenz um die Studienplätze.

Ob die Anhebung der Punkte unfair gegenüber den Studenten aus anderen Bundesländern ist? Für das Bremer Bildungsressort offenbar nicht. "Unsere Schüler*innen hatten nach unserer Einschätzung durch den hohen Anteil an Aufgaben des länderübergreifenden Pools eine sehr anspruchsvolle Abiturprüfung. Die Anhebung bewirkt diesbezüglich einen fairen Ausgleich."

Abiturienten schätzen die Anhebung unterschiedlich ein

Abiturienten in anderen Bundesländern bewerten die Entscheidung offenbar unterschiedlich. Für Felix Quartier, Schülersprecher eines Gymnasiums in Baden-Württemberg, ist der Bremer Beschluss spannend. "Ich begrüße es, wenn die Forderungen der Schüler gehört werden." Er habe keine Angst, Nachteile im Wettbewerb um Jobs und Studienplätze zu haben, wenn einige Bundesländer die Abiturnoten erhöhen.

Die Vergleichbarkeit ist sowieso schwierig, da sich die Regeln in den Bundesländern ohnehin schon unterscheiden.

Felix Quartier, Schülersprecher in Baden-Württemberg

Joshua Grasmüller, Koordinator für die Gymnasien in Bayern beim Landesschülerrat, ist hingegen froh, dass Bayern die Noten nicht angehoben und sich um eine alternative Lösung bemüht habe. Man habe durch Ersatzprüfungen und günstigere Berechnungsregelungen in der Benotung des letzten halben Jahres faire Verhältnisse erzielt.

Seine Befürchtung ist, dass die diesjährige Abitur-Prüfung sowieso wegen der Corona-Krise von Arbeitgebern und Universitäten als "einfacher" angesehen werde. Sollte der Ort der Prüfung auch noch unterschiedlich bewertet werden, würden die Abiturienten mit verschiedenen Verhältnissen ins Berufsleben starten. "Das darf in Deutschland im Jahr 2020 nicht sein", sagt er.

Man sieht immer mehr, dass die Bundesländer verstärkt voneinander gehen, immer mehr abdriften. Das ist das Gegenteil von dem, was wir wollen – eine vergleichbare Abi-Prüfung.

Joshua Grasmüller, Sprecher des Landesschülerrates in Bayern

Kultusministerkonferenz will Vergleichbarkeit erhöhen

Eine bessere Vergleichbarkeit der Abitur-Ergebnisse unter den Bundesländern und mehr Transparenz zählen ebenfalls zu den Zielen der Kultusministerkonferenz (KMK). Wie der Sprecher, Andreas Schmitz, mitteilte, gehöre der Abiturprüfungspool zu solchen Maßnahmen. "Die Länder arbeiten weiter daran, seine Wirksamkeit – zum Beispiel durch Angleichung von Rahmenbedingungen – zu erhöhen."

Was die Ergebnisse der diesjährigen Mathematik-Abiture angeht, so hat der überwiegende Teil der Länder keine Probleme gemeldet, in dem einen oder anderen Land haben sich die Resultate sogar leicht verbessert. Schwankungen bei Abiturergebnissen hat es mit ziemlicher Sicherheit auch in früheren Zeiten gegeben, nur wird Ihnen heute ein höheres Maß an Aufmerksamkeit gewidmet. Dies hat sich mit der Einführung des gemeinsamen Abituraufgabenpools noch einmal gesteigert, und schnell werden dann die Abiturergebnisse auch mit diesem in einen Zusammenhang gebracht und mitunter andere Bedingungsfaktoren weniger in Betracht gezogen. Das ist eine zu einfache Erklärung.“

Andreas Schmitz, Sprecher der Kultusministerkonferenz

Die KMK hält also am zentralen Aufgabenpool fest. Für Verwirrung hatte die Aussage der Bremer Bildungsbehörde gesorgt, "die Maßgabe, ab dem kommenden Schuljahr die Pool-Aufgaben des IQB nehmen zu müssen, wird auf KMK-Ebene ausgesetzt." Die KMK teilte auf Nachfrage mit, es gebe einen solchen Beschluss noch gar nicht. Und tatsächlich habe es sich um eine missverständliche Formulierung gehandelt, bestätigte jetzt das Bildungsressort. Nach aktuellem Stand sollten die Länder also auch im kommenden Jahr die Möglichkeit haben, die Aufgaben zu ändern und eigene zu erstellen.

Für das Bildungsressort soll dies aber nicht zu einer Dezentralisierung des Abiturs führen. "Bremen steht wie die anderen Bundesländer auch hinter der Idee des länderübergreifenden Pools und einer ländergemeinsamen Abiturprüfung. Eine Kooperation mit einzelnen Bundesländern widerspricht dem im Prinzip nicht." Für das kommende Jahr hat sich Bremen vorgenommen, den Lehrkräften Aufgaben aus dem Pool zur Auswahl zu stellen. "Dazu werden wir mehr landeseigene Aufgaben einsetzen als in diesem Jahr, ohne dabei das Anspruchsniveau zu senken." Unklar ist jetzt, ob das langfristig zu einer Vergleichbarkeit der Abitur-Prüfungen führt.

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Autorin

  • Serena Bilanceri