Schüler aus ganz Deutschland sind "Chef" dieses Landwirts aus Cuxhaven

Ein Landwirt aus dem Kreis Cuxhaven baut neuerdings Vogelfutter an. Dafür wird er von einer Schülerfirma bezahlt. Die Idee zum grünen Geschäftsmodell stammt aus der Region.

Audio vom 10. Mai 2021
Ein Schild mit der Aufschrift "Hier entsteht wildvogel-futter.de" hängt zwischen Bäumen.
Bild: Radio Bremen | Martina Niemann
Bild: Radio Bremen | Martina Niemann

Noch ist der rund fünf Hektar große Acker recht karg. Nur ein großes weißes Plakat gibt den Hinweis, was hier in Stinstedt im Landkreis Cuxhaven bald wachsen soll: "Hier entsteht wildvogel-futter.de" ist da zu lesen. Vor rund zwei Wochen hat Landwirt Christian Pülsch-Janßen Sonnenblumenkerne gesät. Vorher stand dort Mais. Lein wächst einige Felder entfernt und auf den Äckern gegenüber sollen Buchweizen, Hanf und Mohn Wurzeln schlagen.

Blick auf einen Acker.
Noch ist auf dem Acker nicht viel zu erkennen. Bild: Radio Bremen | Martina Niemann

Was erst mal unspektakulär klingt, hat bundesweite Bedeutung. Denn seine "Chefs" drücken noch die Schulbank: Ein Schüler-Start-up hat ihn mit dem Anbau beauftragt. Im Onlineshop "wildvogel-futter.de" verkaufen die Jugendlichen das Vogelfutter. Die "Speisekarte" im Internet-Shop erinnert an ein Restaurant: Bestellen kann man dort unter anderem "das kleine Frühstück" oder den "Mittagstisch".

Mit ihrem Unternehmen wollen die Schüler einem Landwirt einen profitablen Anbau von Saaten wie Sonnenblumen und Mohn ermöglichen – der Natur zuliebe. Mit dem Geld, das die Schüler mit dem Futter-Verkauf verdienen, zahlen sie dem Landwirt eine Vergütung. Außerdem bekommen die Vögel so hochwertiges Futter aus regionalem Anbau. Pülsch-Janßen hat bislang auf Milchviehhaltung und Maisanbau gesetzt –jetzt nutzt er 20 Prozent seiner Flächen für Naturschutzprojekte wie den Wildvogelfutteranbau.

Mitarbeiter treffen sich virtuell

Initiiert hat das Projekt die Unternehmerin Elke Freimuth aus Belum bei Otterndorf (Landkreis Cuxhaven), die früher als Lehrerin gearbeitet hat. Sie ist Gründerin der Naturschutzorganisation wilde-natur.org. "Als das mit Corona hochkam, sind ja für die Schüler ganz viele Praktika ausgefallen und gleichzeitig war es eigentlich schon immer so eine Idee, Unternehmertum in die Schule zu bringen", erzählt sie. Ehemalige Kollegen waren begeistert: "Auf einmal waren neun Schulen aus vier Bundesländern dabei."

Eine Schülerfirma wurde gegründet, mithilfe von Experten die richtige Wildvogelfuttermischung erarbeitet und eine eigene Homepage aufgebaut. Beteiligen können sich Jugendliche aus ganz Deutschland, die mindestens die neunte Klasse besuchen. Die Treffen finden per Videokonferenz statt.

Sechs Personen sind um einen Trecker versammelt.
Elke Freimuth (vorne, von links), Tim von Glahn, Johanna Neuhaus (hinten, v. l.), Carolin von Rummell, Christian Pülsch-Janßen und Lennart Westphal engagieren sich für Naturschutz Bild: DPA | Sina Schuldt

Seit der Gründung dabei ist der 14-jährige Lennart aus Otterndorf: "Ich war von Anfang an vom Projekt überzeugt, weil ich mir gedacht habe, dass diese Idee eigentlich funktionieren muss." Die 16-jährige Lenya aus Hamburg war anfangs skeptisch. Ihr sei nicht klar gewesen, dass in Vogelfutter Inhaltsstoffe aus weit entfernten Gebieten enthalten sind und dass Futter hier gut angebaut werden kann – mit den Nährstoffen, die Vögel brauchen. "Aber als Elke mir das dann erklärt hat, war ich dann auch sehr schnell Feuer und Flamme."

Schüler kümmern sich um Finanzen und Pressearbeit

Die Schüler haben unterschiedliche Aufgaben im Start-up übernommen, vom Einkauf über das Produktmanagement bis hin zur Pressearbeit und den Finanzen. "Natürlich nehmen wir auch was ein. Aber diese Erfahrung, die wir jetzt machen, die würden wir ja normalerweise niemals kriegen. Deshalb sagen wir immer, dass unserer Bezahlung unsere Bildung ist", sagt Lenya. Die finanziellen Einnahmen nutzen die Schüler für Neuanschaffungen.

So hat sich das Vogelfutterprojekt zu einem umfassenden Naturschutzprojekt entwickelt. Neben Vogelfutter bietet das Schüler Start-up auch Nistkästen an. Einige davon hängen am Acker in Stinstedt. "Wir haben hier vor Ort auch verschiedene Naturschutzmaßnahmen, die wir in Beratung mit unserem Biologen umsetzen. Ob das jetzt ein Stein-Biotop ist oder ein Blühstreifen. Wir gucken uns das in regelmäßigen Abständen an: Welche Tiere haben sich angesiedelt? Was können wir hier Gutes tun?", erklärt Freimuth.

Bald weniger Milchviehhaltung?

Landwirt Pülsch-Janßen hofft jetzt auf ein erfolgreiches Erntejahr. "Das ist natürlich auch ein Risikogeschäft, was wir jetzt gerade machen. Aber wenn man neue Wege gehen will, dann gehört auch ein bisschen Risiko dazu", sagt er. Wenn sich das Projekt in den ersten Jahren gut entwickle, könne er sich auch vorstellen, weniger in die Milchviehhaltung und mehr ins Vogelfutter zu investieren. "Wir sind schon alle sehr gespannt, wie das aussehen wird. Für uns ist das alles komplettes Neuland, und wir sind echt gespannt, was daraus wird."

Im Kreis Cuxhaven arbeiten Schüler für den Naturschutz

Video vom 30. Mai 2021
Ein Schüler zeigt sein nachhaltiges Projekt mit seinem Vogelhaus und Vogelfutter im Interview.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Sonja Harbers Autorin
  • Martina Niemann

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Vormittag, 10. Mai 2021, 10:45 Uhr