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Lange Arbeitswege: Das macht Pendeln mit unserer Gesundheit

Ferien vorbei: Zehntausende aus Diepholz oder auch Osterholz pendeln also wieder morgens nach Bremen und abends zurück. Ein Experte erklärt, welche Folgen Pendeln für uns hat.

Eine Autokolonne aus Pendlern auf einer morgendlichen Straße.
Stau, Gedränge, Zeitdruck: Pendeln empfinden viele Menschen als stressig. Bild: Imago | Photothek

Pendler, das ist streng genommen fast jeder: Denn die meisten von uns legen eine gewisse Strecke zwischen Wohnung und Arbeitsort zurück. Doch nicht bei jeder Zehn-Minuten-Fahrt lassen sich größere Einflüsse auf den Menschen nachweisen. Mobilitätsforscher wie Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung legen daher andere Maßstäbe an. Der Soziologe erforscht die Auswirkungen des Berufspendelns auf den Menschen.

Von einem relevanten Pendelweg sprechen wir ab einer Fahrzeit von 30 Minuten oder einer einfachen Strecke von 25 Kilometern. Ab 60 Minuten Fahrtzeit oder 50 Kilometern pro Wegstrecke handelt es sich um Fernpendler.

Heiko Rüger, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Pendler fühlen mehr Stress

Doch wie lassen sich gesundheitliche Einschränkungen durch das Pendeln überhaupt feststellen? Da gibt es verschiedene Methoden, erklärt Rüger. "Es gibt relativ viele Studien zum Zusammenhang von Pendeln und Gesundheit. Eine Möglichkeit ist die Befragung von Teilnehmern. Dabei hat sich ergeben, dass das subjektive Stressempfinden von Pendlern im Durchschnitt erhöht ist." Auch wenn es dabei nicht um exakte Messungen geht, habe sich diese Methode bewährt, sagt der Mobilitätsforscher. "Diese Selbsteinschätzung hat sich als recht verlässlich erwiesen."

Für andere Studien werden Fehltage wegen Krankheit ausgewertet, wie beispielsweise bei der jüngsten Erhebung der Techniker Krankenkasse zum Thema, "Mobilität in der Arbeitswelt". Die Autoren der Studie schlossen aus den Versicherten-Daten, dass Berufspendler statistisch gesehen sogar seltener krankgeschrieben waren, nämlich einen halben Tag weniger, als andere Arbeitnehmer mit einem kurzen Arbeitsweg. Allerdings ließen sich mehr Fehltage wegen psychischer Leiden feststellen als bei Beschäftigten ohne längere Anreise zum Arbeitsplatz.

So pendeln die Menschen in der Stadt Bremen:

Karte über Ein- und Auspendlerbewegung der Stadt Bremen Diepholz Nienbu r g V echta Region Hann o v er V e r den Hambu r g Cuxh a v en W esermarsch Osterholz B r emerh a v en Land Oldenbu r g Stadt Oldenbu r g Delmenhorst B r emen Harbu r g Stade Rotenbu r g Heidek r eis Celle O r t A nzahl Diepholz 5.904 V e r den 5.001 Osterholz 4.985 Hambu r g 3.952 Delmenhorst 2.169 (Stadt) B r emerh a v en 1.966 (Stadt) Oldenbu r g 1.531 (Stadt) Hann o v er 1.351 (Region) Oldenbu r g 1.289 W esermarsch 1.284 O r t A nzahl Osterholz 21.011 Diepholz 20.557 V e r den 15.603 Delmenhorst 8.876 (Stadt) Oldenbu r g 7.134 Rotenbu r g 5.026 Cuxh a v en 4.452 Oldenbu r g 3.136 (Stadt) B r emerh a v en 3.076 (Stadt) W esermarsch 3.027 Einpendler A uspendler
Bild: Radio Bremen / Bundesagentur für Arbeit, Stand Juni 2018

Viele Pendler wiegen Zeitverlust mit weniger Schlaf auf

Wieder andere Studien haben sich mit messbaren Werten befasst, um die gesundheitlichen Auswirkungen des Pendelns darzulegen. "Es wurden Werte wie Blutdruck, Herzfrequenz oder die Konzentration von Stresshormonen gemessen. Auch dabei hat sich herausgestellt, dass diese Werte bei Pendlern erhöht sein können", sagt Rüger.

Erklärungen dafür finden Mobilitätsforscher in den besonderen Umständen, denen Menschen beim Pendeln ausgesetzt sind. "Wir unterscheiden direkte Belastungen wie Enge, langes Sitzen oder Erschütterungen bei der Fahrt, und indirekte Belastungen wie Zeitverlust durch das Pendeln. Das kann zum Beispiel zu Konflikten in der Familie führen und dann Stress verstärken. Auch die Leistungsfähigkeit kann gemindert sein" erklärt Rüger. "Eine Studie hat gezeigt, dass viele Pendler am Schlaf sparen. Es fehlt also die Zeit zur Regeneration." Welches Verkehrsmittel den wenigsten Stress auslöst, lasse sich übrigens nicht pauschal sagen. Es kommt auf die Rahmenbedingungen an.

Pendeln mit dem Auto wird in Städten und Ballungsräumen als stressig empfunden, auf dem Land ist der Stressfaktor das Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahn.

Heiko Rüger, Mobilitätsforscher

Das lasse sich so erklären: Auf dem Land sind die Verbindungen in der Regel weniger gut und eng getaktet, in Städten hingegen kommt es oft zu Staus oder zu Gedränge während der Stoßzeiten am Morgen und Abend.

So pendeln die Menschen in Bremerhaven:

Karte über Ein- und Auspendlerbewegung der Stadt Bremerhaven Diepholz B r emen V e r den Hambu r g Cuxh a v en Wilhelmsh a v en No r dfriesland Land Oldenbu r g Stadt Oldenbu r g Harbu r g Stade Rotenbu r g W esermarsch Osterholz Heidek r eis Celle O r t A nzahl Cuxh a v en 4.105 B r emen 3.076 (Stadt) W esermarsch 602 Hambu r g 485 Osterholz 250 Rotenbu r g 200 Oldenbu r g 172 (Stadt) No r dfriesland 105 Wilhelmsh a v en 103 (Stadt) Diepholz 99 O r t A nzahl Cuxh a v en 17.257 B r emen 1.966 (Stadt) W esermarsch 853 Osterholz 718 Rotenbu r g 466 Hambu r g 226 Diepholz 169 V e r den 156 Stade 151 Oldenbu r g 109 (Stadt) B r emerh a v en Einpendler A uspendler
Bild: Radio Bremen / Bundesagentur für Arbeit, Stand Juni 2018

Forscher: Arbeitgeber müssen flexibler werden

Um das Pendeln zu reduzieren oder möglichst stressarm zu gestalten, sieht Rüger nicht nur die Pendler selbst, sondern auch Arbeitgeber und Politik gefragt. "Arbeitgeber können Maßnahmen für mehr Autonomie und Flexibilität treffen, zum Beispiel Gleitzeit einführen, Arbeiten im Home Office ermöglichen und darauf achten, dass Termine nicht in die Randzeiten gelegt werden."

Auch sogenannte komprimierte Arbeitswochen könnten helfen, das Wohlbefinden bei Pendlern zu verbessern. Dabei wird beispielsweise an vier Tagen länger gearbeitet, um am fünften Tag erst gar nicht ins Büro kommen zu müssen. "Die Politik kann außerdem dafür sorgen, dass die Infrastruktur für Fußgänger und Radfahrer verbessert wird. Körperliche Bewegung beim Pendeln kann positive Effekte für die Gesundheit haben", sagt der Experte.

Unterwegs mit Pendlern

Pendlerin Petra Schulz im Auto am Steuer.

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  • Verena Patel

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 14. August 2019, 19:30 Uhr