Warum manche Häuser trotz Wohnungsnot lange leer stehen

Wohnungen werden knapp, Grundstücke teurer und trotzdem stehen in Bremen immer wieder Häuser lange leer — wie kann das sein?

Das ehemalige Kulturzentrum Dete in der Lahnstraße steht seit Jahren leer.
Das ehemalige Kulturzentrum Dete in der Lahnstraße steht seit 2014 leer.

Eine der großen Schaufensterscheiben ist kaputt, notdürftig mit einer Holzplatte verrammelt. Die anderen mit Plakaten zugekleistert. Dahinter: leere Räume. Nur Sprüche an den Wänden im Inneren lassen erahnen, dass das klobige Gebäude bis Sommer 2014 ein gut besuchtes Kulturzentrum war. Die ehemalige Dete. In der Lahnstraße 61 regiert der Stillstand — zumindest auf den ersten Blick.

Der Neubau sollte längst fertig sein

Dabei sollte es hier eigentlich schon längst ganz anders aussehen: Die Dete war von Anfang an als eine Zwischennutzung geplant. Viele im Stadtteil fanden das schade, aber immerhin sollen dort Wohnungen entstehen. Wohnungen, die die Stadt dringend braucht. Die Immobilienfirma Müller und Bremermann plant ein Mehrfamilienhaus. Rund 21 Wohnungen für junge Menschen, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit: "Nach den ursprünglichen Plänen sollte das Haus längst fertig sein", heißt es in der Mitteilung. Jens Tittmann von der Baubehörde bestätigt, dass für das Grundstück eine Baugenehmigung erteilt worden sei.

Aber so einfach ist das nicht: Nachbarn haben Widerspruch gegen die Baugenehmigung eingelegt. Zu den genauen Inhalten des Streits schweigen sich alle Konfliktparteien aus — aufgrund des laufenden Verfahrens. Dem Vernehmen nach soll es im Kern um die Dimensionen des geplanten Neubaus gehen. Er ist den Anwohnern zu groß. Seit August 2017 liegt der Streit beim Bremer Verwaltungsgericht: Aktenzeichen 1K 2052/17. Einen Termin für die Verhandlung gibt es noch nicht, teilt das Gericht mit. Vorerst bleibt also alles, wie es ist — leer.

Schutz des Eigentums vs. Gemeininteresse

Julia Lossau unterscheidet zwei unterschiedliche Arten von Leerstand: "Entweder will niemand rein oder die Besitzer wollen das Haus nicht an den Markt bringen", sagt die Professorin für Stadtgeografie an der Universität Bremen. Gründe gebe es verschiedene: Mal warten Investoren auf einen besseren Zeitpunkt, mal sei sich vielleicht eine Eigentümergemeinschaft nicht einig. Große Probleme mit Leerstand sieht sie in Bremen nicht. "Es wäre schön, wenn alles genutzt wäre", sagt Lossau. Letztlich gehe es dabei um den Gegensatz zwischen dem Schutz des Eigentums und dem Gemeininteresse. "Und in Deutschland ist es immer so, dass das Eigentum klar geschützt wird."

In der Neuenburger Straße in Walle lassen sich die Folgen beobachten: Regelmäßig bleiben Passanten vor einem der Reihenhäuser stehen und erkundigen sich nach dem Besitzer. Das berichten Nachbarn. Ihre Namen wollen sie nicht in einem Bericht lesen, aber ihre Geschichten ähneln sich — unabhängig voneinander. Auch beim Ortstermin fragen Passanten nach dem Haus.

Es bleibt beim Hörensagen

Zwölf Jahre ginge das schon so, sagt eine Nachbarin. Ein paar Häuser weiter ist von mehr als zehn Jahren die Rede. Alle berichten, dass der Besitzer einmal im Jahr komme, und sich um das Nötigste kümmere. Aber es bleibt beim Hörensagen. Auch die Telefonnummer des mutmaßlichen Besitzers hilft nicht weiter. Der Name auf der Mailboxansage könnte passen, nur ruft niemand zurück. Warum das Haus leer steht und seit wann? Ob es aktuelle Pläne gibt? Auch eine Anfrage per SMS bleibt unbeantwortet.

"Wir würden es begrüßen, wenn wir keinen Leerstand hätten", sagt Jens Tittmann von der Bremer Baubehörde. In der Stadt werde dringend mehr Wohnraum benötigt. "Aber auf der anderen Seite handelt es sich um Privatbesitz. Und es steht nirgendwo geschrieben, dass Sie etwas Sinnvolles damit machen müssen." Also heißt es abwarten. Nur wenn Häuser so in die Jahre gekommen sind, dass andere Menschen in Gefahr gebracht werden, etwa durch herabfallende Fassadenteile, kann die Baubehörde eingreifen.

"Eigentum verpflichtet insofern, dass ich andere Leute nicht verletzen darf, aber nicht insofern, dass ich gezwungen bin, ein altes Kaufhaus abzureißen und Wohnungen zu bauen."

Jens Tittmann, Sprecher der Baubehörde

Tittmanns Beispiel steht ebenfalls in der Neustadt, genauer in der Kornstraße gegenüber dem Friedhof: Das ehemalige Gebrauchtwaren-Kaufhaus Happy Shopping. Waren gehen dort schon lange nicht mehr über den Tisch. Die eine Hälfte ist vor Jahren abgerissen worden. Dort steht jetzt ein Neubau mit dunkelroter Klinkerfassade. Die Wohnungen sind vermietet. Es ist wieder Leben eingekehrt.

Die andere Seite wächst wie die Dete immer mehr mit Plakaten zu — dem Efeu der Stadt. Eine Scheibe ist gesplittert. Aber so schlimm, dass jemand kommen müsste, um sie zu reparieren, scheint es nicht zu sein. "Dazu gab es auch mal einen Bauantrag", sagt Tittmann. Der sei zwar umfassend bearbeitet, dann aber vor zwei Jahren vom Bauherrn zurückgezogen worden. Aber das soll sich jetzt ändern: Der ehemalige Besitzer, Sven Nehlsen, hat das Gebäude verkauft. Mit anderen Projekten sei er schon komplett ausgelastet gewesen, sagt er. Gino Jerkovic hat das Gebäude übernommen. Genauer: seine Firma A und G Grundstücks- und Immobilienentwicklungsgesellschaft aus Stuhr. "Wir sind jetzt noch bei der Konzeptausarbeitung. Aber es geht in die Richtung, dass wir Wohnraum schaffen wollen." Etwa zehn Wohnungen mit einem bis drei Zimmern sind geplant. Zielgruppe: Studierende und junge Familien. "Und es sollte bezahlbar sein", sagt Jerkovic. Allerdings muss das Bauamt den Plänen noch zustimmen. Wenn alles gut geht, könnten die Bauarbeiter im Spätsommer anrücken. Ein Jahr später könnte das Haus fertig sein. "Aber das ist alles höchstgradig spekulativ", sagt Jerkovic.

Tut die Stadt genug?

Man könne Investoren keinen Vorwurf daraus machen, wenn sie Rendite mit ihren Grundstücken machen wollen, sagt Julia Lossau. Alternative Möglichkeiten zum Leerstand zu schaffen sei wichtig, etwa über Zwischennutzungen. "Aber ob ich jetzt das Baurecht und die Bauleitplanung ändern würde? Das Fass würde ich nicht aufmachen." Gibt es ein Allgemeininteresse, sei die Stadt gefragt: Die könne überlegen, Gebäude zu kaufen. Allerdings produziere das sofort mehr Fragen: Wem wird man gerecht? Und von welchem Geld? "Es ist die Frage, wer sich durchsetzt", sagt Lossau. Im Rahmen ihrer bescheidenen Möglichkeiten tue die Stadt aber, was sie könne. Daniel Schnier von der Zwischen-Zeit-Zentrale sieht Bremen hingegen mehr in der Pflicht: "Die Stadt macht den Fehler, auf Investoren zu warten und nicht selbst zu planen. Es wird nicht richtig diskutiert, dass man eine Aufgabe hat für alle."

  • Jörn Hüttmann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 7. Mai 2018, 23:20 Uhr