Interview

Befreiende Ostertage in Bremen und umzu – gehen Sie doch mal Waldbaden

Man kann dabei Bäume umarmen, muss es aber nicht. Das Waldbaden ist ein Trend aus Japan. Försterin Birte Schmetjen erklärt, wie wir damit gut für uns sorgen können.

Menschen beim Waldbaden
Geführt von Fachleuten lernen Menschen bei den Landesforsten das Waldbaden. Sie können es später auch alleine praktizieren. Bild: Waldwohl/NLF

Am frühen Morgen haben Birte Schmetjen und ich uns zu einem Gespräch verabredet. Was sie am Telefon nicht sieht: Ich muss meine Augen noch scharf stellen. Hören kann sie aber, dass es mir nicht gelingt, ein Gähnen zurückzuhalten. Da steigt die Försterin gleich ins Thema ein: "Wenn wir jetzt in den Wald gehen könnten, würden Sie wahrscheinlich danach ganz frisch und befreit sein", sagt sie und lacht. Ist es wirklich so einfach? Schmetjen bietet mit der Organisation "Waldwohl" und den niedersächsischen Landesforsten geführte Touren durch Wälder an, die eine andere Wirkung haben sollen als ein einfacher Spaziergang – denn es geht ums "Waldbaden".

Frau Schmetjen, was macht Sie so sicher, dass ein Waldbesuch erfrischt und befreit?
Weil es im Grunde das ist, was wir in unserer Evolutionsgeschichte kennen. Wir bewegen uns ja noch nicht so lange so viel in Städten und Gebäuden, das ist nicht normal für uns. Normal ist dieses Draußen sein, dieses Verbundensein mit der Natur. Zu 90 Prozent unserer Zeit auf diesem Planeten gehörte das eigentlich dazu. Und das fehlt uns.
Birte Schmetjen lacht in die Kamera
Birte Schmetjen ist Försterin und bietet bei "Waldwohl" das Waldbaden an. Bild: Niedersächsische Landesforsten
Wo oder wann fehlt uns das?
Unsere Sinne, das zeigen Studien, sind darauf gepolt. Unser Stresssystem im Körper funktioniert so, dass wir alles in Bewegung setzen, wenn wir das Gefühl haben, dass wir in Gefahr sind. Die Frage ist nur: Wo kommt die Gefahr her? Ist es wie früher ein wildes Tier in der Natur – oder ist es der Konflikt mit dem Chef oder mit dem Kunden? Das macht uns Stress. Und häufig können wir den Stress nicht abbauen. Das trainieren wir im Wald mit unseren Gästen.
Das Wort "Waldbaden" ist ja speziell, was ist damit gemeint?
Über den Begriff "Waldbaden" kann man vielleicht etwas schmunzeln. Aber das Wort kommt aus Japan zu uns und dort heißt das "Shinrin Yoku". Übersetzt bedeutet das "Eintauchen in die Waldatmosphäre". Und da ist man wohl vom Eintauchen im Deutschen irgendwann auf Baden kommen. Die Japaner haben eine Methode entwickelt, bei der es um die Achtsamkeit geht. Man kann das übersetzen als das achtsame, absichtslose Schlendern im Wald, bei dem sich alle Sinne öffnen. Das hat schon Johann Wolfgang von Goethe in seinen Gedichten widergespiegelt. Wirklich mal ohne Sinn spazieren gehen.
Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe
Bild: Radio Bremen/Johann Wolfgang von Goethe
Wir Menschen sind sehr viel in der Vergangenheit und sehr viel in der Zukunft, was evolutionstechnisch auch wichtig ist, das macht uns Menschen aus. Wir können reflektieren über Vergangenheit, um etwas in der Zukunft zu ändern. So funktioniert unser Gehirn. Doch was wir verlernt haben, ist der Zustand des "Jetzt". Und das versuchen wir, in den Waldbaden-Einheiten mit unseren Gästen zu üben: Im Hier und Jetzt zu sein, zu entspannen und dadurch den Stresspegel im Körper runterzufahren – und das mit in den Alltag nehmen zu können.
Kann man nicht einfach spazieren gehen im Wald?
Natürlich kann man auch im Wald spazieren gehen. Da würde auch jeder, der das regelmäßig macht, sagen, dass es gut tut. Wir wissen, dass wir 90 Prozent weniger Staubanteil in der Waldluft haben als in der Stadtluft. Wir wissen auch, dass das Grün unseren Augen sehr gut tut. Wir wissen, dass die Bewegung gut tut, spätestens durch Kneipp auch die Abwechslung warm und kalt, die verschiedenen Böden, Untergründe. Wir Menschen sind einfach von unserer Evolution her Wanderer und nicht Menschen, die den ganzen Tag sitzen. Beim Waldbaden machen wir aber gezielte Übungen.

Man kann das [Shinrin Yoku oder Waldbaden] übersetzen als das achtsame, absichtslose Schlendern im Wald, bei dem sich alle Sinne öffnen. 

Birte Schmetjen, Försterin und Waldbaden-Expertin
Meinen Sie Bäume umarmen? Einige finden das esoterischen Quatsch. Hat das was mit Waldbaden zu tun?
Wenn jemand das machen will, kann er das gerne machen. Ich glaube, das erdet jeden, wenn er das mal tut. Wir Förster umarmen ständig Bäume, wenn wir sie kennzeichnen müssen und sie dafür ein Band bekommen. Das spricht auch den Tastsinn an, der ja kaum noch genutzt wird – außer am Handy. Beim Bäume umarmen kann man das machen, den Baum ertasten, die Rinde. Das ist gerade jetzt, wo wir so wenig anfassen wegen Corona, körperlich und psychologisch gut. Aber es gehört nicht zur Methode des Waldbadens dazu. Wir wollen, dass es den Menschen präventiv gut geht. Das passiert durch unsere Anleitung, und meine Teilnehmer sagen mir, dass es einen Unterschied macht, ob sie allein durch den Wald gehen oder mit uns die Übungen machen.

So erholsam ist ein Spaziergang im Hasbruch bei Hude

Video vom 17. August 2020
Bianca Lutter umarmt im Hasbrucher Wald einen Baum.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen
Aber was heißt das konkret? Wegen Corona bieten Sie keine Führungen an. Wie können die Bremer und Bremerhavener über Ostern "alleine" sinnvoll Waldbaden? Haben Sie vielleicht drei Tipps?
Wir sprechen von den "10 Zutaten für ein Waldbad". Eine wichtige Übung ist das "bewusste Atmen". Da gibt es viele Möglichkeiten. Aber eine Idee ist, dass man tief ein- und ausatmet und darauf achtet, dass das Ausatmen etwas länger dauert als das Einatmen. Wenn man still mitzählt, dann vielleicht viermal einatmet, aber sechsmal ausatmet. Das macht man insgesamt drei- bis siebenmal. Eine andere Übung kommt aus der Achtsamkeit: Da sucht man sich einen Gegenstand im Wald, ein Blatt, einen Zapfen, ein dünnes Zweigchen oder einen Baum – und versucht diesen Gegenstand mit voller Aufmerksamkeit zu betrachten. Wenn die Gedanken kommen, schickt man sie weiter und betrachtet aufmerksam den Gegenstand, ohne Bewertung. So kommt man in das Hier und Jetzt. Das schaffen Anfänger maximal eine Minute lang. Das würde ich gerne mitgeben – und das Schlendern. Ganz bewusst langsam zu gehen, und wenn man denkt, man geht schon langsam, noch langsamer zu gehen.
Die Wälder sind seit Beginn der Pandemie aber voller geworden. Kann man das beim Schlendern ignorieren?
Natürlich ist es schöner, sich dafür eine ruhige Ecke zu suchen. Doch der Wald unterstützt uns an jeder Stelle. Wichtig ist, das Betretensrecht im Wald zu beachten. In Naturschutzgebieten herrscht beispielsweise striktes Wegegebot. 
Sie baden ja in Gruppen im Wald. Ist das üblich, oder ist es besser, allein zu sein?
Wir verstehen die Gruppenangebote als Übungs- und Trainings-Einheiten, ähnlich wie in einer Yoga-Stunde. Natürlich wünschen wir uns, dass die Menschen danach auch alleine in den Wald gehen und praktizieren. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass viele Menschen es genießen, sich in den Wald sicher führen zu lassen – und auch wieder hinaus. Dabei müssen sie selber nicht "mitdenken" und können sich ganz der Entspannung und Entschleunigung hingeben. 
Kann man die Wirkung eigentlich nachweisen?
Was auf jeden Fall passiert im Wald, ist, dass sich der Blutdruck senkt. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist es gut ist, im Wald unterwegs zu sein. Man untersucht, welchen Einfluss die sogenannte Phytonzide haben. Das sind die ätherischen Öle in der Waldluft. Oft wird auch von den Terpenen gesprochen, Stoffe in Nadelhölzern, die man hier allerdings nicht in so großen Mengen wie in Japan findet. Da ist die wissenschaftliche Erkenntnis noch dünn, ich denke aber, das wird sich bald ändern. Ziel ist es beim Waldbaden, in die Entspannung zu kommen und so kann man zurzeit indirekt, über die Stressreduktion, das Immunsystem stärken.
Können Familien das auch mit Kindern zusammen machen?
Kinder sind da eigentlich schon Profis. Sie leben ja im Moment. Das ist das Wunderbare an Kindern. Wir merken aber auch, dass das weniger wird. Kinder brauchen vor allem auch die Bewegung. Da versuchen wir in der Waldpädagogik immer Momente einzubauen, die eine sinnliche Erfahrung möglich machen. Und da merken wir, dass die Kinder dann runterfahren. Manchmal haben Eltern und Kinder unterschiedliche Bedürfnisse, und man hat als Elternteil ja auch immer ein Auge auf die Kinder, da muss man acht geben, dass man wirklich entspannen kann. Aber ein kurzes Waldbad tut allen gut.

Anteil der Baumarten in Niedersachsens Wäldern

Der Anteil der Baumarten in den Wäldern der Landesforsten, um Bremen herum gibt es aber mehr Mischwald und nur zehn bis zwölf Prozent Fichten.

Verteilung der Bäume in Fläche Nadelbäume Laubbäume Birke, Erle, Pappel Eiche Buche Ahorn, Kirsche, Eiche usw. 3,9% 5,3% 12,5% 22,6% rche Kiefer Fichte Douglasie 4,6% 4,9% 22,6% 23,6%
Quelle: Niedersächsische Landesforsten

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 1. April 2021, 23:30 Uhr