Infografik

"Einfach ein guter Ort" – im Bremer Nachtcafé für psychisch Kranke

Er wollte nicht "krepieren". Schwer depressiv suchte Oliver Baumann Hilfe. Im Nachtcafé bekam er sie. Wie bringt dieser Ort Menschen in Krisen durchs Leben – auch jetzt in der Pandemie?

Ein Kunde sitzt in einem Café und wird von einer Frau mit Schutzmaske bedient.
Oliver Baumann* kommt seit zwei Jahren fast täglich ins Nachtcafé. Hier kann er mit geschulten Mitarbeiterinnen sprechen. Bild: Radio Bremen | Birgit Reichardt

Schummrig ist es in dem schmalen, langen Raum des Cafés. Nur ganz hinten der Tresen leuchtet, fast ein bisschen grell. Die goldenen Punkte der Lichterkette an den Fenstern dagegen wirken warm, machen es ein bisschen behaglich. It’s been a hard days night … aus dem Radio klingt ein Beatles-Klassiker. Drei Gäste haben in dieser kalten Nacht bislang hierher nach Walle gefunden und sitzen mit Hygiene-Abstand einzeln an den dunklen Tischen. Das Nachtcafé ist das einzige Café in Bremen, das mitten im Corona-Lockdown geöffnet hat – ein Ort für Menschen mit psychischen Erkrankungen und in Krisen.

Ich habe irgendwann gedacht: 'Entweder ich krepiere oder ich mach' irgendwas.‘ Dann bin ich hier aufgeschlagen.

Oliver Baumann*, Besucher Nachtcafé Bremen

"Jeder hat seine Geschichte, der hier im Hause ist", sagt Oliver Baumann*. Bis eben hat er noch, mit dem Ellenbogen auf der roten Kunstlederbank gestützt, in einem dicken Buch gelesen. Jetzt sitzt er aufrecht, spricht sachlich und ruhig gegen die Luftfilteranlage an, ein großer grauer Kasten, der gegenüber vom Tisch stehend fortwährend brummt. "Ich habe irgendwann gedacht: 'Entweder ich krepiere oder ich mach' irgendwas.‘ Dann bin ich hier aufgeschlagen."

Zehn Jahre keine Kontakte

Ein Kunde sitzt allein in einem Café
Oliver Baumann hatte sich zurückgezogen, zehn Jahre lang hatte er fast keine Kontakte. Bild: Radio Bremen | Birgit Reichardt

Oliver Baumann ist groß, kräftig, breite Schultern – ein Mann wie ein Baum, der anpacken kann, würde man meinen, wenn man dem 51-Jährigen auf der Straße begegnete. Und lange war es auch so, wie er erzählt. 15 Jahre in derselben Firma, vom Lehrling bis zum stellvertretenden Meister. Als das Unternehmen Stellen abbaute, fand er woanders einen guten Job. Als Anlagenführer in einem großen Bremer Betrieb. Dann der Absturz. Zehn Jahre lang verließ Baumann so gut wie nie seine Wohnung. Zehn Jahre keine Kontakte, Isolation. "Ich war nur am trinken gewesen und habe Fernsehen geguckt." Was er damals nicht wusste: Er rutschte immer tiefer in eine schwere Depression.

Am 5. November 2018 startete Oliver Baumann einen neuen Versuch, zurückzufinden ins Leben: Es ist sein erster Besuch im Nachtcafé.

Offen und niedrigschwellig soll das Nachtcafé sein, das ist Andreas Schäfer-Hockmann wichtig. Er ist Teamleiter im Nachtwerk, dem Modellprojekt, zu dem das Café gehört. "Menschen sollen einfach hierher kommen können", sagt der Sozialarbeiter. Und das Angebot wird angenommen. Vor Corona waren laut Schäfer-Hockmann an einem Abend 15 bis 25 Menschen zu Besuch. Einige mit chronischen Erkrankungen, andere mit Angststörungen, die nicht alleine sein können, wiederum welche, bei denen der Tag-Nacht-Rhythmus gestört ist. "Die sitzen hier, verbringen den Abend, können mal ihren Tag besprechen." Manche haben schwere Krisen, so wie Oliver Baumann vor gut zwei Jahren. "Wir machen keine Psychotherapie, aber wir reden mit ihnen und helfen ihnen durch die Nacht." Zwei bis drei geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dafür täglich von 20 bis 1:30 Uhr vor Ort.

Verwundet ins Erwachsenenleben

Oliver Baumann ist in Bremen-Walle aufgewachsen, wohnt bis heute dort. Das Nachtcafé, fast um die Ecke, kannte er nicht. Einmal nutzt er einen der besseren Tage, rafft sich auf und holt sich im Volkshaus Informationen über Hilfsangebote – für Menschen ohne Krankenversicherung. Denn die hat er schon seit Jahren nicht mehr. Darunter der Flyer fürs Nachtcafé. "Ich bin gleich zum Tresen hin", erinnert er sich. Die Mitarbeiterin bietet ihm ein Gespräch an: "Das hat mir so gut getan, dass ich dann jeden Tag hier war."

Das hat auch schon geholfen, dass man nicht verurteilt wird. Für den Lebensstil, den man gehabt hat, getrunken hat, Drogen genommen hat. Dass man so genommen wird, wie man ist.

Oliver Baumann, Besucher Nachtcafé für psychisch Kranke

Schon beim ersten Mal habe er gespürt, dass ihm jemand gegenüber sitzt, der ihm wirklich helfen will. Und er hat vieles verstanden, wie er sagt. Dass er eine Erkrankung hat – dass es Ursachen gibt. Nach einer Kindheit mit einem gewalttätigen Vater schon verwundet entlassen in ein Erwachsenenleben mit Schicksalsschlägen, die auch stabile Persönlichkeiten ins Wanken bringen können.

Einmal ist Oliver verheiratet, das gemeinsame Kind wird tot geboren. "Das haben wir nicht verkraftet." Ein paar Mal ist er mit Mitte 20 sogar bei einem Psychotherapeuten – nachdem er seinen Cousin leblos in dessen Wohnung gefunden hat. Doch Einlassen auf die Behandlung, das geht da noch nicht. "Früher konnte man sich das gar nicht erlauben, dass man einen Burnout kriegt, oder eine Depression. Da musste man funktionieren", sagt er. Jahre später verliert er wieder seine Arbeit. "Laut Sozialplan war ich der Erste auf der Straße." Dann weitere private Probleme. Von seiner Freundin, mit der er damals eine zweijährige Tochter hat, trennt er sich. Wann genau was passierte, kriegt er heute nicht mehr zusammen. "Das war nachher zu viel, keine Familie, kein Job, die Basis war weg." Und damit auch die Kraft, weiter zu funktionieren.

Viele Erkrankte – wenige suchen Hilfe

Der Bremer ist bei weitem nicht der einzige mit seelischen Problemen. Pro Jahr erfüllt mehr als jeder vierte Erwachsene – 27,8 Prozent – die Kriterien einer psychischen Erkrankung, in Metropolen etwas mehr als auf dem Land. Nur ein Bruchteil, ein Fünftel, lässt sich Studien des Robert Koch Instituts (2018)** zufolge behandeln. Diese bundesweiten Zahlen sind regional gleichmäßig verteilt, können auf das Land Bremen so übertragen werden, wie das Gesundheitsressort auf Anfrage von buten un binnen bestätigte.

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Corona: "Ist das alles echt?"

Andreas Schäfer-Hockmann
Teamleiter Andreas Schäfer-Hockmann will auch wieder eine Übernachtungsmöglichkeit für Menschen in Krisen schaffen. Bild: Andreas Schäfer-Hockmann

Zum Projekt "Nachtwerk" gehört neben dem Café auch ein nächtliches Krisentelefon. Das klingelt seit Beginn der Pandemie doppelt so häufig wie sonst, sagt Teamleiter Schäfer-Hockmann. Allerdings sei man mit einigen früheren Besuchern dadurch weiter in Kontakt, und die berichteten, sie würden aus Angst vor dem Virus das Haus nicht mehr verlassen. "Sie erzählen, dass sie isoliert sind, es ihnen ganz schlecht geht und wir haben immer mehr Menschen, die über Suizid sprechen." Psychotische Menschen fragten die Mitarbeiter: "Ist das alles echt?" So erklären sie den Betroffenen, dass die Pandemie und ihre Folgen keine wahnhafte Idee, sondern Wirklichkeit sind.

Auch Martina Schmitt* macht die Pandemie zu schaffen. Die 53-Jährige ist Gast der erste Stunde. Die kleine blonde Frau sitzt an einem der Tische, dick eingepackt in ihre Daunenjacke, und blickt meist auf ihr Handy. Weil sie keine Maske tragen kann, komme sie kaum noch raus, erzählt sie. Wegen Corona finde sie es auch zu gefährlich. Im Dunkeln könne sie sowieso nicht alleine vor die Tür gehen. Immer dann, wenn mindestens drei Mitarbeitende vor Ort sind, kann einer entbehrt werden, um sie zu abzuholen für den wichtigen Besuch im Nachtcafé. "Es ist einfach der Kontakt. Auch, wenn ich hier nicht viel rede, bin ich unter Leuten", sagt sie. Und für sie sei es außerdem wichtig, "dass meine Diagnose hier keine Rolle spielt".

Behandlung zu Hause statt im Krankenhaus

Mit 13 Jahren war Martina das erste mal in einer Psychiatrie, viele Aufenthalte in Kliniken folgten, sie lebte in therapeutischen Wohngemeinschaften. Lange wurden ihr Psychosen bescheinigt. Vor neun Jahren dann eine neue Diagnose: Dissoziative Identitätsstörung – man spricht auch von multipler Persönlichkeit, eine der am seltensten diagnostizierten psychischen Erkrankungen in Deutschland. "Ich habe schon erlebt, dass viele damit nicht umgehen können", sagt Martina Schmitt. "Hier ist das aber völlig ok, hier gibt es keine Vorbehalte.

Sie macht immer wieder geplante stationäre Aufenthalte, eine Intervalltherapie, wie Martina Schmitt erklärt. "Die Kombination ist total gut. Wenn ich zu Hause bin, kann ich hierher kommen. Die kennen mich hier ja, die haben ein Hintergrundwissen." Dazu gehört auch, dass sie eine schwere Schlafstörung hat. Die Nacht sei zwischen 0 und 1 Uhr beendet. "Dann geht es halt los im Kopf, dann hat man Gehirnfasching." Inzwischen sei sie Stammkundin bei der Telefonseelsorge, eine große Hilfe. "Ja, das ist total gut."

Nachtcafé und Krisentelefon sind offenbar wichtige Stützen für ein freieres, ein eigenständigeres Leben psychisch Kranker. Das ist auch das erklärte Ziel der Psychiatriereform, die Bremen 2013 auf den Weg gebracht hat: Weniger Krankenhausaufenthalte durch Angebote im direkten Lebensumfeld, wie Jörg Utschakowski vom Gesundheitsressort sagt.

Flugzeuge fliegen im Café

Ein Kunde mit Schutzmaske steht in einem Café am Tresen.
Getränke, keinen Alkohol, und Snacks gibt es günstig, ein Tee kostet 30 Cent. Bild: Radio Bremen | Birgit Reichardt

Doch in den acht Jahren seit dem Startschuss für die Psychiatriereform wurden laut Gesundheitsbehörde erst 20 Psychiatriebetten in solche Zuhause-Angebote umgewandelt. Grund für den schleppenden Prozess ist laut Utschakowski auch die Finanzierung. Das Sozialgesetzbuch sehe nur Konzepte für Aufenthalte in Kliniken vor. Deshalb habe Bremen bundesweit einmalig mit den Bremer Krankenkassen und dem Klinikverbund Gesundheit Nord um passende Finanzierungsmodelle gerungen: "Wir haben Paragraphen weitgehend ausgelegt, neu interpretiert und haben gesehen: 'Das scheint zu funktionieren'", so der Reformverantwortliche. "Die Basis ist da, wir sind auf dem Weg", ist er sicher.

"Da fliegen die Gedanken, da wird man verrückt irgendwann.

Martina Schmitt*, Besucherin Bremer Nachtcafé

Martina Schmitt lebt bereits betreut in ihrer eigenen Wohnung. Das ist gut, aber immer dort alleine sein? Nein, das gefällt ihr gar nicht. "Da fliegen die Gedanken, da wird man verrückt irgendwann." Da geht sie lieber ins Nachtcafé, auch, wenn der Spaßfaktor, wie sie sagt, im Moment etwas niedrig ist. "Vor Corona haben wir viel gespielt hier, das ist jetzt nicht mehr möglich, weil wir so weit auseinander sitzen müssen." Einmal hätten sie aus einer Tageszeitung Papierflieger gebaut, die dann wild durchs Café geflogen sind, erinnert sie sich und lacht, bevor sie einmal tief einatmet und ihr mit dem Ausatem wie selbstverständlich entgleitet: "Ja, es ist einfach ein guter Ort."

Glück und Freude mit Krankheit

Nachdem das Nachtcafé im ersten Lockdown geschlossen war, sind Team und Besucher froh, dass es unter strengen Auflagen jetzt offen ist. "Viele Menschen leben jahrelang mit Krankheiten, und das ist Leid, das ist schwer, sich durch das Leben zu kämpfen und zu sagen: 'Ich sehe da was Gutes – zum Beispiel ins Nachtcafé zu gehen, da sind nette Menschen mit denen ich reden kann und denen ich von meinem Tag erzählen kann.' Das ist Glück, das ist Freude", erklärt Schäfer-Hockmann.

Wir wollen eine bessere Psychiatrie machen und wir sind überzeugt, dass sie am Lebensort der Menschen stattfinden muss.

Jörg Utschakowski, Gesundheitsressort Bremen

Noch ist das Café aber in der Projektphase, bezahlt aus Modell-Mitteln der Psychiatriereform. Laut Ressort will man es erhalten und sucht aktuell nach langfristigen Finanzierungsmöglichkeiten, damit es Teil des Krisenkonzeptes bleibt.

Rückkehr ins Leben

Seit Oliver Baumann das Nachtcafé besucht, hat sich bei ihm viel verändert. Es haben sich Freundschaften entwickelt, man helfe sich gegenseitig – und lasse sich in Ruhe, wenn keine Hilfe gewünscht ist, erklärt er in seiner ruhigen Weise das Wirkgefüge im Nachtcafé, in dem sein Lebensmut zurückkehrte: "Am Anfang konnte ich keine normalen Gespräche führen, ich konnte mich nicht richtig konzentrieren. Wenn man zehn Jahre alleine ist, verlernt man das. Unterhalten, diskutieren - das kann man verlernen. Das habe ich hier alles wiedergefunden.“

Der Kopf wurde wieder klarer, die Probleme waren nicht mehr so akut, wurden weniger – die Heilung im Geiste, sage ich mal.

Oliver Baumann, Besucher Nachtcafé

Der 51-Jährige ist wieder krankenversichert, kümmert sich um seine Gesundheit und will sein Leben aufbauen: "Das geht manchmal leichter, manchmal schwerer", sagt er und hebt dann doch einmal, ganz leicht, seine Stimme, als er sich an Besuche in der Arge erinnert: Ein Kampf um Geld, aber auch um Würde – "durch die Blume hat er gesagt, dass ich faul bin" – und für die Zeit, die er braucht, bevor er wieder ins Arbeitsleben einsteigen kann.

Er will arbeiten, "was um die Ohren haben", und überlegt unter anderem, eine Ausbildung zu machen, um anderen Menschen in Krisen zu helfen. Ex-In nennt sich das, wenn psychisch Kranke selbst mit all ihrer Erfahrung als Genesungsbegleiter einsteigen. "Man will ja auch was zurückgeben. Weil ich so schnell wieder auf die Füße gekommen bin, bin ich unendlich dankbar für die Leute, die hier arbeiten, und dass sie für die Menschen da sind."

Eines hat sich Oliver Baumann noch für dieses Jahr vorgenommen, und er setzt in dem schummrigen Licht die Teetasse, die er gerade zum Mund geführt hat, wieder ab: "Ich will meine Tochter wiedersehen. Sie ist jetzt 15 Jahre alt…"

It`s been a hard days night ...



*Name von der Redaktion geändert
**
Faktensammlung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung

Diese Hilfen gibt es bei akuten Krisen und Suizid-Gedanken

Video vom 17. Februar 2021
Martin Lison, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost im Interview bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 5. März 2021, 23:30 Uhr