Interview

AWI-Forscherin erklärt, warum die Winter immer wärmer werden

Eine Frau steht mit einem Kind am Strand vor den tosenden Wellen der Nordsee und macht ein Bild mit ihrem Handy.

AWI-Forscherin: "Vor unserer Haustür ist es warm geworden"

Bild: DPA | Mohssen Assanimoghaddam

Karen Wiltshire vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven erklärt, was Nordsee und Ozeane derzeit unterscheidet und warum Einflüsse neuer Arten nicht vorhersagbar sind.

Die Temperaturen in Nord- und Ostsee sind in letzter Zeit offenbar stark angestiegen, wie aus Messungen des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie hervorgeht.

AWI-Forscherin und Nordsee-Expertin Karen Wiltshire erklärt, welche Folgen die Erwärmung für Tiere, Natur und den Menschen hat.

Frau Wiltshire, wie stark erwärmt sich die Nordsee?
Die Nordsee hat sich im Mittel in den vergangenen 60 Jahren um fast zwei Grad erwärmt. Vor allem vor unserer Haustür ist es warm geworden. Denn hier ist das Meer besonders seicht. Wenn man das mit den Ozeanwerten vergleicht, dort liegen die gemittelten Werte so bei 0,8 bis 0,9 Grad, dann ist das ja doppelt so viel. Und das hat Folgen.
Stellvertretende Direktorin des AWI, Karen Wiltshire
Karen Wiltshire ist die stellvertretende Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts. Bild: Alfred-Wegener-Institut | / Kerstin Rolfes
Zum Beispiel?
Zum Beispiel, dass wir neue Arten bekommen, der Meeresspiegel steigt, und so weiter.
Welche Probleme kommen da auf uns zu?
Das ist schon jetzt ein massives Problem. Denn wir müssen uns schnell anpassen und damit umgehen lernen. Das ist ja nicht die Zukunft, das ist jetzt da. Wir haben noch Glück, dass ganz Norddeutschland so wunderbar eingedeicht ist. Das wird uns helfen, uns in den nächsten hundert bis zweihundert Jahren ein bisschen gegen den Meeresspiegelanstieg zu schützen.
Und welche neuen Arten erwarten uns?
Neue Arten kommen zum Beispiel aus dem Nordatlantik und wärmeren Gefilden wie zum Beispiel Südfrankreich. Es können auch versehentlich eingeschleppte Arten sein. Ein Beispiel ist schon jetzt die Pazifische Auster um Sylt herum.
Lassen sich die Folgen abschätzen?
Wir wissen nicht so richtig, ob diese Arten sich einfach neben die heimischen Arten reinplatzieren. Das ist zum Beispiel bei der pazifischen Auster der Fall. Da hat sich das Lebensumfeld von unseren Organismen zwar verändert, aber unsere einheimischen Arten, zum Beispiel die Miesmuschel, die setzen sich einfach auf diese Austern drauf und finden das eigentlich gar nicht so furchtbar. Es bedarf einfach Forschung über mindestens zwei Jahrzehnte, um zu sehen, ob eine Art alles durcheinander bringt. Es ist zumindest so, dass ein von kalt auf warm übergehendes Meer mehr Arten aufnehmen kann.
Dorsche im Meer
Dorsche oder Kabeljaue mögen es lieber kühler. Die Nordsee könnte ihnen irgendwann zu warm werden. Bild: DPA | Stefan Sauer
Gibt es denn auch Tiere, denen es zu warm ist?
Es gibt auch kälteliebende Arten. Der Dorsch zum Beispiel ist nach Norden gewandert.
Kurzum, wir müssen schauen, was passiert?
Ja, wir sind in einem riesigen Experiment. Die Umstände haben wir selber verursacht. Es ist in etwa so, als würde man in einer Badewanne sitzen und absichtlich den heißen Wasserhahn immer heißer laufen lassen. Wie geht man damit um? Anders als die Badewanne, können wir die Erde nicht einfach verlassen, wenn es zu heiß wird. Auf der Erde können wir nur weichen. Seitdem es Menschen gibt, haben wir ja genau das immer gemacht, wenn es klimatische Probleme – ob kalt oder warm – gab. Auch heute ist Migration ja auch durch Mangel an Wasser und Mangel an Ernährung, also oft durch Klimaproblematiken verursacht. Das wird nur noch mehr werden.
Wird sich die Erwärmung der Nordsee auch unsere Jahreszeiten auswirken?
Das hat es ja schon. Wir sehen, dass wir sehr viel längere Frühjahrszeiten haben, also dass der Winter in Deutschland statistisch stetig wärmer wird. Mehr als 40 Grad in vielen Städten, das wäre vor zwanzig Jahren undenkbar gewesen. Die Folge ist, wir müssen Geld in die Hand nehmen, um unsere Städte noch wohnlich zu halten. Und wenn wir das jetzt nicht den CO2-Ausstoß senken, werden wir noch schneller in unbewohnbare Räume kommen – auch als Menschen.
Was könnten die Folgen sein?
Gewiss ist, dass der Mensch mit Klimaveränderung seit jeher zu tun hatte und daher sehr anpassbar ist – als Art. Aber unsere sozialen Gefüge, die werden schwächeln durch den Ressourcendruck. Mit Blick auf soziale Verhältnisse – wer ist reich, wer ist arm – da hat das Klima verschiedenen Völkern schon in der Vergangenheit immer wieder mal einen verpasst. Das waren allerdings die natürlichen Schwankungen und nicht die, die wir jetzt erleben.

Bremerhavener Klimaforscher: "Der Handlungsdruck ist groß"

Bild: Radio Bremen

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 10. November 2022, 8:45 Uhr