Interview

Bremer Forscher: Darum begreifen wir die Gefahr des Klimawandels nicht

Bild: DPA | Sina Schuldt

Naturkatastrophen häufen sich. Konsequenzen ziehen wir kaum. Denn wir begreifen Zusammenhänge nicht. Ein Bremer Forscher sagt, wie man Klimafolgen besser vermitteln könnte.

Hier Land unter, dort eine Dürre, zwischendrin ein Hurrikan in der Karibik: Die Meldungen zu Naturkatastrophen reißen nicht ab. Nachhaltigen Eindruck aber hinterlassen derartige Nachrichten offenbar nicht in der Gesellschaft. Das zumindest sagt Nils Moosdorf. Der Hydrologe vom Bremer Leibniz-Institut für Marine Tropenforschung (ZMT), der hauptberuflich zu Grundwasser forscht, hat sich in seiner Freizeit der Klimawandel-Kommunikation verschrieben und dafür kürzlich sogar einen Preis gewonnen.

Moosdorf zählt zu jenen Bremer Scientists for Future, die zusammen mit einem Designbüro und der Bremer Straßenbahn AG in Zürich für das Kommunikationskonzept der "Klimabahn" geehrt worden sind. Zum heutigen internationalen Klimastreik der Fridays-for-Future-Bewegung sprachen wir mit ihm darüber, woran es bei der Kommunikation von Klimafolgen in unserer Gesellschaft krankt und was man besser machen könnte.

Mann mit Brille, Anfang 40, vor weißem Hintergrund guckt in die Kamera
Glaubt, dass wir in der Kommunikation von Klimafolgen positive Aspekte von Klimaschutz besser darstellen müssen: Nils Moosdorf. Bild: Radio Bremen | Alexander Schnackenburg
Herr Moosdorf, Sie beklagen, dass der Klimawandel in unserer Gesellschaft nicht gut kommuniziert werde. Wo genau liegt das Problem?
Das Schwierige an der Klimawandel-Kommunikation ist, dass der Klimawandel ein sehr komplexes Thema ist. Ganz große Teile des komplexen Erdsystems ändern sich. Es ist schwierig, diese Änderung zu überblicken. Aber man muss die Zusammenhänge zumindest teilweise nachvollziehen, um zu verstehen, weshalb wir unser Handeln ändern müssen. Wir sehen zwar erste Auswirkungen des Klimawandels. Klar ist aber: Die Lage wird sich erheblich verschärfen.
Streng genommen kann man von "ersten Auswirkungen" doch gar nicht mehr reden. Wir haben hier in Deutschland gerade eine große Flutkatastrophe mit vielen Toten erlebt. Außerdem haben wir dieses Jahr schon wieder lange Dürreperioden beobachten müssen. Warum kommt das Thema "Klimawandel" bei uns offenbar trotzdem nicht so richtig an?
Noch sind die Katastrophen eher selten. Das macht es schwer, den Zusammenhang zum Klimawandel zu begreifen. Wenn Sie mich fragen würden: "War dieses spezielle Dürrejahr eine Folge des Klimawandels?", so könnte ich Ihnen nicht mit Gewissheit sagen: "Ja." Es ist halt komplizierter. Der Klimawandel macht extreme Ereignisse wahrscheinlicher. Eine "Jahrhundert-Dürre" findet jetzt eben nicht mehr alle hundert Jahre statt, sondern vielleicht alle zwanzig Jahre. Nicht jede Dürre ist aber gleich Klimawandel, aber inzwischen hat jede Dürre Klimawandel-Anteil. Es ist schwierig, dieses komplexe System so weit herunter zu brechen, dass man es richtig versteht – und begreift, dass man seine Handlungen ändern sollte, weil die von Ihnen genannten Katastrophen der letzten Zeit nur der Anfang von größeren Veränderungen sind. 

Was das Ganze zusätzlich erschwert: Wir sehen die Probleme vor allem an den extremen Ereignissen. Wenn ich jetzt aus dem Fenster gucke, bei vielleicht 13 Grad Celsius, dann muss ich sagen: Wenn es zwei Grad wärmer wäre, dann fände ich das ganz angenehm. Und dann liegt die trügerische Annahme nahe, dass gar kein Handlungsbedarf bestünde. Als es aber im Sommer 33 Grad warm war, wären zwei Grad mehr ein großes Thema gewesen. Dann hätten noch mehr Menschen gesundheitliche Probleme bekommen, dann wären vielleicht auch mehr gestorben.
Nun liegt der Sommer noch gar nicht lang zurück. Die letzten Meldungen zu den niedrigen Wasserständen der Flüsse, zum Fischsterben in der Oder und insgesamt zur Dürre sind nur ein paar Wochen alt. Glauben Sie wirklich, dass das viele von uns schon wieder vergessen haben? Was geht da in uns vor?
Ich glaube: Wir leben einfach sehr stark im Augenblick. Und die Nachrichten haben so zugenommen, dass sie einfach sofort wieder verdrängt werden. Weil die Queen gestorben ist. Oder weil etwas anderes wichtig Erscheinendes passiert. So wird aus den Meldungen zum Klima fast schon so etwas wie ein Hintergrundrauschen. Wir nehmen es nur noch wahr, wenn jetzt gerade etwas passiert, direkt bei uns, nicht in der Ferne.

Man muss ja sagen: Jetzt gerade hat ein Hurrikan in der Karibik große Schäden verursacht. Gleichzeitig nimmt eine Dürre in Ostafrika dramatische Ausmaße an. Wir sehen auf der ganzen Welt Einschläge. Es sind inzwischen aber so viele, dass sie in unserer Wahrnehmung gar nicht mehr vorkommen. Weil wir abgelenkt sind von unserer lokalen Problemen. Aber auch Katastrophen, die scheinbar weit weg sind, haben in einer globalisierten Welt Auswirkungen auf unser Leben.
Nur wenig Schnee liegt auf dem Gletscherrest des Nördlichen Schneeferners auf dem Zugspitzplatt.
Die Gletscher (unser Bild zeigt die Zugspitze im Sommer 2021) schmelzen immer schneller. Forscher sehen darin eine Folge des Klimawandels. Bild: DPA | Angelika Warmuth
Das klingt paradox. An und für sich müsste doch ein "Grundrauschen", wie Sie es nennen, also etwas, was permanent zu einem Thema vorhanden ist, in unserer Hinterköpfen sitzen, Einfluss auf unser Handeln haben. Aber das ist offenbar nicht der Fall. Was kann man noch tun, damit wir begreifen, was mit unserer Umwelt geschieht?
Wir Wissenschaftler haben anfangs angenommen, dass die Menschen, wenn sie nur wüssten, was geschieht, handeln würden. Inzwischen aber kann niemand mehr sagen, dass er nicht wüsste, dass es einen Klimawandel gibt und dass wir auf eine Katastrophe zulaufen. Gehandelt wird dennoch nicht oder zumindest unzureichend. Ich glaube: Es braucht gesellschaftlichen Druck.
Wie meinen Sie das? Wer soll auf wen Druck ausüben? Bitte erklären Sie das an einem Beispiel.
Ein Beispiel sind die Fridays-for-Future-Demos. Sie sind wichtig, damit die Leute sehen: Es gibt viele Menschen, denen das Thema Klimawandel wichtig ist. Die einfachste Form von Druck ist, öffentlich zu sagen: "Dieses Thema ist mir wichtig." Das bringt andere zum Nachdenken.

Und so ähnlich stelle ich mir das in der Wirtschaft vor. Nehmen wir das Beispiel Dürre. Wir haben noch im Hinterkopf, dass der Rhein wenig Wasser geführt hat. Die Schifffahrt funktionierte nur noch eingeschränkt. Das ist für den Industriestandort Ludwigshafen ein Problem. Das müssen jetzt dort die Unternehmen klar machen: "Liebe Politik, wenn es öfter passiert, dass der Rhein zu wenig Wasser führt, dann können wir nicht hier bleiben und dann werden unsere Arbeitsplätze hier wegbrechen. Ihr müsst etwas unternehmen." 
Der Pegel des Rhein bei Bingen ( Rheinland-Pfalz ) lag am Freitag, 19. August 2022, aufgrund der Trockenheit und mangelnder Niederschläge bei nur etwa 60 Zentimeter.
Der niedrige Wasserstand hat die Schifffahrt am Oberrhein in diesem Sommer massiv beeinträchtigt. Bild: DPA | Goldmann
Und welche Botschaft möchten Sie persönlich der Politik zukommen lassen?
Dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ist, den Klimawandel zu bekämpfen. Die Politik darf sich nicht ihrer Verantwortung entziehen. Ich finde es unfair, das auf die Einzelnen abzuwälzen, indem man beispielsweise, wie es immer wieder heißt, an "die Vernunft des Einzelnen appelliert". Wir müssen uns als Gesellschaft klare Ziele setzen, und dafür brauchen wir klare Regeln, Gesetze und Verfahren. Wir haben zum Beispiel als Deutschland unterschrieben, dass wir das 1,5-Grad-Ziel einhalten. Damit sind wir eine Verpflichtung eingegangen. Damit sind wir als Deutschland dazu verpflichtet, die entsprechenden Gesetze zu erlassen und müssen als Gesellschaft die Voraussetzungen schaffen, damit alle ihr Verhalten ändern. 

Wenn ich über Tempolimits nachdenke, dann würde ich auch nicht neben einem Kindergarten ein Schild aufstellen und sagen: "Liebe Autofahrerinnen und Autofahrer, Ihr dürft so schnell fahren, wie Ihr wollt. Aber fahrt bitte so langsam, wie es Euch angemessen erscheint." So funktioniert das nicht. Das weiß jeder. Daher sagt man: "Tempo 30". Und dann stellt man einen Starenkasten dahinter, damit die Leute wirklich nur 30 fahren. So müsste man es für den Klimaschutz auch machen. Wenn ich da sage: "Bitte verbrauchen Sie so wenig CO2 wie möglich", dann wälze ich das Problem auf den Einzelnen ab. Wir brauchen als Gesellschaft aber klare Gesetze und Verordnungen, die dazu führen, dass alle den CO2-Ausstoß reduzieren. Hier sehe ich die Politik in der Verantwortung, aber natürlich auch darin, Anreize und eine Umgebung zu schaffen, in der es sich lohnt, sich Klimaschonend zu verhalten. 
Um Druckmittel wie Gesetze durchzusetzen, ist die Politik auf eine breite Akzeptanz der Wählerschaft angewiesen. Sie müssen also die Gemeinschaft zwingend mit ins Boot nehmen. Wie kann man die Menschen für den Klimaschutz begeistern?
Ich glaube, dass es wichtig ist, zum Klimaschutz auch positive Nachrichten zu verbreiten. Beispielsweise zu Städten, die das Thema Verkehrswende ernst genommen haben. Nehmen wir Utrecht oder Zürich. Das sind wunderbare, lebenswerte Städte! Diese Städte sind voller Radfahrer, sie sind viel ruhiger, als es bei uns ist, die haben viel weniger Luftverschmutzung und viel mehr Leben in der Stadt. Daran sieht man: Der Klimaschutz bietet vielen Menschen ein besseres und schöneres Leben mit mehr Lebensqualität. Das muss man den Leuten klarmachen. 

In Bremerhaven gab es eine große Windkraftindustrie. Das hätte für die Region sehr viele Arbeitsplätze bedeutet, wenn wir den Klimaschutz ernster genommen hätten. Die Arbeitsplätze sind leider weggebrochen. Das ist jetzt zwar ein negatives Beispiel, das zeigt, wie es eben nicht laufen sollte. Trotzdem sieht man auch hieran: Klimaschutz bietet Chancen. Wir müssen den Menschen vor Augen führen, welche Vorteile sie davon haben, wenn sie sich klimabewusst verhalten.
Sie kritisieren auch die Berichterstattung in den Medien zum Klimawandel. Können Sie ein Beispiel dafür nennen, was Sie falsch daran finden?
Ich lese häufig von Kosten, die Klimaschutzmaßnahmen verursachen oder verursachen würden. Was es beispielsweise kosten würde, mehr Fahrradwege zu bauen. Aber leider erfahre ich in der Regel nicht, was es kosten würde, wenn keine Klimaschutzmaßnahmen ergriffen würden. Was es beispielsweise kostet, die Deiche zu erhöhen. Was es kostet, dass wir die ganze Stadt verändern müssen, damit wir besser auf Starkregen eingestellt sind. Oder dass die Straßen durch die Hitze kaputt gehen, und was es kostet, die Straßen immer wieder zu sanieren. Das sind alles Kosten, die man denen für die Klimaschutzmaßnahmen gegenüberstellen müsste. Doch das passiert zu selten. Kluger Klimaschutz ist eine Zukunftsinvestition und nebenbei sichert er unsere Lebensgrundlagen. Das sollte aus der Berichterstattung hervorgehen. 

Was wurde eigentlich aus dem Protest für mehr Klimaschutz?

Bild: Radio Bremen

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 23. September 2022. 19:30 Uhr