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Gletscher-Sterben: Bremerhavener Forscher erwartet "viel Leid"

Bild: DPA | Angelika Warmuth

Einer der deutschen Gletscher ist verschwunden. Wie dramatisch das ist, können sich viele nicht vorstellen. AWI-Forscher Olaf Eisen erklärt, weshalb das für alle eine Warnung ist.

"Es ist katastrophal", zieht Glaziologe Olaf Eisen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven nach dem heißen Sommer Bilanz. "Es sind seit Beginn der Aufzeichnungen in den Alpen die höchsten Massenverluste zu verzeichnen. Wir hatten noch nie so eine starke Schmelze." Ein deutscher Gletscher ist sogar verschwunden.

Nur noch vier statt fünf Gletscher

Der Südliche Schneeferner auf dem Zugspitzmassiv hat seinen Status als Gletscher verloren. Jetzt gibt es nur noch vier Gletscher in Deutschland, alle liegen in Bayern: der Nördliche Schneeferner und der Höllentalferner, die sich auf dem Zugspitzmassiv befinden, sowie das Blaueis und der Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Alpen.

Ein Mann guckt in die Kamera.
Olaf Eisen forscht seit 2014 als Professor für Glaziologie am AWI und der Uni Bremen. Bild: Radio Bremen

Laut Experten gibt es drei Gründe für das Gletscher-Sterben: Zum einen hat es im vergangenen Winter in den meisten Regionen wenig geschneit. Zum anderen war dieser Sommer sehr heiß. "Es gab immer wieder Zeiten, wo es wärmer war, wo es kälter war, aber wir haben keine Indikatoren dafür, dass es jemals so schnell so warm geworden ist wie heute", sagt Eisen.

In den letzten 800.000 Jahren hatten wir niemals eine so hohe CO2-Konzentration in der Atmosphäre wie jetzt.

Olaf Eisen, Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut

Hinzu kommt ein besonderes Phänomen: Sahara-Staub, der sich besonders im März auf den Gletschern ablegte. Der führt dazu, dass der Schnee schneller schmilzt. Denn wenn Sonnenstrahlen auf helles Eis treffen, werden 90 Prozent reflektiert. Der Staub aber ist dunkler und nimmt dadurch mehr Energie auf, die er dann als Wärme an den Schnee abgibt.

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Prognosen waren zu vorsichtig

"Das Problem ist, dass wir mit den Prognosen zu vorsichtig waren", sagt Eisen. "Die Leute in der Wissenschaft wurden über viele Jahre dazu angehalten, sehr konservativ zu sein. Vor allem kam aus der Lobby dann auch der Vorwurf: Ihr wisst nicht genau, was passiert. Und solange ihr das nicht belegen könnt, 100 Prozent oder 120 Prozent, glauben wir das erstmal nicht, dass der Klimawandel wahr ist." An diesen Belegen haben die Wissenschaftler jetzt über drei, vier Jahrzehnte gearbeitet, so Eisen.

Hinzu komme, dass der Klimawandel schneller voranschreite, als von den Experten angenommen. "Das System ist leider dynamischer, als wir es vermutet haben. Wir waren zu vorsichtig. Das, was wir jetzt dieses Jahr in den Alpen sehen, ist etwas, was wir eigentlich eher in den 30er-, 40er-Jahren des 21. Jahrhunderts erwartet hätten."

"Es ist noch nicht zu spät"

Feuer, Überschwemmungen, Dürren – alles nehme zu, so Eisen. Die sterbenden Gletscher seien nur ein Signal von vielen. "Es ist nicht das dramatischste Signal, aber es vielleicht das Signal, was am deutlichsten klarmacht, um was es eigentlich gerade geht", so Eisen. "Wir sind nicht mehr an dem Punkt zu sagen: Wir vermeiden den Klimawandel. Nein, wir können ihn nicht mehr vermeiden. Wir können ihn nur noch abmildern. Aber dazu müssen wir aktiv werden und nicht noch 20, 30 Jahre zögern."

Es wird dramatisch werden. Es wird sehr viel Leid verursachen, aber wir können immer noch etwas tun. Es ist noch nicht zu spät.

Olaf Eisen, Glaziologe am Alfred-Wegener-Institut

Laut Eisen ist es nun wichtig, die Treibhausgas-Emissionen auf Null zu bringen und CO2 aus der Atmosphäre zu entnehmen. Aber er macht auch deutlich: "Es ist nicht nur der Treibhausgas-Ausstoß, es ist auch der Konsum im Ganzen." Nicht nur die Politik sei gefragt, sondern auch die Gesellschaft müsse begreifen, wie ernst die Lage sei.

Ukraine-Krieg führt zu Umdenken

Neben all der Tragik habe der Ukraine-Krieg gerade einen positiven Effekt, sagt Eisen. Energiekrise und Engpässe bei bestimmten Lebensmitteln betreffen die Menschen direkt in ihrem Alltag. Das sei zwar schlimm, aber vielen würde so endlich klar werden, dass es so nicht weitergeht. "Es ist aber immer noch eine gewisse Trägheit in der Gesellschaft, die man schnell überwinden muss, bevor man wirklich an einen Punkt kommt, wo es richtig wehtut", betont Eisen. "Es ist einfach wirklich wichtig, dass wir anfangen, was zu tun."

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 19. Oktober 2022, 19:30 Uhr