Trauriges Halali: Warum Jagen in Bremen systemrelevant ist

Eigentlich ist jetzt Hauptjagdzeit. Doch Jäger sieht man seltener als sonst. Was Corona mit der Schweinepest zu tun hat und warum sich Jäger um Wild und Wald Sorgen machen.

Ein toter Fuchs liegt in einem Wald. Im Hintergrund stehen vier Jäger
Die Tierpopulation im Wald muss laut Jäger Henke reguliert werden. Bild: Imago | Marius Schwarz

Marcus Henke ist Vizepräsident der Bremer Landesjägerschaft. Gerade jetzt zwischen Oktober und Januar ist für ihn Hauptjagdzeit. "Da bin ich schon jeden zweiten Tag unterwegs", sagt der Unternehmensberater. Doch durch Corona hat sich viel für die Jäger verändert.

Insbesondere die gemeinschaftliche Jagd zusammen mit anderen Jägern und Helfern fällt während der Pandemie fast vollständig aus. Normalerweise treffen sich in Bremen regelmäßig zwischen 15 und 30 Jäger und gehen gemeinsam auf Jagd: "Wir versammeln uns, es gibt eine Ansprache vom Jagdherren, Sicherheitsvorbereitungen und dann jagen wir", beschreibt Henke den Ablauf. Doch die Hygienevorschriften machen ihnen einen Strich durch die Rechnung. Bereits die Anfahrt ist oft schon beschwerlich, denn die sonst meist üblichen Fahrgemeinschaften sind nun nicht mehr erlaubt. Gerade die älteren Jäger blieben oft zu Hause, zu groß sei die Angst vor Corona. Immerhin: Auf Einzeljagd können die Jäger noch problemlos gehen.

Einzelkämpfer gegen die Schweinepest

Dabei sei Jagen systemrelevant, sagt Henke: "Wir haben als Jäger Aufgaben, denen wir trotz Corona nachkommen müssen." Je nach Bundesland gäbe es Vorgaben und Abschusspläne, damit die Überpopulation der Wildtiere reguliert und die Umwelt geschützt werde. Kommt man diesen Aufgaben nicht nach, hätte das vielfältige Folgen.

Gerade bei der Jagd auf Schwarzwild sind die Jäger derzeit nicht so effektiv wie vor Corona. Das bedeutet, dass vor allem Wildschweine sich dank idealer Lebensräume ungehindert vermehren können. Reproduktionsrate: 300 Prozent im Jahr.

Hier jagt eine Seuche die andere.

Marcus Henke
Marcus Henke, Landesjägerschaft Bremen e.V.

Wildschweine würden vor allem durch gesellschaftliche Drückjagden dezimiert. Mit Hunden werden die Wildschweine in Richtung der Hochsitze getrieben, dabei sind die Treibenden in engen Kontakt – coronabedingt ist das nicht möglich.

"Wir versuchen das so gut wie möglich, aber wir sind da sehr gefordert. Doch wir müssen das hinkriegen." Sonst folgt auf die Corona-Pandemie die Afrikanische Schweinepest: "Die ist nicht nur für Schwarzwild gefährlich, sondern auch für Hausschweine und Viehzucht", so Henke. Die Folgen: Exportverbote, Keulung, Schließung von Betrieben und weniger Arbeitsplätze. "Das ist wirtschaftlich ein großes Problem."

Ein Wildschwein zwischen zwei Bäumen.
Wildschweine vermehren sich enorm, das begünstigt die Verbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Bild: Imago | Martin Wagner

Nicht zu reden von einem ganz anderen Pänomen: Selbst das geschossene Wild werden die Jäger derzeit nur zu Dumpingpreisen los. Sie merken deutlich, dass die geschlossene Gastronomie als Abnehmer fehlt.

Nabu-Chef Sönke Hofmann sieht die Drückjagden auf Wildschweine kritisch: "Dadurch werden Revierstrukturen zerstört, dann wandern Wildschweine. Das wirkt wie ein Brandbeschleuniger im Feuer. So breite sich die Afrikanische Schweinepest noch schneller aus. Söhne Hofmann sieht Jagden nicht grundsätzlich kritisch: "Wenn die Jagd der Natur nicht schadet, ist sie in Ordnung. Wenn sie ihr nützt, ist sie begrüßenswert."

Vogelschutzgebiete durch Füchse gefährdet

Zu viele Füchse könnten Bremens Vogelschutzgebiete gefährden. Die Hauptnahrungsquelle vom Fuchs sind Mäuse. Werden die Mangelware, weicht er auf Vögel aus. "Da müssen wir die Räuber-Beute-Beziehung ausgleichen, sonst haben die Wiesenvögel im Frühjahr keine Chance."

Wenn die Jäger dieser Aufgabe nicht nachkommen, dann können die Vögel nicht mehr ausreichend geschützt werden, so Henke: "Wenn das aus dem Ruder läuft, dann verlieren wir Beutetierarten und zwar die seltenen und geschützten Arten."

Dass die Vogelbestände früher viel größer waren, liegt laut Nabu-Leiter Hofmann allerdings vielmehr an der veränderten Landwirtschaft. Hauptursache sei nicht der Fuchs. Aber sieht auch die Beutetier-Problematik durch die Überpopulation.

Da blutet einem Naturschützer das Herz, wenn ein Fuchs auch noch die letzten Vögel wegfrisst.

Sönke Hofmann, Geschäftsführer Nabu Bremen
Sönke Hofmann, Nabu Bremen

Eine dauerhafte Lösung kann das Schießen von Füchsen laut Hofmann aber nicht sein. "Ein gesundes Ökosystem kann so etwas abfedern, aber wir haben das so sehr verändert, dass es einfach nicht mehr funktioniert", erklärt er.

Nischenprodukt Wild: Nachfrage bei Bremer Jägern und Züchtern steigt

Video vom 7. August 2020
Ein Hirsch mit einem großen Geweih schaut an einem Baum vorbei.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Marike Deitschun Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 7. August 2020, 19:30 Uhr