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Warum eine millionenschwere Bremer Kunstsammlung zu vergammeln droht

Die Sammlung verschwindet in China, Teile tauchen wieder auf. Mittendrin: eine Bremer Sammlerin und Werften-Millionär Peter Lürßen. Eine Recherche von Süddeutscher Zeitung und Radio Bremen.

Video vom 16. Januar 2021
Eine Kunstausstellung in der Weserburg.
Bild: Radio Bremen

Eine Kunstsammlung tourt seit 2016 durch chinesische Städte. Kurz vor der letzten Ausstellung 2018 verschwindet sie plötzlich. Der Wert, mit dem die Sammlung versichert war: 50 Millionen Euro. Jetzt taucht sie in Teilen wieder auf – und mit ihr eine bislang unbekannte mögliche Verbindung zum Bremer Werfteigentümer Peter Lürßen. Das haben Recherchen der Süddeutschen Zeitung (SZ) und Radio Bremen ergeben.

Zu der Sammlung gehören 87 Werke von Anselm Kiefer, 152 von Markus Lüpertz und 103 Fotografien von Renate Graf. Der tatsächliche Wert wird von einem Kunstexperten aus Deutschland auf 100 Millionen Euro geschätzt. Einen Großteil machen wohl die Kiefer-Werke aus: 60 bis 80 Millionen Euro. Hinter der Sammlung steht die Bremerin Maria Chen-Tu, genannt Madame Tu, die als Kind mit ihren Eltern aus Taiwan nach Deutschland kam. Sie stellte die Kunst für die Ausstellungen in China zur Verfügung. Doch jetzt stellt sich die Frage, ob ihr die Sammlung auch gehört.

Sammlung kommt für eine Ausstellung nach Peking

Das Rätsel um die verschwundenen Kunstwerke beginnt im Herbst 2016 mit einer Ausstellung in Peking. Organisiert von Madame Tu und langersehnt von den Kunsthungrigen in China. Nicht nur in Peking gibt es einen großen Ansturm auf die Ausstellung, in den anderen Städten ebenfalls.

Die letzte Ausstellungen in Shenzhen wird von Huawei gesponsert. 300.000 Euro bezahlt der chinesische Elektronikkonzern, damit die Werke auch in Shenzhen zu sehen sind. Doch dieses Geld geht nicht etwa an die Sammlerin Maria Chen-Tu.

Huawei wird aufgefordert, es nach Wien zu überweisen. An die Privatstiftung Holster, die als juristische Person hinter der Kunstsammlung von Maria Chen-Tu steht. Damit ist die Stiftung quasi die Eigentümerin der Kunstwerke. Die Stiftungsurkunde aber führt folgende Namen als Stifter auf: Peter Lürßen und seine drei Kinder. Gehört die Sammlung also dem Bremer Werfteigentümer und Kunst-Mäzen Lürßen? Gegenüber der SZ und Radio Bremen äußert er sich nicht. Auch von Chen-Tu gibt es dazu kein offizielles Statement. Dieses Schweigen dürfte die Rückkehr der Kunstwerke nach Europa wenigstens erschweren.

Öffentlichkeitsscheue Kunst-Liebhaber

Lürßen und Chen-Tu kennen sich seit vielen Jahren, sind laut Chen-Tu eng befreundet. Lürßen äußert sich dazu nicht. Schon in der Vergangenheit gab es Geschäftsbeziehungen zwischen der Lürssen-Werft und Chen-Tu. Trotzdem taucht Madame Tu in deutschen Medien so gut wie nie auf.

Im November 2019 ändert sich das. Die Kunstsammlerin tritt vor die Kameras, gibt in Peking eine Pressekonferenz. Neben ihr der Künstler Markus Lüpertz. Er kritzelt auf einem Block, sie wirkt genervt. Sie verkündet: Ihre Sammlung ist verschwunden. Er sagt: Darunter seien wichtige Werke seiner frühen Schaffensphase.

Video vom 16. Januar 2021
Der Künstler Markus Lüpertz und die Kunstsammlerin Maria Chen-Tu bei einer Pressekonferenz in Peking.
Bild: Radio Bremen

Die Werke verschollen scheinbar während des Transports zum letzten Ausstellungsort Shenzhen. Unter Verdacht gerät ein chinesischer Geschäftsmann Ma Yue. Er habe laut Chen-Tu als Mittelsmann die Ausstellungen in China organisiert. Kurator der Ausstellung ist Wenzel Jacob, ehemaliger Direktor des Bonner Kunsthauses. Anfangs arbeitete Ma laut Jacob noch mit einem deutschen Aufbauleiter und einer Spedition zusammen, die den Transport in China und die Verzollung abwickeln.

Aber in dem Moment, in dem Ma es komplett alleine übernahm und nicht mehr den Transport durch eine europäische Firma gestalten ließ, […] fing es an, schwierig und unkontrollierbar zu werden. Das war meines Erachtens der Anfang vom Ende.

Wenzel Jacob, ehemaliger Direktor des Bonner Kunsthauses

Kein Vertrag über die Ausstellungsbedingungen abgeschlossen

Mit einem Mal waren die Kunstwerke nicht mehr aufzufinden. Einen Vertrag über die Leihgabe der Werke gibt es laut Maria Chen-Tu nicht. Eine Kunstsammlung, deren Wert viele Millionen beträgt, tourt durch mehrere chinesische Städte – aber kein Papier hält fest, wer wofür zuständig ist und wie mit den Werken umgegangen werden muss. Und auch nicht, was das Ziel der Ausstellung ist. Das klingt unglaublich.

Maria Chen-Tu sagt, es ginge um Kulturaustausch. Darum, China die Werke Kiefers und Lüpertz‘ zu zeigen, den Kunsthungrigen die deutsche Moderne näher zu bringen.

Ma Yue sagt, der kulturelle Aspekt sei nicht die Motivation der Ausstellung gewesen. In China lebten viele sehr reiche Menschen. Die Ausstellung sollte seinen Angaben zufolge eine Verkaufsshow sein. Es steht Wort gegen Wort. Und die Kunstwerke bleiben verschollen.

Verschollene Kunstwerke wohl in Shenzhen

Bis jetzt: Während der Recherche der SZ und Radio Bremen ist klar geworden, dass zumindest ein Teil der Kiefer-Werke laut Yue in Shenzhen lagert. Möglicherweise unter schlechten Bedingungen, wie ein Reporter der Süddeutschen Zeitung vor Ort feststellt.

Lagern in dieser Halle die verschollenen Kunstwerke?

Video vom 16. Januar 2021
Die Lagerhalle in Shenzhen in der möglicherweise die Kunstwerke des Künstlers Anselm Kiefer stehen.
Bild: Radio Bremen

Die Luftfeuchtigkeit sei hoch, berichtet er, es sei sehr warm. In einem Verschlag würden Kisten stehen, auf einer die Aufschrift "fragil" und "Die Frauen der Antike". Ob die Werke wirklich in den Kisten sind, sei allerdings nicht zu sagen. Die Lüpertz-Werke sollen zum Teil in Hongkong lagern. Seine empfindlichen Frühwerke – zum Teil aus Fischleim – und auch die Bremer Stadtmusikanten, eine Bronze, 4,50 Meter groß.

Behörden fordern Offenlegung der Eigentumsverhältnisse

Doch wenn vermutet wird, wo die Kunstwerke sind – warum holt Maria Chen-Tu die Werke nicht zurück nach Bremen? Dafür fordern die chinesischen Behörden, dass die Eigentumsverhältnisse für die Sammlung öffentlich gemacht werden. Chen-Tu ziert sich allerdings und scheint bisher keine Angaben zu machen. Peter Lürßen äußert sich gar nicht. Und die deutsche Gegenwartskunst von internationalem künstlerischen Rang modert womöglich weiter in ungeeigneten Lagerräumen. Ende der Geschichte bislang offen.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 16. Januar 2021, 19:30 Uhr