Interview

"In Afghanistan kann man mit wenig viel bewegen"

Der Bremer Mansur Faqiryar war National-Torhüter Afghanistans. Mit seiner Stiftung fördert er dort heute den Fußball – und bietet Jugendlichen so eine Perspektive.

Kinder in Afghanistan spielen Fußball
In Mazar-e-Sharif fördert die Stiftung ein Fußballprojekt für Jugendliche. Bild: Mansur Faqiryar Foundation
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet Fußballprojekte in Afghanistan fördern zu wollen?
Mich über den Fußball für mein Heimatland einzusetzen, war meine größte Motivation, als ich die Möglichkeit bekam, für die afghanische Nationalmannschaft zu spielen.

Die Idee, mich darüber hinaus an der Basis zu engagieren, entstand, als ich 2013 mit Afghanistan Südasienmeister wurde. Hunderttausende haben auf den Straßen gefeiert. Ich hatte so viel Glück, dass ich so etwas erleben durfte. In diesem Augenblick wurde mir klar: Wenn die Leute dies so dermaßen feiern, zeigt mir das, wie sehr sie sich nach solchen Momenten sehnen und danach lechzen. Ich höre mich heute noch auf der VIP-Tribüne des Kabuler Ghazi-Stadion sagen: "Egal wie lange es dauert, ich möchte gerne mit dem Fußball dauerhaft unterstützen, damit wir solche Momente wieder kreieren."

Als ich dann zurück in Bremen war und mich regelmäßig mit Alexander Nouri auf dem Weg zum Training von Bremen zum VfB Oldenburg austauschte, wurde die Idee konkreter. Er war mein Trainer, ich Kapitän, wir hatten und haben einen engen Draht. Durch seine persischen Wurzeln konnte er sich sehr gut in meine Situation hinein versetzen. So sind wir losgezogen und haben aus Freundeskreis und Netzwerk Leute gewonnen, die uns beraten und unterstützt haben.
Seit Juli 2017 läuft in Mazar-e-Sharif, im Norden Afghanistans, das erste Projekt, wo Sie rund 20 Kindern und Jugendlichen Fußballtraining ermöglichen. Sie waren selbst schon vor Ort. Was haben Sie dort erlebt?
Wir hatten vorher nur kleinere Aktionen und Projekte. Ich habe Sport-Kleidung in Waisenhäusern verteilt oder an verschiedenen Turnieren teilgenommen – als Schirmherr oder Schiedsrichter. Aber es ist schon was anderes, wenn du dein erstes laufendes Projekt besuchst. Es war nicht angekündigt, dass ich komme und daher waren die Kinder überrascht und eingeschüchtert. Aber das hat sich schnell gelegt, als der Ball rollte. Ich durfte mit ihnen kicken und es erfüllte mich mit Stolz.

Wir fördern im Rahmen unserer Kicking-Reihe die Kids seit einem Jahr und haben einen Platz angemietet sowie sie mit Kleidung und Bällen ausgestattet. Zudem haben wir ihnen Trainer an die Seite gestellt. Hier in Deutschland ist das selbstverständlich. Überall gibt es Vereine und Möglichkeiten, Fußball zu spielen. Dort halt nicht. Wenn die Kinder berichten, dass sie vorher auf Sand mit kaputten Schuhen gespielt haben, wird einem deutlich, was man mit wenigen Mitteln bewegen kann. Das ist uns wichtig. An der Basis zu arbeiten und den Kids Möglichkeiten zu bieten, die für uns selbstverständlich sind.

Die Planungen für eine Ausweitung der Kicking-Reihe auf Kabul und weitere Städte laufen auf Hochtouren. Es sollen Angebote für Jungen und Mädchen geschaffen werden. Letzteres liegt uns sehr am Herzen, denn Freizeitsport gibt es für Mädchen in Afghanistan im Grunde nicht.
 
Was bringt dieses Projekt den Jugendlichen konkret?
Es geht darum, dass sie einfach ein paar Stunden dem Alltag entfliehen. Dass sie Sport in ihren Alltag integrieren und regelmäßig kicken können, weil es ihre Leidenschaft ist. Sport ist zudem ein hervorragendes Medium, um soziale Werte zu vermitteln, ihnen eine Möglichkeit zu bieten, ihre Emotionen zu kanalisieren und sie für Bildung sowie weitere – zum Teil auch kritische – Themen zu sensibilisieren. Wir wollen Mädchen und Jungen auf dem Weg zur Selbstverwirklichung begleiten und aus ihnen selbstbewusste junge Menschen machen.
Was möchten Sie mit ihrer Stiftung in Afghanistan noch aufbauen?
Das ganz große Ziel ist die Sportschule. Daran arbeiten wir, danach richten wir alles aus. Die Kicking-Reihe ist der erste Schritt, der zweite Schritt wird unser Teamplay für ein Afghanistan-Konzept sein. In diesem wollen wir in Schulen Sport-AGs anbieten, um dadurch das Thema im Alltag zu manifestieren sowie weitere Trainer und Lehrer auszubilden und unseren Betreuerkreis zu erweitern. Anschließend wollen wir gemeinsam mit den Mitarbeitern eine Sportschule aufbauen. Eine sichere Institution zu haben, in der insbesondere Mädchen in einem gesicherten Umfeld, im geschützten Raum, sichtgeschützt, Sport treiben können, ist mein Traum. Die Sicherheit ist neben der Finanzierung immer noch die größte Hürde, wenn man auch Angebote für Mädchen aufbauen möchte.
Brauchen die Menschen dort nichts Wichtigeres als Sportangebote? Schulen, Bildung, Infrastruktur?
Natürlich brauchen sie das. Wir sind jedoch eine vergleichsweise kleine Organisation mit geringen Mitteln. Daher müssen wir uns auf einen Bereich konzentrieren, um gute Arbeit zu machen. Für die anderen Themen gibt es zahlreiche Initiativen und Organisationen, mit denen wir auch schon über Kooperationen diskutiert haben. Es gibt viele Schnittstellen, um Synergien zu schaffen.

Wir haben uns das Medium Sport ausgesucht, weil wir zum einen aus dem Sport kommen und zum anderen, weil es keine deutsche Organisation gibt, die in Afghanistan Sport anbietet. Insofern waren wir dazu gezwungen, eine eigene Organisation zu gründen, wenn wir uns engagieren wollen.
Haben Sie einen Überblick, wieviel Zeit und Geld Sie schon investiert haben?
Nein, das ist auch nicht wichtig, sondern, dass diejenigen, die denken, wir würden uns in irgendeiner Form bereichern, verstehen, dass eine Stiftung zu gründen, auch wenn es eine treuhänderische ist, sehr viel Geld und noch mehr Zeit sowie Geduld in Anspruch nimmt. Von den behördlichen Voraussetzungen und den Kontrollen durch das Finanzamt will ich erst gar nicht anfangen.

Wir alle investieren unsere private Zeit, um uns ehrenamtlich für die Foundation zu engagieren. Was mein Team hier in Deutschland, in Afghanistan und meine Familie natürlich, die mich von Beginn an unterstützt hat, leisten, ist bewundernswert. Sie genießen meinen allergrößten Respekt und Dankbarkeit.

Wenn wir unsere Kids in Mazar spielen sehen und ich daran denke, wie viel Stolz ich gespürt habe, als ich mit den Kids spielen durfte, entschädigt das jeden Aufwand. Hier sieht man, dass auch in einem anderen Teil der Welt mit wenig viel bewegt werden kann. Das macht uns stolz, auch wenn es im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung nur Wenige sind, ist es trotzdem ein Beitrag, den wir leisten.
Wo liegen denn die größten Probleme in einem Land wie Afghanistan?
Die Probleme sind vielschichtig. Afghanistan ist leider seit vier Jahrzehnten der Spielball der Weltmächte. Wir kämpfen gegen eine hohe Arbeitslosenquote, Perspektivlosigkeit, steigenden Drogenkonsum und eine instabile Sicherheitssituation. Hierzulande bekommt man leider nur die Schreckensmeldungen mit, die leider den Alltag in Afghanistan bestimmen. Dass die Jugend Afghanistans mit dieser Situation nicht zufrieden ist, ist selbsterklärend.

Auf der anderen Seite begann in den letzten fünf bis zehn Jahren ein langsames Umdenken. Die junge Bevölkerung Afghanistans, das sind 35 Millionen, denn das Durchschnittsalter liegt unter 19 Jahren, kämpft gegen den Status quo an.

Ich bin der festen Überzeugung: Der Sport kann diese Entwicklung unterstützen. Durch den Sport wollen wir die Jugendlichen vor dem Abdriften schützen und sie in die Lage versetzen, selbst mit anzupacken und ihre Zukunft in Afghanistan zu gestalten. Damit sie wegkommen von dem Gedanken: "Ich bin hier perspektivlos, ich muss ins Ausland."

Wir haben auch oft Gespräche geführt, in denen uns potenzielle Unterstützer mitgeteilt haben, dass sie Angst haben, in Afghanistan zu investieren. Viele fragen sich: "Wie sicher ist das Land? Was ist, wenn morgen die Regierung gestürzt wird." Unsere Antwort lautet in der Regel, dass wir das nicht wissen. Heutzutage kann niemand sagen, was passieren wird. Dafür ist die politische Welt derart dynamisch und unberechenbar geworden, dass alles möglich ist. Aber Fakt ist, dass es die Kids trotzdem gibt und sie gerne Fußball spielen wollen. Und dafür setzen wir uns ein.
  • Maike Albrecht

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Juli 2018, 19:30 Uhr