Interview

Bremer Klimaexpertin erklärt, wie wir der Erde Luft zum Atmen lassen

Zwei Hände wiegen eine Erde in Herzform.

Bremer Klimaexpertin erklärt, wie wir der Erde Luft zum Atmen lassen

Bild: Imago | Shotshop

Seit Jahren verschiebt sich der Weltüberlastungstag weiter nach vorne. Eine Bremer Expertin sagt, was jeder Einzelne tun kann und warum sie trotzdem Hoffnung hat.

Die Menschheit lebt auf großem Fuß. Jahr für Jahr verbrauchen die Erdbewohner mehr natürliche Ressourcen, als ihr Heimatplanet auf natürliche Weise ersetzen kann. In diesem Jahr ist der Tag, an dem die Menschen auf Pump bei der Natur leben, bereits am 28. Juli erreicht worden – und damit so früh wie noch nie. Was im Umkehrschluss bedeutet: Angesichts unseres Verbrauchs von Acker- und Weideland sowie Fischgründen und Wald, bräuchten wir eigentlich rund 1,75 Erden, um unseren Bedarf zu decken.

Bereits seit zwei Jahrzehnten verschiebt sich der globale "Earth Overshoot Day", den das Global Footprint Network berechnet, nahezu kontinuierlich immer weiter nach vorn. Während im Jahr 2000 noch der 23. September der Erdüberlastungstag war, ist das Limit seit 2018 regelmäßig schon Ende Juli erreicht – abgesehen von 2020, dem Jahr des Pandemie-Beginns.

Im Interview erklärt Doris Sövegjarto-Wigbers, Klima- und Umweltschutzmanagerin an der Bremer Universität, wie die Menschen die Erdüberlastungstag nach hinten verschieben können, was die Politik dafür tun muss und warum sie noch Hoffnung auf die Rettung der Erde hat.

Frau Sövegjarto-Wigbers, wie sinnvoll sind Aktionstage wie der Erdüberlastungstag für den bewussten Umgang mit Ressourcen?
Die Wichtigkeit dafür kann man gar nicht oft genug betonen. Zwar hat die Corona-Pandemie der Welt eine kleine Verschnaufpause gegönnt, aber nun geht es wieder los: das Mittelmeer brennt, Kalifornien brennt, dazu die Dürre am Horn von Afrika. Gerade wir aus den hoch industrialisierten Gesellschaften sollten uns endlich mehr hinterfragen, was unser Handeln bewirkt. Auch die Medien sollten hierüber noch viel mehr berichten. Ein solcher Aktionstag bietet dafür einen Anknüpfungspunkt.
Manche Staaten verbrauchen mehr Ressourcen als andere, haben also eine schlechtere Bilanz. Wie schneiden die Menschen hierzulande im Vergleich ab?
Wenn wir auf die Menschen in Deutschland schauen, liegt unser ökologischer Fußabdruck im globalen Vergleich im oberen Viertel aller Länder. Wenn weltweit alle Menschen so viele Ressourcen verbrauchen würden wie wir Deutschen, bräuchten wir demnach knapp drei Erden. Den Erdüberlastungstag hätten wir mit der Bilanz somit schon im Mai erreicht. Anderswo ist es aber noch schlimmer: Bei einem weltweiten Ressourcenverbrauch wie in den USA wären beispielsweise etwas mehr als fünf Erden nötig.
Wie kann denn der Einzelne oder die Einzelne helfen, damit sich der Erdüberlastungstag künftig nach hinten verschiebt?
Da gibt es viele, viele kleine Punkte. Etwa was die Mobilität betrifft: Muss ich überall schnell mit dem Auto hin? Oder kann ich die Brötchen auch mal zu Fuß oder mit dem Fahrrad holen? Und wie sieht es mit dem Duschen aus? Je kürzer ich dusche, desto besser. Muss ich meine Wäsche wirklich täglich waschen? Besser ist es, ich wasche erst, wenn die Trommel voll oder zumindest halbwegs voll ist. Wie hoch ist die Temperatur in den Räumen, in denen ich mich aufhalte? Vielleicht kann ich ja einfach einen Pullover tragen und die Heizung ausstellen. Kurzum: Jeder sollte sein eigenes Tun hinterfragen, seinen Konsum reflektieren und sich bewusst werden, was das eigene Handeln für Auswirkungen hat.
Und was muss die Politik tun, damit Verbesserung eintritt?
Die Politik muss die Rahmenbedingungen vorgeben, damit wir alle bewusster leben können. Das ist ganz wichtig. Sie muss dafür sorgen, dass die Mobilität billiger wird. Dass die öffentlichen Nahverkehrsmittel günstiger werden und wir das Auto auch mal stehen lassen können. Das Neun-Euro-Ticket ist schon mal ein guter Anfang.

Das Problem ist jedoch, dass wir von Koalitionen regiert werden. Parteien können sich leider nur selten einigen und es dauert oft Ewigkeiten, bis etwas genehmigt und umgesetzt wird. Schauen wir nach Bremen: Premiumrouten für Fahrräder, die Fahrradbrücken über die Weser, die Einführung von Solardächern – all das dauert und dauert elendig lang und zögert so die Mobilitätswende wahnsinnig heraus.
Abschließend gefragt: Was gibt Ihnen Hoffnung, dass wir den Erdüberlastungstag noch nach hinten verschieben können?
Hoffnung gibt mir die junge Generation. Bei älteren Leuten kriegt man das nicht mehr hin, ältere Leute wollen nicht mehr belehrt werden. Junge Menschen wie die Aktivisten von Fridays for Future verzichten hingegen auf überflüssige Reisen, auf Kreuzfahrten und lehnen den Individualverkehr ab. Sie gehen sorgsamer mit ihrer Umwelt um und schaffen es, uns den Spiegel vorzuhalten, was wir noch brauchen und was eben nicht.

Ich sehe das auch bei vielen meiner Studenten und Studentinnen, die sich mit Gleichgesinnten aus aller Welt austauschen. Dabei kommen Diskussionen zustande, wie wir sie von den großen Klimakonferenzen kennen. Das ist wunderbar, denn das gemeinsame Handeln ist enorm wichtig. Wir müssen uns gemeinsam entscheiden, das kann nicht der Einzelne allein machen.

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Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 28. Juli 2022, 13 Uhr