Interview

Kein Kontakt wegen Corona: Bremens Psychotherapeuten behandeln online

Bremens Psychotherapeuten sollen direkten Kontakt zu Patienten meiden. Jetzt wird die Branche virtuell. Das stellt Prinzipien auf den Kopf - sichert aber die Versorgung.

Ein junger Mann spricht mit seiner Psychiaterin.
Die Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut im direkten Kontakt ist wichtig für die Wirksamkeit der Therapie. (Symbolbild) Bild: DPA | Mascha Brichta

Die Psychotherapeutenkammer Bremen hat ihren Mitgliedern nahegelegt, Patienten nicht mehr im direkten Kontakt zu behandeln. Jetzt stellen die Behandler auf Online-Psychotherapie um. Die ersten arbeiten schon seit Montag per Video. Das erfordert ein Umdenken, denn die Beziehung zwischen Klient und Psychotherapeut gilt als besonders wichtig. Wie es funktionieren kann und ob das für alle Beteiligten klappt, erzählt Christoph Sülz. Er ist Mitglied im Vorstand der Psychotherapeutenkammer und arbeitet im Bremer Viertel.

Herr Sülz, ist es jetzt komplett verboten, Patienten im selben Raum zu behandeln?
Nein, es gibt kein explizites Verbot. In den Anordnungen des Bundes und des Landes heißt es, Einrichtungen des Gesundheitswesens sind ausgenommen. Die Empfehlung von der Psychotherapeutenkammer Bremen ist es aber, nicht mehr im direkten Kontakt zu behandeln. Auch, weil die Patienten sich ja in der Öffentlichkeit bewegen müssen, um Termine wahrzunehmen. Da ist unsere Auffassung in der Kammer, dass wir niemanden nötigen wollen, in die Öffentlichkeit gehen zu müssen. Gleichwohl bleibt es jeder Psychotherapeutin überlassen, darüber gemeinsam mit ihren Patientinnen zu entscheiden und die Risiken im Einzelfall abzuwägen.
Psychotherapeuten haben schon angefangen oder wollen online behandeln. Wie sieht das aus?
Im Moment versuchen wir, Video-Sitzungen zu machen. Dafür müssen die Praxen umgestellt werden. Wir können seit April vergangenen Jahres schon Video-Psychotherapie-Sitzungen durchführen. Das war bisher auf maximal 20 Prozent der Behandlungen begrenzt. Aber das Kontingent wurde nie ausgeschöpft. Diese Begrenzung ist ab dem 1. April aufgehoben. Erst einmal bis zum Ende des Quartals.
Wie gut kann man Psychotherapie per Video denn überhaupt durchführen?
Es ist nicht der Goldstandard. Das ist in der Psychotherapie der persönliche Kontakt. Weil die Beziehung, die da entsteht in dem Setting, eine andere Qualität hat - und daraus auch eine Wirksamkeit der Psychotherapie entsteht.Trotzdem funktioniert es. Denn das Erste ist, mit den Patienten in Kontakt zu sein. Das haben wir auch über die Video-Behandlung, einfach in Kontakt zu bleiben. Und das ist zurzeit besonders wichtig.
Wieso ist in Zeiten von Corona der Kontakt zwischen Therapeut und Patient besonders wichtig?
Wir erleben durch die Ausgangsbeschränkung massiv Kontaktabbrüche. Man hat weniger Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen, weniger Kontakt zu Familienmitgliedern, Freunden. Und Menschen mit psychischen Erkrankungen haben häufig eh weniger Kontakt, weil sie sich mehr zurückziehen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Praxen weiter offen halten, weil der Kontakt zum Psychotherapeuten häufig einer der wenigen oder einzige Kontakt ist.
Der Bremer Psychotherapeut Christoph Sülz schaut in die Kamera.
Dr. Christoph Sülz ist psychologischer Psychotherapeut und Mitglied im Vorstand der Psychotherapeutenkammer Bremen. Bild: Privat
Wie genau arbeiten Sie per Video?
Wir versuchen auf jeden Fall inhaltlich Psychotherapie zu machen. Beraten könnte auch die Telefon-Seelsorge, die Mitarbeiter dort sind dafür hervorragend ausgebildet. Wir wollen auch die psychotherapeutische Qualität liefern, die wir sonst liefern können. Aber wir müssen uns ein wenig umstellen. Als Verhaltenstherapeut arbeite ich stark an der Symptomatik. Das bedeutet zum Beispiel bei Ängsten, wir gehen raus. Wir suchen Situationen auf, wo Ängste ausgelöst werden. Die suchen wir auf, um neue Lernerfahrungen zu machen. Dieses Übungsfeld ist jetzt verschlossen. Da müssen wir kreativ sein. Das geht dann zum Beispiel in der gedanklichen Vorstellung, oder man simuliert eine Situation aus dem Alltag. Zum Beispiel eine Prüfungssituation oder das Einkaufen - da machen wir Rollenspiele.
Sie sprechen ja jetzt von Ihren Patienten, die schon länger in Behandlung sind. Können Menschen jetzt auch mit einer Psychotherapie starten?
Seit heute können wir auch mit Neupatienten Erstgespräche per Videobehandlung durchführen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung geht aktuell davon aus, dass die direkte Anwesenheit der Patienten grundsätzlich erforderlich ist. Insbesondere zur Abklärung, ob eine Psychotherapie überhaupt die richtige Behandlung ist, sei der unmittelbare persönliche Kontakt im Regelfall notwendig. Wir Psychotherapeuten haben nun genau abzuwägen, ob wir diesen direkten Kontakt in der Praxis in der aktuellen Situation verantworten können oder uns doch mit den Patienten für erste Kontakte per Video entscheiden.
Es wirkt, als würden sich alle bemühen, die Versorgung zu sichern. Aber sind Psychotherapeuten dafür ausgerüstet? Oder müssen Sie jetzt investieren?
Wir dürfen nur mit zertifizierten Video-Anbietern arbeiten. Mit Skype oder ähnlichen Programmen geht das natürlich wegen des Datenschutzes nicht. Die zertifizierten Anbieter sichern zu, dass die Verbindung zwischen Therapeut und Patient sicher ist. Da gibt es kostenfreie und kostenpflichtige Angebote. Da ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen auch schon so weit, dass es mehrere Anbieter gibt, Telemedizin ist ja schon länger erlaubt. Es macht natürlich Sinn, in Technik zu investieren, die ich noch nicht habe. PC mit Webcam, Headset. Dafür kriegen wir auch Investitionskosten von den Krankenkassen erstattet.
Kann jeder zeitlich nahtlos zu Video-Sitzungen übergehen? Haben Sie genauso viele Termine wie immer?
Im Moment, bei mir in der Praxis ganz konkret, da habe ich weniger Termine. Ich stelle aber auch zurzeit um auf die Online-Behandlung, die Zeit nehme ich mir. Ich muss mit allen Patienten sprechen, auch Einwilligungen einholen - wegen des Datenschutzes. Es gibt auch nachvollziehbare Vorbehalte: Nicht jeder will, dass man in sein Wohnzimmer schauen kann.
Bedeutet das, dass einige Psychotherapeuten doch weniger arbeiten werden und das Einkommen einbrechen könnte?
Ob das Einkommen wegbricht, ist unklar. Das können wir nicht einschätzen. Von der kassenärztlichen Vereinigung haben wir die Zusage, dass wir die monatlichen Abschlagszahlungen weiter bekommen. Aber wenn keine Leistungen mehr erbracht werden, müssen wir damit rechnen, dass wir auch die Abschläge zurückzahlen müssen. Alle, die privat tätig sind und von den Patienten direkt bezahlt werden, sind zunächst nicht abgesichert. Und wir haben auch Arbeitgeber unter den Psychotherapeuten. Die stehen vor dem Problem, wie jeder andere Kleinunternehmer auch: 'Wie kann ich meine Leute noch bezahlen, habe ich genug Arbeit, um die zu beschäftigen?' Die stehen vor Kurzarbeit. Gerade Praxen, die noch neu sind, noch nicht so viele Patienten haben werden es schwieriger haben.
Abschließend noch die Frage: Welchen Tipp möchten Sie den Menschen in diesen Zeiten aus Ihrer psychotherapeutischen Sicht am liebsten mitgeben?
Dass es bei Ausgangsbeschränkungen nicht um soziale Isolierung geht. Alles, was mit Isolation verbunden ist, finde ich für unsere Patienten kritisch. Den Begriff "Social Distancing" finde ich unpassend. Es geht doch eigentlich um körperlichen Abstand. Erhalten sie eine Tagesstruktur, halten Sie Kontakte zu anderen - und nutzen Sie dafür alle Kommunikationskanäle, die Ihnen zur Verfügung stehen.

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Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 25. März 2020, 23:30 Uhr